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Unternehmen / Praktikus

Der Praktikus vom 20. Oktober 2018

Die Themen: Die Schwächen der Topmanager, DKSH geht ex Wolle, zugreifen bei Autoneum, die Cler-Verschwörungstheorie, bei Zur Rose kommt noch mehr, und ehrlich währt am längsten.
«Ein Kluger bemerkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.»
Heinrich Heine
dt. Dichter und Journalist (1797-1856)

Lieber Investor

Wissen Sie, was mich noch mehr ärgert als überrissene Boni und Löhne von Managern? Diese Herren – und bis jetzt waren es durchweg Herren – haben noch nicht mal den Mut hinzustehen und zu sagen, weshalb die Summe gerechtfertigt ist.

Das jüngste Beispiel für diese sehr ausgeprägte Schwäche unter Managern erreicht mich aus England. Der Häuschenbauer Persimmon hatte dem CEO und zweien seiner C-Level-Kumpane für 2017 unglaubliche Boni ausgeschüttet. CEO Jeff Fairnburn allein erhielt 100 Mio. £ (rund 130 Mio. Fr.). Der Protest war zu gross, daraufhin wurde der Bonus auf 75 Mio. £ gesenkt. Und jetzt verweigert der CEO in einem Interview mit BBC vor laufender Kamera das Gespräch, weil der Journalist ihn darauf anspricht. Ehrlich, Jeff, wer die Frechheit hat, so viel Geld einzusacken, wird ja wohl noch was dazu sagen können.

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Lieber Investor

Wissen Sie, was mich noch mehr ärgert als überrissene Boni und Löhne von Managern? Diese Herren – und bis jetzt waren es durchweg Herren – haben noch nicht mal den Mut hinzustehen und zu sagen, weshalb die Summe gerechtfertigt ist.

Das jüngste Beispiel für diese sehr ausgeprägte Schwäche unter Managern erreicht mich aus England. Der Häuschenbauer Persimmon hatte dem CEO und zweien seiner C-Level-Kumpane für 2017 unglaubliche Boni ausgeschüttet. CEO Jeff Fairnburn allein erhielt 100 Mio. £ (rund 130 Mio. Fr.). Der Protest war zu gross, daraufhin wurde der Bonus auf 75 Mio. £ gesenkt. Und jetzt verweigert der CEO in einem Interview mit BBC vor laufender Kamera das Gespräch, weil der Journalist ihn darauf anspricht. Ehrlich, Jeff, wer die Frechheit hat, so viel Geld einzusacken, wird ja wohl noch was dazu sagen können.

Aber letztlich ist die Gesprächsverweigerung ein bekanntes Mittel für Topmanager, auch im Schweizer Markt. Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen…

DKSH geht ex Wolle

Ich kritisiere ja immer wieder Manager, nicht nur wenn sie zu viel verdienen, sondern auch weil sie zu viele Ämter gleichzeitig wahrnehmen. Vor kurzem etwa habe ich Andreas Umbach ins Visier genommen, weil er bei Ascom, bei Landis Gyr und nun auch noch bei SIG Combibloc Verwaltungsratspräsident ist. Vor kurzem hat er bekannt gegeben, bei Ascom zurückzutreten.

Nun gibt es noch einen solchen Rückzug. Jörg Wolle, Präsident bei Kühne Nagel, Klingelnberg und DKSH, gibt das Mandat bei letzterem Unternehmen zur GV im kommenden Frühling ab. Auch bei ihm, obwohl er als langjähriger CEO DKSH bedeutend vorangebracht hat, gilt: Gut so. Zu viele Mandate bringen niemandem etwas. Allerdings vermute ich, der Entscheid von Wolle basiert nicht auf dieser Erkenntnis und ist wohl auch nicht Folge meiner Kritik. Sein Abgang ist eher die letzte Konsequenz des Generationenwechsels im Management.

Autoneum, jetzt erst recht

Greife nicht nach einem fallenden Messer, lautet eine Börsenweisheit. Das klingt allerdings einfacher, als es ist. Ich selbst habe mich getäuscht, als ich vor zwei Wochen den Autozulieferer Autoneum als attraktiv eingestuft habe. Jetzt haben sich die Titel nach der zweiten Gewinnwarnung im laufenden Jahr seit dem Höchst fast halbiert, und trotz reduzierter Gewinnschätzungen ist das vorausschauende KGV so niedrig wie nie (8 für 2019).

Vieles, was den Automobilzulieferer derzeit plagt, geht vorüber. Die Ertragsprobleme in Nordamerika – Überkapazität, Anlaufprobleme in der Belieferung neuer Modelle, Personalthemen und höhere Rohmaterialkosten – sollten lösbar sein. Gerade die Rohmaterialpreise können weitergegeben werden. Auch andernorts sehe ich keinen Sturm aufziehen, der den Umfang der Korrektur rechtfertigen könnte. Zwar dürfte die weltweite Automobilproduktion in den nächsten Jahren impulsschwach sein. Doch Autoneum hat bewiesen, dass sie Marktanteile gewinnen kann.

