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Unternehmen / Praktikus

Der Praktikus vom 18. August 2018

Die Themen: Italiens Glaubwürdigkeit, US-Tech vs. China-Tech, Meyer Burgers Optimismus, ein Lapsus bei Cicor, Swisscom unter Druck, Raiffeisen sucht, und Trump ist gegen Quartalsabschlüsse.
«Gold wird irgendwo auf der Welt aus der Erde gegraben. Dann schmelzen wir es zu Barren, bauen einen unterirdischen Tresor und graben es wieder ein.»
Warren Buffett
amerikan. Investor (geb. 1930)

Lieber Investor

Dieser Brückensturz in Genua geht uns nahe. Er hat vielen Menschen das Leben geraubt, und es ist eine Brücke, die urlaubende Schweizer bestens kennen. Aber wie damit umgehen, wenn man in Italien ein Politiker von nationalem Rang ist? Erst einmal Europa verantwortlich machen, also die Schuld abschieben. Die Infrastruktur wäre in einem besseren Zustand, wenn es keine EU-Ausgabenbeschränkungen gäbe, sagt Italiens Innenminister Matteo Salvini.

Auch die Androhung, den mittlerweile aufs Korn genommenen Betreiber der Autobahn, Autostrade per l’Italia, wieder zu verstaatlichen, ist eine Aussage ohne Hand und Fuss. Sicher könnte das der Staat durchsetzen. Aber dann müsste er ja erst recht Geld in die Finger nehmen, um zu investieren. Absurd.

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Lieber Investor

Dieser Brückensturz in Genua geht uns nahe. Er hat vielen Menschen das Leben geraubt, und es ist eine Brücke, die urlaubende Schweizer bestens kennen. Aber wie damit umgehen, wenn man in Italien ein Politiker von nationalem Rang ist? Erst einmal Europa verantwortlich machen, also die Schuld abschieben. Die Infrastruktur wäre in einem besseren Zustand, wenn es keine EU-Ausgabenbeschränkungen gäbe, sagt Italiens Innenminister Matteo Salvini.

Auch die Androhung, den mittlerweile aufs Korn genommenen Betreiber der Autobahn, Autostrade per l’Italia, wieder zu verstaatlichen, ist eine Aussage ohne Hand und Fuss. Sicher könnte das der Staat durchsetzen. Aber dann müsste er ja erst recht Geld in die Finger nehmen, um zu investieren. Absurd.

Aber die Situation hat mich darauf gebracht, wieder mal die Renditen der italienischen Staatsanleihen anzuschauen. Über alle Laufzeiten hinweg sind die Renditen höher als vor drei Monaten. Die zehnjährigen Bonds rentieren 1,2 Prozentpunkte mehr als vor drei Monaten, als die Koalitionsregierung Form annahm. Vereinfacht gesagt, je länger die Regierung so weitermacht, desto teurer wird der Schuldendienst für Italien. Darum ist es kein Wunder,  dass der Bondmarkt gespannt und mit Bange auf das erste Budget der Regierung wartet. Ich bin sicher, der Bondmarkt Italien wird uns Anleger im Herbst noch mehr beschäftigen, als uns lieb ist.

US-Tech vs. China-Tech: 1:0

Facebook und Google kennen wir, Tencent hingegen kaum. Dabei war der chinesische Internetkonzern noch Anfang Jahr kurzzeitig mehr Wert als Facebook – mit einer Marktkapitalisierung von über 570 Mrd. $. Diese Woche ist der Börsenwert jedoch erstmals seit September 2017 unter 400 Mrd. $ gefallen. Tencent dominiert den Markt in der Volksrepublik mit der Messaging-App WeChat. Im Gegensatz zu Facebook hat er grosse Einkommensströme durch Online-Spiele. Mit Facebook wären Anleger trotz Daten-skandal besser gefahren. Überhaupt hängen die US-Tech-Riesen, unter dem Kürzel FAANG (Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google) bekannt, die chinesischen Tech-Giganten BAT (Baidu, Alibaba, Tencent) ab.

Chinas Tech-Riesen stehen wegen der erwarteten Konjunkturschwäche im Heimmarkt unter Druck. Sie können das enorme Wachstumstempo nicht mehr halten. Die einst gefeierten Online-Spiele lasten nun auf dem Ergebnis von Tencent – die Quartalszahlen diese Woche enttäuschten die Anleger. Die BAT konnten bisher vom abgeschotteten Internet in China profitieren, nun wird das zur Belastung: Um gegen die Gaming-Sucht von Kindern vorzugehen, will Peking vorläufig keine neuen Spiele zulassen. In diesem Vergleich steht es also 1:0 für die USA. Extreme Margen und hohes Wachstum sind eben nicht garantiert, weder im Silicon Valley noch in Shenzhen.

