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Der Mythos der Spezialisierung

Städte und Länder wären schlecht beraten, wenn sie sich auf einige wenige «Cluster» konzentrierten und die Wertschöpfungskette an ihrem Standort konsolidieren würden. Ein Kommentar von Ricardo Hausmann.

Ricardo Hausmann
«Wettbewerb tendiert unweigerlich dazu, die weniger effizienten Unternehmen und Industriezweige auszusortieren. Es ist nicht die Aufgabe der Politik, ihren Tod zu beschleunigen.»

Manche Ideen sind intuitiv. Andere sind, wenn sie erst einmal ausgesprochen sind, so offensichtlich, dass es schwierig ist, das Wahre darin zu leugnen. Sie sind gut, weil nicht all ihre Konsequenzen von vornherein offensichtlich sind.

Sie ändern unsere Weltanschauung und unsere Taten.

Eine solche Idee ist die Vorstellung, dass sich Städte, Regionen und Länder spezialisieren müssen. Weil sie nicht in allem gut sein können, müssen sie sich auf das konzentrieren, was sie am besten können – also auf ihren Wettbewerbsvorteil. Sie müssen ein paar Sachen sehr gut können und sie dann gegen andere Leistungen tauschen, die woanders besser gemacht werden, sodass die Marktchancen optimal genutzt werden können.

Aber auch wenn einige Ideen intuitiv oder offensichtlich sind, können sie trotzdem falsch und gefährlich sein. Wie so oft wird uns nicht zum Verhängnis, was wir nicht wissen, sondern was wir meinen zu wissen. Und die Idee, dass sich Städte und Länder tatsächlich spezialisieren und dass sie sich daher spezialisieren sollten, gehört zu diesen sehr falschen und sehr gefährlichen Ideen.

Wenn eine Idee sowohl intuitiv wahr als auch tatsächlich falsch ist, dann liegt das oft daran, dass sie auf einer bestimmten Ebene wahr ist, aber auf einer anderen umgesetzt wird. Ja, Menschen spezialisieren sich tatsächlich, und das sollten sie auch. Alle haben etwas davon, wenn wir uns auf unterschiedliche Dinge spezialisieren und unser Wissen mit anderen austauschen. Es ist zum Beispiel nicht effizient, wenn jemand ein Zahnarzt und gleichzeitig ein Rechtsanwalt ist.

Spezialisierung unten führt zu Diversifizierung oben

Aber die Spezialisierung auf persönlicher Ebene führt auf einer höheren Ebene zu einer Diversifizierung. Gerade weil sich Personen und Firmen spezialisieren, diversifizieren sich Städte und Länder.

Nehmen wir eine medizinische Einrichtung auf dem Land und ein grosses Krankenhaus in der Stadt. In Ersterem arbeitet möglicherweise ein Allgemeinarzt, der eine begrenzte Anzahl an medizinischen Leistungen anbieten kann. Im städtischen Krankenhaus spezialisieren sich die Ärzte auf verschiedene Bereiche (Onkologie, Kardiologie, Neurologie usw.), was es dem Krankenhaus erlaubt, einen breiteren Fächer an Interventionen anzubieten. Die Spezialisierung der Ärzte führt zu einer Diversifizierung des Krankenhausangebots.

Die Grössenordnung, innerhalb deren die Spezialisierung des Einzelnen zur Diversifizierung führt, ist die Stadt. Grössere Städte sind stärker diversifiziert als kleinere. Unter Städten ähnlicher Grösse – sagen wir Salvador und Curitiba in Brasilien oder Guadalajara und Monterrey in Mexiko – sind diejenigen wohlhabender, deren Diversifizierung grösser ist. Sie wachsen schneller und diversifizieren sich weiter, nicht nur weil sie einen grösseren internen Markt besitzen, sondern auch weil sie anderen Städten und Ländern ein diversifizierteres Angebot machen können.