Skeptiker sehen überdies die Lieferprobleme diverser Autobauer wegen des neuen Verbrauchsstandards als Gefahr. Ich nicht. Kunden nehmen die längere Lieferfrist in Kauf oder kaufen ein anderes Modell. Weil Autoneum global aufgestellt ist und nahezu alle Hersteller beliefert, steckt wohl auch in diesem anderen Modell Autoneum drin. Ich kaufe also in Autoneum zu – und senke so meinen Durchschnittskurs.

Cler-Verschwörungstheorie

Die Basler Kantonalbank (BKB) kann ihre Dreivierteltochter Bank Cler vollständig übernehmen. Sie hält nun über 98% an Cler und kann die restlichen Titel für kraftlos erklären lassen. Allerdings gibt es ein kleines Grüppchen von ein paar Dutzend Anteilseignern, die nicht zufrieden sind. Es hat Beschwerde bei Finanzmarktaufsicht und Übernahmekommission eingelegt, weil es zu auffälligen Volumen und Preisen während des Andienungsprozesses gekommen ist. Da wurde die Cler-Aktie teils über dem BKB-Angebotspreis nachgefragt und tatsächlich von Dritten bei 54 Fr. gekauft.

Jetzt kann man sagen das waren Spekulanten, die darauf hofften, BKB werde am Ende unter 98% landen und das Angebot vielleicht doch noch nachbessern. Diese Spekulanten verkauften dann aber diese Titel offenbar noch vor Fristende. Wer aber würde wohl so Geld vernichten wollen? Das Grüppchen Dissidenten mutmasst, die BKB habe Dritte angestiftet, überhöht zu kaufen und dann anzudienen, damit sie auf jeden Fall über die 98% kommt. Die BKB wäre allerdings nicht nur hinterhältig, sondern ziemlich dumm. Denn gemäss der bei Übernahmen geltenden Best-Price-Regel müsste sie dann allen Aktionären 54 Fr. zahlen. Sie müsste dann statt 211 Mio. Fr. für das 25%-Paket ganze 219 Mio. Fr. bezahlen. Schauen wir mal, zu welchem Schluss die Behörden kommen.

Zur Rose: Da kommt mehr

Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich nicht zu den eifrigsten Lesern der «Deutschen Ärztezeitung» gehöre, und auch nicht, dass ich nicht viel von der deutschen Regierung erwarte. Doch jetzt ist mir in dem erwähnten Blatt aufgefallen: «Weitere Bausteine der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind in Vorbereitung.» Aha. Und dann: «Bis Ende 2019 will das Gesundheitsministerium die nötigen Gesetzesänderungen für die Einführung von elektronische Rezepten vorlegen.» Oha. Damit kommt das elektronische Rezept wohl schneller als bisher angenommen, man war bislang von Mitte 2020 bis 2021 ausgegangen.

Das ist noch weit weg und freut mich für die Schweizer Versandapotheke Zur Rose, die gerade dabei ist, in Deutschland zu akquirieren, was zu akquirieren ist. Das Wachstum aus eigener Kraft harzt, und alles wartet auf das elektronische Rezept, das die Geschäfte ankurbeln würde. Auch wenn es dauert: Ich bin überzeugt, auf lange Sicht greift der Online-Handel auch für rezeptpflichtige Medikamente, allen Apotheker-Lobbyisten Deutschlands zum Trotz. Das ist es, worauf man mit Zur Rose – die zurzeit noch immer Verlust schreibt –  setzt. Ich bin und bleibe dabei.

Ehrlich währt am längsten

Vor gut einem Monat habe ich von einer Studie des Brokers Baader Helvea berichtet, worin der Analyst dem Biotech-Unternehmen Basilea einen Liquiditätsengpass unterstellte. Es hiess damals, schon früh im kommenden Jahr werde die Cashposition negativ. Aufgrund dieser Einschätzung, der Bestätigung der Verkaufsempfehlung plus der Senkung des Kursziels verloren die Aktien damals noch einmal deutlich an Boden.

Gut einen Monat später publiziert der Analyst eine Korrektur. Er wolle klarstellen, dass Basilea nicht Ende 2018 das Geld ausgehe. Er nimmt sodann eine Neubewertung vor, setzt die Empfehlung auf «Halten» und erhöht das Preisziel um 10% auf 55 Fr. Die Geschichte hat auch ihr Gutes. Während die Analyse vor einem Monat klar falsch war, wurde nun immerhin die Einschätzung korrigiert, weil offenbar die Fakten nicht gestimmt haben. Ich finde, es zeugt von Rückgrat, Fehler einzugestehen, was den Basilea-Kurs aber natürlich nicht auf das vormalige Niveau hievt. Darum bitte das nächste Mal einfach besser Korrektur lesen.

Ihr Praktikus