Meinungen

Der Ölmarkt findet allmählich zum Gleichgewicht

Das Förderabkommen stützt den Fasspreis, auch weil die Opec nun wie eine Notenbank kommuniziert. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

Cornelia Meyer
«Die Schieferölproduzenten erwiesen sich als wesentlich widerstandsfähiger als angenommen.»

Nach zwei Jahren niedriger Ölpreise scheint 2017 die Wende eingetreten zu sein. Der Rohölmarkt ist dem Gleichgewicht näher gekommen. Der Weg dahin war jedoch nicht einfach, und es bedarf immer noch genauer Beobachtung der weiteren Entwicklung:

Anfang Dezember 2016 beschlossen vierzehn Mitgliedstaaten der Organisation ölexportierender Länder (Opec) und zehn Nicht-Opec-Länder, ihre Produktion um 1,8 Mio. Fass am Tag (bpd) zu drosseln. Entgegen den Erwartungen wurde das Abkommen zu fast 100% eingehalten.

2014 hatte die Opec die Devise durchgegeben, dass jedes Mitglied so viel Öl pumpen könne, wie es wolle. Ziel der Übung war es, durch niedrige Preise die amerikanischen Schieferölproduzenten aus dem Markt zu vertreiben, was aber massiv fehlschlug. Die Produktionskosten der Fracking-Methode liegen zwar über den durchschnittlichen Kosten in Opec-Ländern, doch die Sparte erwies sich als wesentlich widerstandsfähiger als angenommen. Die Schieferölproduzenten litten, viele gingen gar bankrott, doch diejenigen, die überlebten, steigerten ihre Effizienz monatlich um etwa 3%.

Das Resultat waren historisch niedrige Preise – und prallvolle Rohöllager. Anfang 2017 standen sie 360 Mio. Fass über dem Fünfjahresdurchschnitt, einem wichtigen Indikator für Händler.

Saudisch-russische Allianz

Saudi-Arabien ist die mächtigste Nation in der Opec, und Riad war auch die treibende Kraft hinter dem Abkommen. König und Kronprinz sind auf einen angemessenen Ölpreis angewiesen, um die ehrgeizigen Reformen ihrer «Vision 2030» zu finanzieren und um 5% der staatlichen Ölgesellschaft Saudi Aramco an internationalen Börsen zu kotieren.

Der saudische Ölminister Khaled al Falih arbeitete eng mit Russland zusammen, um die Allianz (ALV 192.66 0.28%) der Opec mit den zehn Nicht-Opec-Ländern zu schmieden. Russland verpflichtete sich lediglich, seine Produktion um 300 000 bpd zu drosseln, was bei einer Förderung von 11 Mio. bpd eine vernachlässigbare Menge ist. Russland konnte also von den steigenden Preisen voll profitieren. Saudi-Arabien musste das grösste Opfer erbringen, da es seine Produktion nicht nur um die grösste Menge beschnitt, sondern auch Marktanteile in den wichtigen asiatischen Absatzregionen einbüsste. So ist Russland nun der grösste Rohöllieferant Chinas, und der Irak nimmt diese Position in Indien ein.

Das zu Ende gehende Jahr zeichnete sich durch hohe Preisvolatilität aus: Im Januar stieg der Preis auf fast 60 $ und sank dann im Juli trotz einer Verlängerung des Abkommens um neun Monate auf ein Niveau um die 45 $. Nigeria und Libyen brachten 700 000 bpd mehr als erwartet auf den Markt. Die beiden Länder waren wegen innenpolitischer Schwierigkeiten zwar vom Abkommen befreit, doch diese Produktionssteigerung erstaunte trotzdem; bis Herbst ging sie zurück.

Die Schieferölproduzenten kamen im Sommer auch stärker als erwartet auf den Markt zurück, da sie von ihrer Produktivitätssteigerung und den höheren Preisen profitierten. Laut Opec beziffert sich die Steigerung der Produktion der Nicht-Opec-Länder für 2017 auf etwa 800 000 bpd.

