Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Fünf Jahre nach Lehman
Märkte / Makro

«Der nächste Lehman-Crash droht in Asien»

Der frühere Lehman-Trader Larry McDonald zieht Lehren aus dem Kollaps der US-Investmentbank. Er warnt, dass in China bereits in wenigen Monaten eine schwere Kreditklemme drohe.

Christoph Gisiger, New York

Dieses Wochenende jährt sich der Zusammenbruch von Lehman Brothers zum fünften Mal. Larry McDonald hat als Wertschriftenhändler

für das New Yorker Investmenthaus gearbeitet und den Überlebenskampf aus nächster Nähe miterlebt. Weil er sich in einer verschworenen Gruppe mit anderen Mitarbeitenden gegen den streitbaren Lehman-Chef Dick Fuld aufgelehnt hatte, wurde er im April 2008 gefeuert. McDonald, der heute sein eigenes Beratungsunternehmen führt und als Referent zum Thema Risikomanagement international gefragt ist, fürchtet bereits in einem halbem Jahr eine neue Finanzkrise in Asien. Die grösste Gefahr sieht er dabei in Chinas Schattenbanken.

Herr McDonald, Sie haben den Untergang von Lehman hautnah mitverfolgt. Wie steht es heute um das Finanzsystem?
Es ist markerschütternd: Die gleichen Entwicklungen, die wir 2007 in den Vereinigten Staaten beobachtet haben, zeichnen sich gegenwärtig in Asien ab.

Alle Warnsignale, die damals beim Lehman-Crash aufgeleuchtet sind, deuten darauf hin, dass in China bereits in den kommenden sechs Monaten die nächste Bombe hochgehen wird.

Heisst das, wir stehen unmittelbar vor einer neuen Finanzkrise?
Die Kreditklemme wird in China beginnen und sich dann über Indonesien und Japan auf die gesamte Region ausbreiten. Die Schockwellen werden zwar etwas weniger gross sein als beim Kollaps von Lehman Brothers. Das, weil die amerikanischen Banken wesentlich grösser und global enger verflochten waren, als es die chinesischen Banken heute sind. Dennoch rechne ich mit einem sehr furchterregenden Ereignis.

Was veranlasst Sie dazu?
Das gegenseitige Vertrauen unter den Banken ist in Asien am Zusammenbrechen. Gut beobachten lässt sich das beispielsweise an den Repo-Märkten, am Handel mit Geldmarktpapieren oder am Interbankenzins Sibor. Alle diese Indikatoren weisen ein ähnliches Muster auf, wie es sich Ende 2007 und Anfang 2008 in den USA zeigte.

Die Lehman-Krise hat sich von Amerika rund um den Globus ausgebreitet und letztlich die gesamte Weltwirtschaft lahmgelegt. Was hätte ein Crash in Asien für Folgen?
Auch diese Krise wird einen hohen Ansteckungsfaktor haben. Die Kreditklemme wird aber nicht so gravierend sein wie 2008, weil die amerikanischen Banken heute in einer besseren Verfassung sind. Sorgen mache ich mir aber um die Finanzinstitute in Südeuropa – vor allem in Spanien und Italien sind die Banken noch immer auf lebenserhaltende Massnahmen angewiesen.

Dass es den US-Banken heute besser geht, hat viel mit staatlichen Eingriffen und Veränderungen im regulatorischen Umfeld zu tun. Wie hat das Wallstreet verändert?
Die Kultur an Wallstreet hat sich seit dem Lehman-Crash drastisch verändert. Das internationale Finanzregelwerk Basel III und die Entschuldung der Banken haben das Risikoverhalten erheblich reduziert. Als ich für Lehman Brothers arbeitete, verfügte jeder Trader über ein Handelsbuch von 500 Mio. bis zu 2 Mrd. $. Heute stehen einem Trader hingegen in der Regel nur noch 20 Mio. $ zur Verfügung. Es liegen also viel weniger Chips auf dem Pokertisch, sodass man als Händler nicht mehr so viel Geld verdienen kann.

