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Der Praktikus vom 12. September 2018

Die Themen: UBS-Leute beschönigen die Finanzkrise, Aryzta unter Zwang, Clariant und die Saudis, und VAT geht die Luft aus.

«Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag.»
Alexander von Humboldt
preuss. Naturforscher (1769-1859)

Lieber Investor

Unser Hirn ist schon ein bemerkenswertes Organ, im Guten wie im Schlechten. Ich vergesse zum Beispiel die Namen von Gesprächspartnern binnen kürzester Zeit. Das ist umso peinlicher, wenn mir diese Person auf der Strasse begegnet und mich grüsst, und ich weiss ihren Namen nicht mehr. Das Alter? Mag sein.

Viel spannender finde ich die Prozesse im Hirn, die dazu führen, dass man zum Beispiel zehn Jahre nach der Finanzkrise vergisst, wie es wirklich war, als die Börsenkurse wegschmolzen, wie die Renditen von Bonds nach oben gingen und die Geld-Brief-Spannen immer weiter wurden. Oder wie der S&P-Ticker auf den US-Fernsehsendern live eingeblendet wurde, wie man sich mit Leuten über die Sicherheit des Geldes auf der Bank unterhielt, mit denen man sonst kaum redet. Das ist die Finanzkrise, die jeder von uns als Bürger und als Anleger erlebt hat.

Und dann gibt es da noch Manager, für die war alles anders. Zum Beispiel Peter Kurer, der damals 2008 Verwaltungsratspräsident der UBS war, und das auch nur, weil die Eidgenössische Bankenkommission auf den Rücktritt von Marcel Ospel gedrängt hatte. Gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagte der Jurist, UBS hätte es «auch ohne die Staatsintervention geschafft». Ja, klar. Der Interbankenmarkt war eingefroren. Kunden zogen ihr Geld ab. UBS war eines der schwächsten Glieder im Bankenmarkt, wenn nicht das schwächste. Credit Suisse konnte im selben Oktober 2008, als UBS von Bund und Nationalbank gerettet wurde, eine selbst orchestrierte Kapitalerhöhung ankündigen. UBS hatte diesen Joker mit dem Einstieg von Singapur aber schon verbraucht. Aber eben, UBS hätte es sicher aus eigener Kraft geschafft.

Kurer ist zum Glück nicht mehr bei einer Bank tätig, darum spielt es keine Rolle, dass er Geschichtsklitterung versucht. Viel schlimmer sind diejenigen UBS-Angestellten (einschliesslich des Managements), die immer noch da sind und genau so denken wie Kurer. Viele UBS-Leute haben es nicht verwunden, dass ihre Bank gerettet werden musste. Viel besser wäre es, sie würden sich der Vergangenheit stellen und die Lehren daraus ziehen. Denn ich will das nicht noch mal erleben.

Aber nun zu Ihnen: Finden Sie, es war aus Sicht der Schweizer Wirtschaft richtig, UBS zu retten? Sagen Sie’s mir hier.

Aryzta: unter Zwang

Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, aber es gibt auch gute Nachrichten von Aryzta – entsprechend hat der Kurs des Backwarenherstellers am Dienstag auch reagiert. Die Good News betrifft die geplante Kapitalerhöhung. Fünf Banken haben sie fest übernommen. Was das für den Preisabschlag heisst, mit dem die neuen Aktien auf den Markt kommen, ist auch klar. Ich rechne mit einem hohen Discount von 40% und mehr. Aber das ist jetzt noch Spekulation.

Ein Teil der Konsortialbanken, darunter UBS, hat Aryzta nun gleich doppelt auf der Bilanz. Sie sind nämlich auch Kreditgeber. Weil gleichzeitig mit der Ankündigung zur Kapitalerhöhung auch die Kreditkonditionen gelockert wurden, glaube ich, dass die Banken Aryzta die Kapitalerhöhung aufgezwungen haben. Investoren sollten nun aber nicht am Markt kaufen, sondern die Kapitalerhöhung abwarten. Während des Bezugsrechtshandels ist der Einstieg meist attraktiver als unmittelbar vorher.

Eines muss ich noch loswerden. Ich habe den Austragungsort der Generalversammlung von Aryzta mehrmals kritisiert, weil er nicht im Domizilstaat des Unternehmens, in der Schweiz, lag. Die diesjährige GV findet in Dübendorf statt.  Auch wenn der Ort von Kommunikationsberatern oder Bankern empfohlen wurde: Bei den verbliebenen Schweizer Aktionären dürfte das gut ankommen.

Die Saudis und Clariant

Jetzt geht’s los. Clariant und der saudische Chemieriese Sabic erörtern eine Zusammenarbeit im Detail. Fast acht Monate dauerte es, bis Sabic alle kartellrechtlichen Zusagen für die Beteiligung von 24,99% erhielt. Das Paket stammt von dem «Wir sind hier, um zu bleiben»-Investor White Tale, der die Fusion mit Huntsman verhindert hat.

Ich bin gespannt, was bei diesen Gesprächen herausschaut. Die Erwartungen sind hoch: Clariant VR-Präsident Rudolf Wehrli sagte an der GV im März, mit Sabic habe Clariant eine noch bessere Option als mit Huntsman, um nachhaltig Wert zu schaffen. Chancen gibt es. Die primär in der Basischemie verankerte Sabic erlaubt Clariant in vielen Bereichen eine Rückwärtsintegration. Auch gemeinsame neue Produkte sind denkbar. Clariants Know-how kann Sabic helfen, sich in Richtung Spezialchemie zu entwickeln. Eine Frage wird aber bleiben: Wieso übernimmt Sabic Clariant nicht ganz?

Innerhalb des Chemiesektors sind die Aktien Clariant mit einem KGV 2019 von 14 überdurchschnittlich bewertet. Der Kurs nimmt also Vorteile aus der Zusammenarbeit vorweg. Vorerst halte ich die Aktien Clariant. Mir ist das Zusammenarbeitsgerede noch zu vage, und die Möglichkeit, dass Sabic selbst einen neuen Grossaktionär erhält, ist nicht eben vertrauensfördernd.

Noch nicht wieder VAT

VAT ist die Luft ausgegangen. Die Aktien des Vakuumventilherstellers haben heuer bisher 20% eingebüsst. Seit Anfang September sinken sie besonders markant. Dazu beigetragen haben neue Analysteneinschätzungen. Baader Helvea hat die Umsatz- und Gewinnprognosen für dieses und das nächste Jahr 8 bis 10% reduziert, Vontobel hat die Erwartungen ebenfalls gekappt. Zudem geht auch noch der Finanzchef.

Als VAT an die Börse kam, ging es erst nur bergauf. Vom Höchst vor einem halben Jahr sind die Titel nun aber ein Drittel entfernt. Die Wende kam kurz vor dem Führungswechsel. Die Baisse ist jedoch nicht dem neuen, durchaus branchenerfahrenen CEO Michael Allison anzulasten. Er wies schon damals darauf hin, dass die Halbleiterbranche eine Verschnaufpause einlegen könnte. So kam es denn auch, die Jahresprognose musste deutlich zurückgenommen werden. Die neue Umsatzansage verhiess einen Rückgang von etwa 10% im zweiten Semester im Vergleich zum ersten. Ich habe im Frühsommer geraten, die Position in VAT etwas abzubauen. Trotz des reduzierten Kurs-Gewinn-Verhältnisses von 19 für 2019 und einer Dividendenrendite von 4% kaufe ich noch nicht wieder zu, trotz der zuletzt optimistischeren Töne des CEO.

Ihr Praktikus

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