Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nachhaltig investieren
Luftikus

Der Luftikus

Jeder zweite Mensch lebt mit dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu sein. Um es zu erreichen, kann vielleicht Elon Musk einmal mehr helfen.

Heute will ich hier mit was Nettem aufwarten. Zwei Drittel des globalen Bruttoinlandprodukts sollen laut einer Studie bis 2050 netto null Treibhausgase emittieren. Denn 56% der Weltbevölkerung haben das Ziel, klimaneutral zu werden. Wir in der Schweiz übrigens auch. Die wenigsten Länder, Regionen, Unternehmen mit so einem Ziel wissen schon, wie sie es erreichen wollen. Aber hey, bis 2050 ist noch Zeit. Jetzt muss erst mal die Tinte trocknen, mit der die Ziele auf Papier gebracht wurden. Und die Bäume müssen nachwachsen, aus denen das Papier gemacht wurde.

Apropos nachwachsen: Was schon feststeht zur Klimaneutralität, ist, dass CO2-Kompensationsprojekte wichtig sein werden, um die Ziele zu erreichen. Denn kaum jemand behauptet, bis 2050 gar nichts mehr emittieren zu wollen. Vielmehr soll das restliche CO2 kompensiert werden, zum Beispiel mit dem Pflanzen von Bäumen, denn die nehmen CO2 auf. Der Ölkonzern Shell hat vorgeschlagen, bis 2050 die Fläche Spaniens mit Bäumen zu bepflanzen. Allzu viele Spanien haben nicht Platz auf dem Planeten. Aber Elon Musk ist sicher schon dabei, Saatgut zu entwickeln, das auf dem Mars spriesst, und das kann er dann mit seiner Elektrorakete dort pflanzen für weitere Kompensationsprojekte.

Besonders beliebt für die Kompensation sind Investitionen in erneuerbare Energie. Dort lässt sich CO2 am günstigsten einsparen. Wobei «einsparen» nicht ganz das richtige Wort ist, denn eine Solaranlage ist kein Baum und speichert kein CO2. Aber der Solarstrom kommt mit weniger CO2 daher als der gängige Strommix in den meisten Ländern. Die Differenz multipliziert mit der Kilowattstunde Strom ergibt die Zahl, wie viel CO2 ich für die Investition ausstossen darf. Erneuerbare Energie ist mittlerweile vielerorts rentabler als fossile oder als Atomkraftwerke. Damit fallen sie als Kompensationsprojekte weg, denn Vorhaben, die am freien Markt umgesetzt werden, dürfen nicht mit Kompensationsgeldern finanziert werden.

Aber wir in der Schweiz müssen uns sicher keine Sorgen machen, dass uns die Kompensationsprojekte ausgehen. Wenn es darum geht, Geld für Bäume und so zu bekommen, sind unsere Bauern innovativ. Im totalrevidierten CO2-Gesetz, das im Juni zur Abstimmung gelangt, haben die Bauern neue Vorschläge für CO2-Kompensationsprojekte eingebracht. Zum Beispiel wollen sie künftig den Humus am Boden liegen lassen, damit er CO2 binden kann.

Und wenn das dann alles nicht reicht, um genügend Kompensation zu organisieren, haben wir noch den brasilianischen Präsidenten. Der sorgt dafür, dass fleissig Regenwald abgeholzt wird. Das schafft jede Menge Platz für neue CO2-Kompensationsprojekte. Das ist doch wirklich nett. Und der Nutzen fürs Klima? Oh, null.