Was ist Ihr persönliches Fazit aus der Finanzkrise?
Die wichtigste Lektion ist, dass Kapitalismus nicht funktioniert, wenn die Risiken nicht transparent sind. Bevor das im Glass-Steagall-Gesetz verankerte Trennbankensystem 1999 in den USA aufgehoben wurde, waren die Banken viel weniger komplex. Man konnte sich anhand der Bilanz ein gutes Bild ihrer gesundheitlichen Verfassung machen. Fünf Jahre nach dem Lehman-Crash gleichen die Banken jedoch nach wie vor einer Black Box (BOX 19.4 0.05%). Die Risiken lassen sich nicht erkennen, wobei die Situation in Asien am schlimmsten ist.

Warum?
Im System der Schattenbanken stehen dort gegenwärtig rund 1000 Mrd. $ an Darlehen aus. Der Untergang von Lehman spitzte die Krise in den USA damals so scharf zu, weil rund drei Monate unklar war, welches Institut als Nächstes kollabieren könnte. Niemand wusste, was andere Banken wie Merrill Lynch oder Morgan Stanley (MS 42.96 0.59%) auf der Bilanz hatten. Der Kreditmarkt fror deshalb zu, was einen schweren Schaden in der Wirtschaft anrichtete. Geld sollte wie Wasser zu den gesündesten Banken fliessen. Wenn Investoren die Risiken aber nicht richtig einschätzen können, wird dieser Fluss gestört.

Wo bestehen Probleme mit der Transparenz?
Wertschriften zur Kreditversicherung, auch Credit Default Swaps oder kurz CDS genannt, werden nach wie vor nicht über reguläre Börsen gehandelt. Wenn ich zum Beispiel 10 Mio. IBM-Aktien kaufe, dann kann das jeder sehen. Auch wenn ich 10 Mio. Optionen auf IBM-Aktien erwerbe, erkennt der Markt sofort, was ich für eine grosse Wette eingehe. Handle ich aber 10 Mio. IBM-CDS, sieht das niemand. Global kursieren derzeit CDS im Wert von Tausenden von Milliarden Dollar. Wer auf diesen Positionen sitzt, ist für Investoren unklar.

Was lässt sich generell aus den letzten fünf Jahren seit dem Lehman-Crash lernen?
Schockierend ist, dass die freie Marktwirtschaft immer weiter drangsaliert wird. Die Vereinigten Staaten etwa präsentieren sich als leuchtendes Beispiel für Demokratie. In den neunzig Tagen vom 15. September 2008 bis Februar 2009 herrschte in den USA jedoch eine Diktatur. Statt der Märkte entscheiden seit der Lehman-Krise mehr und mehr die politischen Verantwortungsträger darüber, wer gewinnt und wer verliert. Das gilt von den Hypothekarbanken Fannie Mae und Freddie Mac über gerettete Autokonzerne wie General Motors (GM 35.12 -0.03%) bis hin zu griechischen Staatsanleihen oder Bankeinlagen in Zypern.

Gerade an Lehman Brothers sollte aber doch ein Exempel dafür statuiert werden, dass sich Investoren nicht auf eine Intervention durch den Staat verlassen dürfen.
Das war eine Exekution. Die US-Behörden haben Lehman am Kopf gepackt und ihn so lange unter Wasser gedrückt, bis die Luftblasen an die Oberfläche stiegen. Der Versicherungskonzern AIG hingegen wurde nur einen Tag später mit einem Liquiditätszuschuss von 200 Mrd. $ gerettet. Das unter dem falschen Vorwand, dass er genug Sicherheiten auf der Bilanz habe. Lehman hingegen hätte im September 2008 lediglich 30 Mrd. $ gebraucht, um zu überleben. Ich garantiere, dass dieses Geld heute längst zurückgezahlt wäre.

Leser-Kommentare