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Der Preis der Intoleranz

Religiöse Intoleranz verursacht volkswirtschaftliche Kosten und bremst die Wissensproduktion. Diese Effekte können sich im Wohlstand spiegeln. Ein Kommentar von Joachim Voth.

Joachim Voth
«In den am meisten betroffenen Regionen fehlen viele Dinge, die das Wirtschaftsleben besser machen.»

Religionsfreiheit ist ein menschliches Grundrecht, doch in vielen Ländern der Erde existiert sie noch nicht einmal auf dem Papier. Mit der Rückkehr der Taliban wird eine enge Auslegung des Islam wieder zentral für Politik und Gesellschaft in Afghanistan. Mancherorts – wie in Nordkorea – ist alle Religion verboten, anderswo, wie beispielsweise in Saudi-Arabien oder dem Iran, ist nur eine einzige erlaubt. Weil derzeit etwa 57% der Weltbevölkerung in Ländern leben, in denen Bürger für ihren Glauben verfolgt werden, sollten auch die wirtschaftlichen Folgen religiöser Intoleranz bedacht werden.

Dass Religion und Wirtschaftsentwicklung eng verknüpft sind, ist als Gedanke nicht neu. Schon Max Weber hatte vor über hundert Jahren einen aufsehenerregenden Artikel geschrieben, in dem er argumentierte, dass das Glaubensgerüst einiger protestantischer Sekten nützlich für die Wirtschaftsentwicklung Englands in der frühen Neuzeit gewesen sei. In der Tat fand die industrielle Revolution zuerst in protestantischen Ländern statt; wer um 1900 den Erdball betrachtete, sah reiche, schnell wachsende, weitgehend protestantische Länder wie die USA, Grossbritannien und Deutschland sowie ärmere, langsam wachsende wie Italien, Spanien oder China, in denen es nahezu keine Protestanten gab. Diese scheinbar so überzeugende Korrelation ist allerdings in den vergangenen 120 Jahren zusammengebrochen – nichtprotestantische Länder sind mittlerweile durch den gleichen Wachstumsprozess gegangen wie die Pioniere der industriellen Revolution.

Die Frage, welche Religion besonders gut für das Wachstum ist, lässt sich also nicht eindeutig beantworten. Katholische und protestantische Länder, muslimische und konfuzianische können schnell wachsen. Zunehmend klar sind die Folgen religiöser Intoleranz und starrer Indoktrinierung. Dabei hilft ein detaillierter Blick in die Geschichte einzelner Länder und Regionen. Die Analyse von Wohlstandsunterschieden zwischen den Nationen ist in der Volkswirtschaft etwas aus der Mode gekommen, aus gutem Grund: Zu viele Dinge unterscheiden sich von Land zu Land. Die Standarduntersuchungen, noch beliebt vor zwanzig Jahren, in denen versucht wurde, den Einfluss eines Faktors (sei es der Protestantismus, sei es ein hoher Handelsanteil) zu bestimmen, indem man den Querschnitt aller Bruttosozialproduktzahlen zugrunde legte, haben sich als wenig hilfreich erwiesen. Stattdessen wird auf Untersuchungen innerhalb einzelner Länder gesetzt oder auf nahe beieinanderliegende Regionen.

Die Inquisition und ihre Folgen

So lassen sich die Effekte religiöser Intoleranz anhand einiger Beispiele schön beobachten. In Spanien wurde 1480 die Inquisition eingeführt, deren Aufgabe die Ausrottung des vermeintlichen Unglaubens war. Dazu wurde das ganze Land mit Tribunalen überzogen, die jedes Jahr Berichte über ihre Tätigkeit nach Madrid schickten. Bei periodischen Besuchen der Inquisitoren wurden die Gläubigen aufgefordert, ihre Sünden zu bekennen – und auch gleich diejenigen der Nachbarn anzugeben. Kam es zu interessanten Anschuldigungen, wurde weiter ermittelt, zur Not auch mit Folterinstrumenten. In den schlimmsten Fällen folgte dann die öffentliche Verbrennung des Häretikers, ein Akt auf grosser Bühne, der auf Einschüchterung abzielte.

