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Der Praktikus vom 20. Juli 2019

Die Themen: Mangel an Euphorie, Sirenengesang aus Siena, Nestlé und Aryzta auf Rekordjagd, Leonteq-Schlamassel und es wird eng für die SNB.

«Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.»
Albert Einstein
dt.-amerikanischer Physiker (1879–1955)

Lieber Investor

Glauben Sie, dass die Börsen noch jede Menge Potenzial nach oben haben? Ich wette, dass Sie diese Frage nicht mit einem klaren Ja beantworten. So wie ich neigen wohl auch Sie bei immer neuen Höchst zur Vorsicht, und der Enthusiasmus hält sich in Grenzen. Schaut man sich die Stimmung unter den Anlegern an, sieht man diese Zu­rückhaltung.

Beim Mangel an jeglicher Euphorie muss man sich schon fragen, woher denn die Käufer von Aktien stammen. Ich vermute, es ist eher Resignation als Optimismus. Zumindest bei den Anlegern, mit denen ich spreche, ist man sich der Risiken der Aktienmärkte sehr wohl bewusst. Die Bewertungen sind hoch, der Konjunkturmotor stottert weltweit, und die nächste Salve aus der Twitter-Kanone von Trump kann jederzeit kommen. Aber es gibt eben keine Alternative zu Aktien – ausser Cash. Wollen Sie etwa Anleihen kaufen, bei denen Sie sicher verlieren? Lieber etwas Rendite, einfach mit höherem Risiko?

Sirenengesang aus Siena

Die Suche nach Rendite ist zum Verzweifeln. Anders lässt es sich nicht erklären, dass die marode Banca Monte dei Paschi di Siena diese Woche eine nachrangige zehnjährige Anleihe über 300 Mio. € bei institutionellen Investoren – unter anderem in der Schweiz – erfolgreich unterbringen konnte. Der Coupon verspricht eine Verzinsung von 10,5%. Doch wer will ernsthaft darauf spekulieren, dass Monte dei Paschi in zehn Jahren Kapital zurückzahlen kann? Schon mehrfach musste die stolze italienische Traditionsbank vom Staat gerettet werden, immer noch sind 16% der Kredite in den Büchern faul.

Zuletzt hatte Monte dei Paschi im Januar 2018 einen zehnjährigen Bond emittiert – damals noch mit einem Coupon von 5,375%. Gleich im ersten Jahr reduzierte sich der Wert der Anleihe um mehr als die Hälfte. Das Ausfallrisiko des Papiers, das mit miesen Ratings bedacht ist, ist hoch, die Absicherung sehr teuer. Entwickelt sich der neue Bond ähnlich, muss Monte dei Paschi wohl bald mit noch mehr Zins um Kapital betteln. Am Freitag wurde die 5,375%-Anleihe zu 69,6% des Nominalwerts gehandelt, was eine Rendite von 10,9% ergibt, der frisch emittierte Bond rentierte exakt gleich. Machen Sie es wie Odysseus und lassen Sie sich irgendwo festbinden, um diesem Sirenengesang aus Siena nicht zu erliegen. Unter uns: Da sind mir sogar Negativzinsen lieber, oder halt Aktien. Ich vermute, dass der Aufwärtstrend anhalten wird, aber ohne viel Begeisterung.

Nestlé auf Rekordjagd …

Ohne viel Begeisterung, fast still und heimlich, geht es mit den Nestlé-Aktien aufwärts. Schon wieder ein Allzeithoch diese Woche. Seit Januar ging es von links unten nach rechts oben: plus 30%. Wenn das so weitergeht, steigt der Kurs noch vor 2023 über 1000 Fr. Nein, Spass beiseite. Das Tempo wird nachlassen, aber für ein Ende des Aufwärtstrends sehe ich derzeit wirklich keinen Grund.

