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Der Praktikus vom 17. Januar 2020

Die Themen: Kursfantasie dank Sojasaatgut, was mit Aktien von Swatch Group nun zu tun ist, wie schlimm es bei Hochdorf zugeht und was US-Banken über die Credit Suisse verraten.

«Takt besteht darin, dass man weiss, wie weit man zu weit gehen darf.»
Jean Cocteau
frz. Autor und Regisseur (1889–1963)

Lieber Investor,

Endlich ist das gross angekündigte Phase-1-Abkommen im Handelskrieg zwischen den USA und China unter Dach und Fach. Zumindest was Zölle und Zolldrohungen angeht, werden wir jetzt womöglich ein wenig Ruhe haben. Das wurde auch Zeit: Ganze zwei Jahre hielt Tariff-Man Trump mit seinen Twitter-Wutanfällen die Finanzmärkte auf Trab. Bis zu den Präsidentschaftswahlen sollte die Feuerpause halten. Natürlich wird Trump sich bei jeder Gelegenheit mit seinem tollen Deal mit China brüsten.

Tatsächlich liest sich der Deal wie ein Teilsieg der Amerikaner. China soll in den kommenden zwei Jahren deutlich mehr US-Güter und Dienstleistungen importieren, insgesamt 200 Mrd. $ mehr als im Spitzenjahr 2017 und 85% mehr als 2019. Gleichzeitig behält China die Strafzölle aufrecht. Und was bieten die USA? Eine Halbierung der im Herbst eingeführten Zölle und das Versprechen, keine weiteren Zölle einzuführen. Dass der Konflikt nicht zu Ende ist, zeigen aber etwa die neusten Bestrebungen der US-Exportbehörde, die Sanktionen gegen den chinesischen Konzern Huawei zu verschärfen.

Soja-Fantasie für Corteva

Interessant dabei ist für mich das Thema Soja. China hat sich verpflichtet, in den nächsten zwei Jahren zusätzliche Landwirtschaftsgüter im Umfang von 32 Mrd. $ aus Amerika zu importieren. Der Zuwachs ist bedeutend, und es gibt Beobachter, die zweifeln, ob ein solcher überhaupt machbar ist. Wie auch immer: Für die US-Landwirte bedeutet das Abkommen, dass sich ein bedeutender Absatzkanal ganz weit öffnet. China ist auf den Import von Soja angewiesen. Der grösste Anbieter von Sojasaatgut in den USA ist Corteva, die ehemaligen Pflanzenschutz- und Saatgutaktivitäten des aufgeteilten US-Konzerns Dow Dupont. Corteva ist etwa gleich gross wie Syngenta und nur wenig kleiner als Bayer. Das Unternehmen Corteva wurde 2019 verselbstständigt, in einer Zeit, da die US-Landwirtschaft in der Krise steckte. Entsprechend blieb die Kursentwicklung seit dem Börsengang bescheiden.

Dabei hat Corteva viel Potenzial, gerade im US-Markt, in dem Corteva auf einen Anteil im Sojasaatgut von 30% kommt. Dagegen ist sie kaum in Brasilien vertreten, dem Markt, der am ehesten unter dem neuen Handelsabkommen leiden dürfte. Dazu kommt, dass Corteva 2020 und 2021 jährlich rund 200 Mio. $ Sparpotenzial sieht, das noch aus der Fusion der Agroaktivitäten von Dow und Dupont kommt. Das alles macht die Titel von Corteva für mich jetzt reizvoll.

Abwarten bei Swatch Group

Die besser als gedacht ausgefallenen Zahlen von Richemont haben am Freitag auch den Valoren von Swatch Group wieder etwas Leben eingehaucht. Allerdings war auffällig, wie schnell die Euphorie der Anleger gegenüber dem weltgrössten Uhrenhersteller wieder verflogen war. Zu Recht, wie ich meine.

Schaut man die Zahlen von Richemont an, wird klar, dass hauptsächlich der Bereich Schmuck für Wachstum gesorgt hat. Bei den Uhren konnte Richemont nur knapp überzeugen, obschon der Konzern stark im eigentlich gut laufenden Hochpreissegment unterwegs ist. Ende Monat wird Swatch Group die Zahlen zum Geschäftsjahr 2019 publizieren. Dann werden wir sehen, wie stark der weltgrösste Uhrenhersteller unter dem Nachfrageeinbruch im Segment der günstigen Uhren gelitten hat. Langfristig bin ich weiterhin vom Potenzial von Swatch Group überzeugt, kurzfristig sehe ich aber wenig Raum für Kursgewinne.