Über 300 Jahre lang, bis 1820, wütete die spanische Inquisition. Insgesamt führte sie 67’000 Verfahren durch. In manchen Gegenden verfolgte sie viele Leute, in anderen eine geringere Zahl. Die Gründe dafür haben weniger damit zu tun, dass es an bestimmten Orten mehr Hexen oder Anhänger von Untergrundbekenntnissen gab als anderswo, sondern mit dem Finanzierungsmodell: Die Inquisition musste sich selbst durch Geldstrafen und das Einziehen des Vermögens von «Schuldigen» finanzieren. So gerieten vor allem erfolgreiche Geschäftsleute, Anwälte, Financiers und Ärzte in die Fänge der Inquisition. Die Grundfesten einer bürgerlichen Gesellschaft, wie sie sich im Rest Europas in der frühen Neuzeit entwickeln konnte, wurden so zu einem guten Teil zerstört. Je reicher eine Stadt oder Gegend war, umso mehr «Aufmerksamkeit» der Inquisition wurde ihr zuteil.

Was waren die Folgen? Wenn man sich Spanien heute ansieht, dann sind Regionen mit besonders hoher Verfolgungsdichte durch die Inquisition immer noch deutlich ärmer als solche mit keinen Strafverfahren. Im Durchschnitt sind die Einkommen in den am schlimmsten betroffenen Gemeinden um 1450 € niedriger als diejenigen in unbetroffenen Städten, das knapp 200 Jahre nach der Abschaffung der Inquisition. Spanien insgesamt kosten die Schatten der Verfolgung heute jedes Jahr schätzungsweise 800 € pro Einwohner.

Tradierte Einstellungen

Wie kann das sein? Wie kann die Geografie der religiösen Intoleranz vor Hunderten von Jahren sich bis heute im Wohlstand der Bürger spiegeln? In den am meisten betroffenen Regionen fehlen viele Dinge, die das Wirtschaftsleben besser machen. So ist das Bildungsniveau deutlich geringer, unabhängig von der Bewohnerzahl. Die Menschen sind religiöser, aber sie vertrauen sich gegenseitig deutlich weniger als anderswo. Bildung, Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit aber sind essenziell für den Wirtschaftsprozess. Wo gebildete Menschen leichterdings kooperieren können, brummt die Wirtschaft; wo rudimentär ausgebildete Bürger sich misstrauisch beäugen, bevor sie irgendein Projekt starten, kommt Armut häufig vor.

Der systematische Angriff auf die Gebildeten und Wohlhabenden durch die Inquisition wirft so ihre Schatten auf die Gegenwart; die Anreize, den Nachbarn zu verraten, spiegeln sich noch heute in geringerem Vertrauen. Dass solche Muster sich auch über Jahrhunderte übertragen lassen, ist eine relativ neue Einsicht in den Wirtschaftswissenschaften, aber wir finden sie in vielen Weltteilen und Verhaltensweisen, vom Bildungsverhalten über die Kooperationsbereitschaft bis hin zur Risikoaversion und zur Ausgrenzungsneigung. Zumeist ist das Tradieren von Einstellungen von den Eltern auf die Kinder ein wichtiger Faktor; weil quasi der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, bleibt bei verhältnismässig geringer Mobilität am gleichen Ort häufig vieles beim Gleichen.

Religion kann Entwicklung antreiben oder behindern

In anderen Studien zeigt sich, wie religiöse Intoleranz auch die Wissensproduktion hindern kann. Die Inquisition im ganzen katholischen Europa setzte Bücher auf den «Index», das Verzeichnis der verbotenen Schriften. Überall dort, wo besonders viele Bücher in den Giftschrank wanderten, schwächelte anschliessend das Wachstum. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts war der Einstieg in die Technologien der zweiten industriellen Revolution, die deutlich mehr Wissenschaft und gebildete Arbeitskräfte brauchte, jeweils dort schwierig, wo die katholische Kirche in den Schulen dominierte und eine wissenschafts- und fortschrittsfeindliche Ideologie vertrat.

Religion kann Menschen zusammenführen. Die «Erfindung» der grossen Götter – allwissender und allmächtiger Gottesgestalten in den grossen monotheistischen Religionen – ging mit einem Schub in der Komplexität von Gesellschaften einher. Überraschend ist das nicht: Wer mit ewigem Heil belohnt oder ewiger Verdammnis bedroht werden kann, hat einen Grund mehr, das Richtige zu tun. Ein Blick in die Geschichte zeigt aber auch, dass diese potenziell positiven Effekte religiösen Glaubens ins Gegenteil verkehrt werden können, wo religiöse Einheitssuppe gekocht und mit Feuer und Schwert verabreicht wird.

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