Meyer Burgers Optimisten

Der Solarzulieferer Meyer Burger weist erstmals seit 2011 einen Gewinn aus und scheint auf Turnaround-Kurs. CEO Hans Brändle – seit 2017 im Amt – agiert vorsichtig und will mit einer neuen Kostensenkungsrunde den Break-even-Punkt weiter drücken. Damit schlägt er den richtigen Weg ein. Ein Investitionsgüterhersteller wie Meyer Burger ist naturgemäss hohen Nachfrageschwankungen ausgesetzt. Das bedeutet: Es braucht eine dick gepolsterte Bilanz und eine schlanke, flexible Produktion. In diese Richtung zielt Brändle, er macht Meyer Burger wetterfest, was Vertrauen schaffen sollte. Dieses ging über die Zeit verloren, die überzogenen Prognosen von Finanzchef Michel Hirschi sind mittlerweile bei Investoren und Analysten berüchtigt. So hat er noch im Januar, an einer Investorenkonferenz, die Perspektiven in rosigsten Farben dargestellt. Danach sprangen die Titel auf über 2 Fr. Die Kurse haben sich seither mehr als gedrittelt. Da frage ich mich, wieso Hirschi, der schon unter Daueroptimist Peter Pauli dabei war, noch immer auf seinem Posten sitzt.

Lapsus von Cicor

Da staunte mein Redaktionskollege Peter Morf nicht schlecht, als er am Mittwochmorgen den Halbjahresbericht von Cicor in seiner Post fand. Die Publikation der Semesterzahlen war für Donnerstag angekündigt. Was war geschehen? Das mit dem Versand beauftragte Unternehmen hatte die Halbjahresberichte einen Tag zu früh verschickt. Es ist in einem katholischen Kanton ansässig, feierte am Mittwoch Mariä Himmelfahrt und verschickte die Bericht schon am Dienstag.

Cicor, über den Fehler informiert, musste die Börse ins Bild setzen. Sie stellte den Handel in Cicor ein. Cicor blieb nichts anderes übrig, als den Halbjahresbericht offiziell zu publizieren, womit auch der Handel wieder aufgenommen werden konnte. Ich rate Cicor, den Dienstleister zu wechseln. Oder noch einfacher, E-Mail zu nutzen.

Was nun Swisscom?

In der Telecombranche, die wegen der internationalen Tech-Riesen unter Druck steht und eher schrumpft als wächst, ist es für Mitarbeiter nicht leicht, jeden Tag voller Energie an die Arbeit zu gehen. Dabei wäre es umso wichtiger, dem Strukturwandel aktiv zu begegnen. Eine solche Aufbruchstimmung vermisse ich beim Telecomkonzern Swisscom. Das Management unter CEO Urs Schaeppi sprüht nicht gerade vor Dynamik. Im Verwaltungsrat dominieren Vertreter der Old Economy. Die bisherigen Bemühungen von Swisscom, mit ihrem IT-Know-how in neuen Geschäftsfeldern zu wachsen, überzeugen mich nicht. Auch wenn es für ein Traditionsunternehmen schwer ist, Gründergeist zu verbreiten – genau das bräuchte Swisscom.

Seit Schaeppis Amtsantritt im November 2013 haben Swisscom 5% verloren, inklusive Dividenden gibt das eine Gesamtrendite von knapp 18%. Seit Anfang 2018 ist die Luft aus den Aktien draussen. Dem Telecomkonzern täte frischer personeller Wind im Management und im Verwaltungsrat – hoffentlich aus der digitalen Welt – gut. Doch dafür müsste sich der Bund als Mehrheitseigner erst mal selbst einen Ruck geben.

Raiffeisen sucht noch immer

Nach turbulenten Wochen ist es etwas ruhiger geworden um Raiffeisen. Nächsten Mittwoch wird die Bank ihre Halbjahreszahlen vorlegen. Es wird das letzte Geschäftsergebnis für Bankchef Patrik Gisel sein – ein Rekordergebnis wohl noch dazu. Gisel tritt Ende Jahr ab, er war einfach zu nah dran an Ex-Chef Pierin Vincenz, den nächstes Jahr wahrscheinlich eine Anklage wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung erwartet.

Bevor ein neuer CEO antritt, wird im November jedoch erst noch ein neuer Präsident für Raiffeisen Schweiz gewählt. Einst geisterte ein Termin Mitte August herum als Datum für die Bekanntgabe des Namens des Kandidaten/der Kandidatin. Nun höre ich, es werde erst Ende August bis Mitte September soweit sein. Die Zeit ist begrenzt, denn die Traktandierungsfrist für die Delegiertenversammlung, an der die Wahl stattfinden soll, verstreicht. Namen geistern viele herum. Fest steht für mich: Es braucht jetzt einen absoluten Retailbanken-Topshot.

Trump gegen Quartalsabschlüsse

Dann noch dies: Unter den Hunderten von Tweets von Donald Trump gibt es sogar mal etwas Schlaues. Am Freitag twitterte der US-Präsident, er sei dafür, die quartalsweise Berichterstattung von Unternehmen abzuschaffen. Er habe einen entsprechenden Bericht bei der Börsenaufsicht SEC bestellt. Damit stellt sich der US-Präsident hinter die Aussagen von unter anderen Larry Fink, CEO und Gründer von BlackRock, und Jamie Dimon, CEO von JPMorgan, die den kurzfristigen Fokus des Finanzmarkts auf Quartalsergebnisse kritisieren. Aber warten mir mal ab. Ankündigungen sind das eine, zu liefern etwas ganz anderes.

Ihr Praktikus