Was für Städte gilt, gilt noch mehr für Staaten und Länder. Die Niederlande, Chile und Kamerun haben eine ähnliche Bevölkerungsgrösse, aber die Niederlande sind doppelt so wohlhabend wie Chile, und Chile ist zehnmal so wohlhabend wie Kamerun. Ein Blick auf die Exporte zeigt, dass die Niederlande dreimal so diversifiziert sind wie Chile, das wiederum dreimal so diversifiziert ist wie Kamerun.

Unternehmerisches Ökosystem vergrössern

Wie meine Kollegen und ich vor kurzem argumentiert haben, kann man das erklären, indem man sich die einzelnen Branchen wie Puzzlestücke vorstellt, die sich ergänzen und zusammen ein Bild ergeben, genau wie mehrere Buchstaben ein Wort. Über je mehr Buchstaben wir verfügen, desto mehr Wörter können wir bilden, und desto länger werden die Wörter. Und je mehr Puzzlestücke an Know-how uns zur Verfügung stehen, desto mehr Branchen können unterstützt werden, und desto höher ist ihre Komplexität.

Städte sind Orte, an denen Menschen, die sich spezialisiert haben, zusammenkommen, wodurch Branchen die Möglichkeit haben, ihr Wissen zu nutzen. Wohlhabende Städte zeichnen sich dadurch aus, dass sie über diversifiziertere Fähigkeiten verfügen, die komplexere Branchen entstehen lassen – und dadurch den verschiedenen Spezialisten Beschäftigungsmöglichkeiten bieten.

Im Laufe dieser Entwicklung spezialisieren sich Städte, Staaten und Länder nicht – im Gegenteil, sie diversifizieren sich. Sie beginnen mit einigen einfachen und entwickeln immer komplexere Branchen. Dafür müssen wichtige Koordinierungsprobleme gelöst werden, weil eine neue Branche zunächst einmal keine entsprechenden Fachkräfte findet. Aber die Politik kann viel tun, um diese Koordinierungsprobleme zu lösen.

Darum ist die Idee, dass sich Städte, Staaten oder Länder in den Bereichen, in denen sie aktuell einen komparativen Vorteil haben, spezialisieren sollten, so gefährlich. Die Konzentration auf eine begrenzte Anzahl an Aktivitäten, in denen sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt hervortun, würde lediglich die ihnen zur Verfügung stehende Vielfalt der Fähigkeiten – oder Buchstaben, um im Bild zu bleiben – beschränken. Die Herausforderung besteht nicht darin, ein paar Gewinner unter den bereits bestehenden Branchen zu wählen, sondern zu ermöglichen, dass mehr Gewinner entstehen, indem das unternehmerische Ökosystem vergrössert und befähigt wird, neue Aktivitäten hervorzubringen.

Neue Aktivitäten und Kapazitäten begünstigen

Dies ist deshalb besonders wichtig, weil die Globalisierung der Wertschöpfungsketten die Beziehungen zwischen Zulieferern und Kunden delokalisiert. Städte und Länder wären schlecht beraten, wenn sie sich auf einige wenige «Cluster» konzentrierten und die Wertschöpfungskette an ihrem Standort konsolidieren würden, wie so oft empfohlen wird. Stattdessen sollten sie es anstreben, ein Knoten in vielen verschiedenen Wertschöpfungsketten zu sein, wozu auch notwendig ist, dass andere Branchen gefunden werden, die die bestehenden Fähigkeiten verwenden können, wenn man sie erweitern und an neue Bedarfe anpassen könnte.

Wettbewerb tendiert unweigerlich dazu, die weniger effizienten Unternehmen und Industriezweige auszusortieren. Es ist nicht die Aufgabe der Politik, ihren Tod zu beschleunigen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, Interventionen auszumachen, die die Produktivität erhöhen, um dann, durch neue Aktivitäten und Produktivitätskapazitäten, Agglomerationsvorteile zu schaffen, sodass das Ganze grösser ist als die Summe seiner Teile.

 

Copyright: Project Syndicate.

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