Die Blue-Chip-Titel befinden sich in einem perfekten Sturm. CEO Mark Schneider liefert bisher, was er versprochen hat. Entsprechend liegt auch das ambitionierte Wachstumsziel für 2020 in Griffnähe. Zusammen mit der erwarteten Margensteigerung gibt das unter dem Strich ein ansehnliches Gewinnwachstum. Alternativen zu Aktien gibt es kaum, die Konjunktur sendet Warnsignale – die defensiven Nestlé bieten Sicherheit, plus immerhin 2,5% Dividendenrendite. Nicht zuletzt dürfte sich die Beteiligung an L’Oréal bezahlt machen. Auch deren Titel kennen seit Jahresbeginn nur eine Richtung: nach oben. Rund ein Viertel mehr wert als im Januar ist deshalb Nestlés ­Anteil am französischen Kosmetikhersteller. Ob das bei Dan Loeb Verkaufsfantasien weckt? Der Konzern aus Vevey musste sich vom US-Aktivisten seit Längerem nichts mehr anhören. Vielleicht weil selbst er angesichts der jüngsten Entwicklung still geworden ist.

… ebenso wie Aryzta

Wie Nestlé sind auch die Aryzta-Titel auf Rekordjagd – allerdings nach unten. Ohne Nachrichten sind Aryzta diese Woche weiter gefallen und sind nun «Pennystocks», nach einem Allzeittief zur Wochenmitte von 0.9268 Fr. gingen sie zu 0.9685 Fr. ins Wochenende. Seit Jahresbeginn stehen sie gut 20% im Minus. Übrig geblieben ist ein Börsenwert von knapp
1 Mrd. Fr. Wenn sich Aryzta dann noch selbst als «leading international food company» bezeichnet, ist das in meinen Augen ein Fehlgriff in die Marketingkiste.

Mich interessiert vor allem, was mit der Beteiligung von knapp 50% an der ebenfalls kriselnden Tiefkühlkette Picard geschieht. Ist hier bald ein grösserer Abschreiber nötig? Aryzta äussert sich konsequent nicht dazu. Auch vom Private-Equity-Haus Lion Capital – sie besitzen die andere Hälfte – kommt ein «no comment» zurück. Das ist deren gutes Recht. Aber wie es scheint, wären die Anleger froh um ein Update. Derzeit treiben Unsicherheit und Misstrauen den Kurs.

Leonteq-Schlamassel

Überraschung zur Wochenmitte: Raiffeisen will an ihrem 29%-Anteil an Leonteq nun doch komplett festhalten. Die Bank verabschiedet sich von dem vor Jahren formulierten Ziel, 10% des Derivatspezialisten an einen strategischen Investor abgeben zu wollen. Laut eigener Aussage ist die Bank einfach zu sehr vom Geschäftsmodell Leonteqs überzeugt. Da habe ich eine andere Wahrnehmung: Raiffeisen hat schlicht keinen Käufer gefunden, zumindest nicht zu dem Preis, der ihr vorschwebte. Wie mein Kollege Valentin Ade schreibt (Seite 7), hatte Raiffeisen ihr Leonteq-Paket seit dem Absturz der Aktie ab Mitte 2015 stets mit einem Wert weit über Markt in den Büchern stehen – trotz Abschreibern. Klar, dass man da keine Käufer findet. Erst recht, wenn man bedenkt, dass die Titel seit Jahresanfang nochmal fast 20% verloren haben. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Verkaufsabsicht zurückgenommen wurde, sondern am operativen Geschäft. Die Nachfrage nach strukturierten Produkten schwächelt.

Es wird eng für die SNB

Nun geht der Reigen wieder von vorne los. Noch in diesem Monat müssen die grossen Notenbanken, Fed und EZB, ihren vollmundigen Worten zur erneuten geldpolitischen Lockerung auch Taten folgen lassen. Sie müssen es wohl tun, denn die Finanzmärkte haben sich darauf eingestellt. Sollte die EZB tatsächlich Handfestes in Form einer Zinssenkung oder erneuter Anleihenkäufe liefern, wird es sehr eng für die SNB.

Wo soll das noch hinführen mit einem Leitzins in der Schweiz, der so niedrig ist wie nirgendwo sonst auf der Welt? Unsere Nationalbank steht am Ende der Schlange und muss der Dinge harren, die vom Fed und von der EZB kommen werden. Weitere Leitzinssenkungen machen ein politisches Pulverfass auf und stürzen Pensionskassen noch tiefer in die Bredouille. Am Freitag fiel der Euro weiter in Richtung 1.10 Fr., der Markt rechne mit einem Zinsschritt der EZB, heisst es. Sollte der Franken weiter aufwerten, bleiben nur Devisenmarktinterventionen. Und das bei Fremdwährungsbeständen der SNB, die jetzt schon grösser sind als das Bruttoinlandprodukt.

 

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