Als Russlands Präsident Putin und der Ölminister Saudi-Arabiens im Oktober auf eine erneute Verlängerung bis Dezember 2018 anspielten, zeigten die Bemühungen allmählich Wirkung. Angebot und Nachfrage kamen sich näher, was sich nicht zuletzt darin manifestierte, dass im Oktober zum ersten Mal seit Jahren die geopolitische Risikoprämie zurückkehrte.

Donald Trumps Weigerung, das Nuklearabkommen mit dem Iran zu bestätigen, schürte die Furcht vor erneuerten Sanktionen. Dies und die Spannungen um Nordkorea sowie die irakische Übernahme der Ölfelder in Kirkuk beeindruckten die Märkte genügend, um vorübergehende Preissteigerungen auszulösen. Seit die Verlängerung des Abkommens am 30. November offiziell geworden ist, wurde Öl der Sorte Brent (Brent 74.301 1.7%) durchweg über 60 $ gehandelt. Am 12. Dezember waren es sogar fast 66 $ pro Fass, weil eine wichtige Pipeline wegen eines Lecks vorübergehend geschlossen werden musste.

Das Abkommen wirkt also. Dies nicht zuletzt, weil sich die Opec zum ersten Mal wie eine Zentralbank verhielt und ihre Massnahmen durch Forward Guidance ankündigte und diszipliniert kommunizierte. Der Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo und Minister Al Falih haben dem Markt von Anfang an signalisiert, dass es geraume Zeit dauern werde, bis er zum Gleichgewicht finde.

Barkindo bestätigte neulich, dass sich der Markt nun der Balance nähere. Im November lagen die Ölvorräte im OECD-Raum nur noch 140 Mio. Fass über dem Fünfjahresdurchschnitt, was dem Generalsekretär recht zu geben scheint. Dies wäre ohne den Schulterschluss zwischen Riad und Moskau kaum möglich gewesen.

Es gibt verschiedene Prognosen für 2018: Das Nachfragewachstum soll  laut  der Opec und der Internationalen Energieagentur (IEA) etwa 1,3 Mio. bpd betragen. Die Meinungen der beiden Organisationen gehen jedoch auseinander, was das Wachstum der Nicht-Opec-Produktion betrifft. Die IEA sieht es bei 1,6 Mio. bpd, die Opec bei nicht ganz 1 Mio. bpd.

Verschiedene Faktoren werden den Ölpreis beeinflussen. Nach oben: Venezuelas Allgemeinzustand ist prekär, und es ist unklar, wie viel das Land noch fördern kann. Allfällige erneuerte  Sanktionen gegen den Iran hätten kaum einen kurzfristigen Effekt, weil die Lieferungen von Europa nach Asien umgeleitet würden. Längerfristig hätten sie jedoch Auswirkungen, da Irans Ölsektor grossen Bedarf an Investitionen und westlicher Technologie hat.

Früher oder später dürften sich auch die ungenügenden Investitionen der Ölmultis auswirken (sie haben wegen der Ölpreisbaisse in den vergangenen Jahren bis zu 40% ihrer geplanten Investitionen gestrichen). Zudem läuft die Weltwirtschaft gut, was die Nachfrage belebt.

Förderregime dürfte halten

Nach unten: Es ist unklar, wie gross die Steigerung der Produktion der Schieferölunternehmen Nordamerikas ist. Laut dem Beratungsunternehmen Wood Mackenzie könnte ihre Förderung von 4,9 Mio. bpd (2017) bis auf 9,6 Mio. bpd (2018) steigen.

All dies bedeutet, dass die Opec wachsam bleiben und die Einhaltung des Abkommens sowie die Weltmärkte beobachten muss. Russland hat angedeutet, dass man sich über den Ausstieg aus dem Abkommen Gedanken machen sollte. Dem mag wohl so sein, es gibt jedoch einstweilen genügend Anzeichen dafür, dass die Produktionsdrosselung im Sinn des Abkommens zumindest für die Dauer von 2018 angebracht bleibt.

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