Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nachhaltig investieren
Luftikus

Der Luftikus

In vielen ESG-Fonds tummeln sich Schmutzfinken. Das weckt Zweifel am Erfolg von «nachhaltigen Anlagen».

Die grüne Welle schwappt in immer mehr Portfolios und ergiesst sich in die unterschiedlichsten Finanzprodukte. Laut Zahlen des Datenanbieters Morningstar haben sogenannte nachhaltige Fonds im dritten Quartal 2020 einen Zufluss von 81 Mrd. $ erfahren. Das waren 120% mehr als im Vorjahr. Die Berater von PwC erwarten, dass in fünf Jahren 60% der europäischen Anlagefonds ESG-Kriterien berücksichtigen.

Das freut mich natürlich, wirft aber grosse Fragezeichen auf. Denn was auf den ersten Blick wie eine tolle Perspektive aussieht, entpuppt sich auf den zweiten als Herkulesaufgabe. Meine Erfahrung zeigt: Viele grüne Anlagen basieren auf einem Etikettenschwindel. Beim genauen Hinschauen entdecke ich immer wieder Schmutzfinken. Ich bin nicht etwa ein Öko-Fundamentalist. Auch die «Financial Times», Hauspost der Banker, hat diese Praxis wiederholt kritisiert. Sie machte unlängst publik, wie gross das Gewicht der US-Technologie-Riesen in vielen ESG-Fonds ist. Acht der zehn besten Produkte hatten Apple, Amazon oder Microsoft als grösste Position.

Verstösse gegen das Kartellrecht oder schlechte Arbeitsbedingungen in Grossfabriken scheinen die Portfoliomanager offenbar nicht zu stören. Auch der zweifelhafte Datenschutz von Facebook macht die Aktien nicht weniger attraktiv für Fonds, die eigentlich vorbildliche Unternehmensführung belohnen sollten. Wer will es den Investoren auch verübeln angesichts der prächtigen Renditen, die die FAANG-Aktien in den letzten Jahren geliefert haben. Netter Nebeneffekt: Solange die Kriterien für nachhaltige Anlagen schwammig bleiben, werden fortlaufend neue Rekorde gebrochen.

Dazu passt eine Studie des Bundesamts für Umwelt, die diese Woche in meinem Postfach landete – ausnahmsweise eine der ehrlichen Sorte. Sie kommt zum Schluss, dass der Schweizer Finanzmarkt weiterhin zu stark in die Erdöl- und Kohleförderung investiert. Insgesamt pumpen die hiesigen Banken, Versicherungen und Pensionskassen viermal mehr Geld in Firmen, die Strom aus fossilen Quellen wie Kohle und Gas erzeugen, als sie für Produzenten von erneuerbarem Strom lockermachen. Wie war das noch mal mit der grünen Welle?

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