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Zum Thema: Asset-Manager werden aktive Aktionäre

Der Luftikus zu ESG-Ratings: Size Matters

Was heisst das, «nachhaltig»? Hunderte von Ratings geben ganz unterschiedliche Antworten. Grosskonzerne profitieren.

Zum Beispiel Tesla (TSLA 593.75 +4.38%): Beim Indexanbieter MSCI hat der Elektroautobauer das Nachhaltigkeits-Rating A. Bei RobecoSAM hingegen, dem auf Nachhaltigkeit spezialisierten Schweizer Vermögensverwalter, erzielt das Unternehmen nur 17 von 100 Punkten in der ESG-Skala. Die einen lassen sich von elektromobilen Fantasien mitreissen, andere kritisieren die Umweltbilanz der Luxusautos und den unberechenbaren, kiffenden und Analysten beschimpfenden Chef Elon Musk.

Weltweit gibt es über 600 ESG-Ratings. Die Nachhaltigkeitsnoten für dasselbe Unternehmen stimmen wie bei Tesla selten überein. Der Grund ist simpel: Es gibt keine Definition für ESG, die über «Environment, Social und Governance» hinausgeht. Die Ratings messen E, S und G über beliebige Faktoren. Auch die Messmethoden variieren, und die Teilnoten werden unterschiedlich gewichtet. Zum Wildwuchs kommt Intransparenz, denn kaum eine Ratingagentur offenbart ihr ESG-Rezept im Detail.

Doch einige Zutaten stecken in den meisten Ratings drin. Tabakkonzerne erhalten systematisch bessere Noten als Industrieunternehmen. Vielleicht will sich Musk, der Fuchs, mit seiner Raucherei ein paar ESG-Punkte bei JTI & Co. abschneiden. Grund für die guten Noten der Tabakmultis sind allerdings nicht die Zigaretten, sondern dass die Ratings umso besser sind, je mehr Information ein Unternehmen zum Thema ESG produziert. Schöne Broschüren können sich vor allem Grosskonzerne leisten – wovon es in der Tabakbranche viele gibt. Weitere Eigenschaften, die die Noten beeinflussen: die geografische Herkunft des Unternehmens und persönlichen Präferenzen des Beurteilenden.

Trotz der Oberflächlichkeit floriert das Geschäft mit ESG-Daten. Viele Investoren zahlen lieber einige tausend Franken, als selbst Nachhaltigkeitsforschung zu betreiben. Doch die Kritik nimmt zu. Das Modewert der Szene lautet daher «Materialität» – es wird an Ratings gearbeitet, die die finanziell relevanten Nachhaltigkeitsaspekte messen. Ganz schnell materiell wird es, wenn ESG in ein Kreditrating einfliesst, was immer häufiger geschieht.

Kreditratings – war da nicht was punkto Unabhängigkeit, das in der Finanzkrise schmerzhaft «materiell» wurde? Um die Objektivität diesmal zu gewährleisten, zahlen für ESG-Daten die Anleger, nicht die beurteilten Unternehmen. Investoren haben bekanntlich keine Interessen – ausser, dass die Investitionen vorteilhafter aussehen sollen als ein vor laufender Kamera kiffender Tesla-Chef.

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