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Der Praktikus vom 25. September 2019

Die Themen: Beschattungsaufträge, Alpiq-Nachfrist endet, Meyer Burger ohne Stil, CDS sind nicht schuld und wie Bargeld teuer wird.

«Die grösste Weltklugheit besteht darin, den Preis der Dinge zu kennen.»
François de La Rochefoucauld
frz. Offizier und Schriftsteller (1613–1680)

Lieber Investor

Vielleicht ist es Ihnen ja aufgefallen, am Donnerstag beginnt das Zurich Film Festival. Eines weiss ich jetzt schon: Ein derart schlechter Plot, wie er gerade in der realen Welt der Zürcher Grossbankenszene zu beobachten ist, wird nicht erzählt werden. Topbanker verlässt Grossbank, geht zur Konkurrenz; Grossbank lässt Banker überwachen; Typen, versiert im Geldeintreiben, verfolgen Banker; Banker stellt Typen; Grossbank gesteht; grosses Trara.

Hut ab! Gerade erst schien Credit Suisse in etwas ruhigerem Fahrwasser unterwegs zu sein, CEO Tidjane Thiam hat die Bank immerhin saniert, und nun das. Die Aufregung ist gross, und zwar zu Recht. Mir zeigt das, es geht in den obersten Führungsetagen einfach um zu viel Geld und um zu viel Ego, egal, bei welcher Grossbank. Aber noch weiss niemand, was wirklich gelaufen ist, wie auch meine Kollegin Monica Hegglin kommentiert. Und der Plot ist noch nicht zu Ende geschrieben: Wie wird die Geschichte ausgehen? Was passiert mit VR-Präsident Urs Rohner und was mit CEO Tidjane Thiam? Sagen Sie es mir in der aktuellen Umfrage unter www.fuw.ch/umfragen.

«Nicht ungewöhnlich»

Profis aus der Szene sagen mir, dass Beschattungsaufträge zwar eher selten, aber bei Jobantritt oder -wechsel hochkarätiger Manager nicht ungewöhnlich sind. Ein Stück weit ist das ja verständlich, schliesslich geht es um hohe Abgangs- bzw. Willkommenspakete. Eine Bank ist da verpflichtet, sicherzustellen, dass sich der Abtrünnige an die Vereinbarung hält. Die Grenzen des Erlaubten gibt das Strafgesetzbuch vor, Handgreiflichkeiten oder gar Einschüchterung liegen nicht drin.

Angeordnet wird ein solcher Überwachungsauftrag mitunter von ganz oben. Die Kosten? 10 000 bis 15 000 Fr. pro Tag. Dass die Beschattung im Fall Khan aus dem Ruder lief und unprofessionell gehandhabt wurde, ist offensichtlich. Ob jemand gesetzeswidrig gehandelt hat, dem geht die Staatsanwaltschaft nach. Wird ein Straftatbestand ermittelt, wird es ungemütlich für die Protagonisten.

Alpiq-Nachfrist endet

Am Freitag läuft die Nachfrist für die Andienung der Alpiq-Aktien ab. Die Bieter sind nervös. Es könnte knapp werden mit dem 90%-Anteil, der für ein Herausdrängen des Publikums notwendig ist. Ich habe schon vor Monaten dazu geraten, die Titel abzustossen. Denn die neuen Eigentümer wollen im Oktober die Dekotierung beantragen – auch mit 89,22% der Aktien. Die Aussichten, vor Gericht einen besseren Preis als die gebotenen 70 Fr. zu erstreiten, sind gegen einen Käufer wie die Anlagestiftung der Credit Suisse gering. Dass es einige offenbar dennoch darauf ankommen lassen wollen, hat Stil. Sie lassen sich nicht einschüchtern und bleiben drin, nach dem Motto: «Viel verlieren kann ich sowieso nicht mehr.»

Meyer Burger ohne Stil

Stilvoll von Meyer Burger wäre gewesen, cool zu bleiben und die Entscheidung über die Wahl von Mark Kerekes in den VR ganz den Aktionären zu überlassen. Stattdessen argumentiert der Solarzulieferer zur Ablehnung der Kandidatur, Kerekes habe als Vertreter des Aktivisten Sentis mehrere Interessenkonflikte, unter anderem aufgrund des russischen Geldgebers Piotr Kondrashev. Dieser sei vom US-Finanzministerium auf die sogenannte Putin-Liste gesetzt worden. Das klingt erst mal ganz, ganz böse.

Nun muss man aber wissen, dass die Trump-Regierung die Liste Anfang 2018 mehr oder weniger dem Magazin «Forbes» abgekupfert hat. Es ist eine Liste der zweihundert reichsten Russen, und nicht alle, auch Kondrashev nicht, sind mit US-Sanktionen belegt. Weiter schreibt Meyer Burger, Sentis habe ohne nachvollziehbare Begründung den Rücktritt von CEO Hans Brändle gefordert – und droht im selben Satz mit genau diesem Schritt, würde Kerekes am 30. Oktober gewählt.

Was sollen die Aktionäre tun? Sie haben die Wahl zwischen einem kriselnden Unternehmen mit aktivistischem VR und erst einmal ohne CEO – oder weiter wie bisher. Wäre Kerekes im VR versorgt, würde es zumindest für Aussenstehende wieder ruhiger. Dieses Gekeife ist wahrlich nicht schön mit anzusehen.

CDS sind nicht schuld

Das Management des Reiseanbieters Thomas Cook hat vieles falsch gemacht (vgl. Porträt). Zu Recht wollten die Gläubiger nicht noch mehr Geld verbrennen. Aber statt sich an die eigene Nase zu fassen, beschuldigt man nun wahlweise die Banken, die britische Regierung oder Hedge Funds, eine ökonomisch sinnvolle Rettung blockiert zu haben. Die Hedge Funds etwa sollen mit Kreditderivaten (CDS) nun dank der Insolvenz den grossen Reibach machen. Die moralische Empörungskeule schlägt zu.

Die Empörung ist fehlgeleitet. Mit den CDS wurde wohl grossteils das Ausfallrisiko der Thomas-Cook-Anleihen abgesichert. Und selbst wenn ein Investor ohne Anleihen sich mit dem Kreditderivat positioniert hat, ist das nicht verwerflich. Wie bei Leerverkäufen führt das in der Regel zu effizienteren Finanzmärkten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die CDS-Käufer eine Rettung verhindert haben. Managern passt es natürlich nicht, wenn Investoren auf ihre Unfähigkeit wetten können. Doch für Anleger ist es besser, wenn die Manager Druck der Märkte spüren.

Wie Bargeld teuer wird

Werden auch Sie vom Negativzinsthema täglich noch etwas negativer gestimmt? Höchste Zeit, mit Sicherheit positiver zu werden. Das dachte ich mir, als ich in einer Radiosendung von SRF über das Versichern von Bargeld hörte. Der Versicherungsmanager schätzte, dass mittlerweile 500 Mio. Fr. in bar gehortet werden. Wer für Tausendernoten in Hunderterbündeln eine Versicherungsdeckung wünscht, muss Extraprämien zahlen.

Wer die AGB von Hausratpolicen studiert, kommt ins Staunen, was da alles als nicht versichert aufgeführt ist und welche Vorhandenseins- und Aufbewahrungsbelege im Falle des Falles vorgelegt werden müssen. Ich bleibe lieber bei meiner Negativzinsprophylaxe: Statt Bares zu horten, stocke ich meine Aktienpositionen auf.

Ihr Praktikus