Vorgaben für Credit Suisse

Die US-Grossbanken haben ihre Zahlen für 2019 präsentiert, und einige leiden, worunter Europas Banken seit Jahren schmachten: Tiefe Zinsen. Jahrelang hatten Amerikas Geldhäuser leichtes Spiel gegen die europäische Konkurrenz, einfach schon durch das höhere Zinsniveau jenseits des grossen Teichs. Negativzinsen sind ihnen bis heute unbekannt. 2019 brach die US-Notenbank dann mit ihrer Politik der sanften Zinserhöhungen, weil der erratische Mann im Weissen Haus mit seinem Handelskrieg gegen China die Weltwirtschaft zum Zittern bringt.

Und schon leiden die US-Banken, wenn auch nicht alle: Branchenprimus
JPMorgan verdiente 2019 so viel wie nie eine Bank zuvor in der Geschichte, trotz niedriger Zinsen und einem schwächeren Jahr im Investment Banking. Vor allem ein über die Massen starkes Wachstum im Handel mit festverzinslichen Papieren im letzten Quartal gab hier den Ausschlag.

In einem sonst trüben Bankingjahr könnte das ein Lichtblick auch für die Performance von Credit Suisse sein. Denn bereits im dritten Quartal glänzte die Schweizer Grossbank nicht nur mit Sondereffekten, sondern eigentlich nur dank ihrer immer noch grossen Handelsabteilung, und zwar im Handel mit genau diesen Festverzinslichen. Ob es CS nun gelungen ist, im Jahresendspurt signifikant Marktanteile zu gewinnen, oder ob ihr JPMorgan das Wasser abgegraben hat, werden die Jahreszahlen am 13. Februar zeigen.

Hochdorf so wie geahnt

Ich bin ja im Prinzip ganz angetan vom neuen Hochdorf-Verwaltungsrat. Das im April neugewählte Gremium packt an und scheint reinen Tisch machen zu wollen. Zuletzt mit der Beantwortung von zwanzig Aktionärsfragen. Da sind einige Details rund um Tochtergesellschaft Pharmalys und den Geschäftsgang publik geworden, die ich bisher höchstens geahnt habe. Auch mancher Investor dürfte sich freuen ob so viel Transparenz. Mit Jürgen Brandt konnte zudem ein ausgewiesener Finanzchef angeheuert werden. Schon bei Sulzer hat er einen guten Job gemacht.

Doch an der Realität kann die neue Unternehmensleitung auch nichts ändern. Die Geschäftsaussichten sind weiterhin düster. Die Beteiligung an Tochter Pharmalys wurde im Dezember aus der Defensive heraus verkauft. Das wird durch die Stellungnahme noch deutlicher. Und ebenfalls klar wird, dass Hochdorfs Plan, zu einem Markenunternehmen für Säuglingsnahrung zu werden, höchst ambitioniert ist. Vor diesem Hintergrund ist es wohl einzig den (neuen) Grossaktionären zu verdanken, dass sich der Kurs seit August erholt hat. Für mich reicht das nicht. Ich meide die Aktien und Anleihen weiterhin.

Vergessen, rausschmeissen

Aktien verkaufen ist oft schwieriger als kaufen, zumindest psychologisch. Ist man im Gewinn, sieht das ja so schön aus im Depot. Und ist man weit im Verlust, kommt die Hoffnung auf eine Erholung. Immer wieder kommt es vor, dass Anleger fragen, was mit Aktien zu tun sei, die sehr tief im Verlust notieren. Realisieren oder auf Erholung setzen?

Ein Fehler bei der Suche nach Antworten ist, die alten Kurse im Kopf zu haben. Vorkrisenniveaus sind aber in den meisten Fällen so gut wie nie mehr erreichbar. Die Wertvernichtung kann so gross gewesen sein, dass sie nicht mehr wettgemacht werden kann. Das gilt zum Beispiel für die Aktien GAM, Aryzta oder Schmolz + Bickenbach, die früher einmal das x-Fache wert waren. Da gibt es nur eine Lösung: die früheren Kurse aus dem Gedächtnis streichen und nach vorn blicken. Nur wer dank fundierter Analyse überzeugt ist, dass die Titel besser als der Markt laufen werden, gehören sie weiter ins Depot. Ansonsten: rausschmeissen.

Ihr Praktikus

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Leser-Kommentare

Tobias Schait 20.01.2020 - 09:47
Man stelle sich vor: Jemand kauft Anfangs Nullerjahre ABB Aktien bei Sfr. 7, er macht über Monate die schmerzliche Abwärtsbewegung bis Sfr. 1.50 mit. Ob dem Swissairschock verlieren Finanzanalysten den Überblick, schreiben ABB zur nächsten Konkursaktie nieder. Man will mit dem ganzen Albtraum nichts mehr zu tun haben. “Rausschmeissen, Vergessen.” Endlich hat man Ruhe. Doch täglich schaut man die Zeitung… Weiterlesen »