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Der Schlüssel zur Lösung des Produktivitätsrätsels

Die zur Steigerung der Produktivität einer ganzen Volkswirtschaft notwendigen Verbesserungen erfordern koordiniertes, kollektives Handeln. Doch das ist schwer zu bewerkstelligen. Ein Kommentar von Diane Coyle.

Diane Coyle
«Regionen einfach aufzufordern, ‹mehr wie Silicon Valley› zu sein, ist sinnlos.»

In einem Vortrag von 1996 unter dem Titel «Big Bills Left on the Sidewalk» («Grosse Banknoten auf dem Bürgersteig») stellte der amerikanische Ökonom Mancur Olson (1932–1998) in eindringlicher Weise Folgendes fest: Wenn eine Person aus einem armen Land – etwa aus Haiti – in ein reicheres Land wie die USA einwandert, wird sie dort sofort wesentlich produktiver und verdient weit mehr als zuvor in der Heimat. Diese Person hat sich nicht von heute auf morgen geändert, weswegen ihre Qualifikationen oder kulturellen Einstellungen die nunmehr verbesserte Situation nicht erklären können. Die Antwort muss vielmehr im neuen Umfeld liegen.

Olson kam daher zum Schluss, dass viele (oder die meisten) Volkswirtschaften sozial nicht effizient funktionieren. Ein günstigeres institutionelles und soziales Umfeld und ein höherer Kapitalstock aus früheren Investitionen können die Produktivität einer Einzelperson und damit ihren Lebensstandard enorm verbessern.

Die Herausforderung, so hob Olson hervor, besteht darin, dass diese Einzelperson den Gesamtkontext, in dem sie lebt und arbeitet, nicht verändern kann, ausser, sie zieht woanders hin. Die zur Steigerung der Produktivität einer ganzen Volkswirtschaft notwendigen Verbesserungen erfordern koordiniertes, kollektives Handeln. Im Rahmen seiner eigenen Forschungen zur Logik des kollektiven Handelns ging Olson der Frage nach, warum das so schwer zu bewerkstelligen ist.

Fehlende Gesamtsicht

Leider wird Olsons «Grosse Scheine»-Erkenntnis hinsichtlich der notwendigen Koordination in der aktuellen Produktivitätsdebatte kaum erwähnt. Die Diskussionen drehen sich weniger um die Notwendigkeit koordinierter Massnahmen als vielmehr um zahlreiche potenziell beitragende Faktoren – ob es nun darum geht, warum der Ausstoss pro Arbeitsstunde in vielen OECD-Ländern seit Mitte der Nullerjahre nahezu stagniert oder welche zielgerichteten politischen Massnahmen zur Wiederbelebung abgehängter Städte oder Regionen beitragen könnten.

So beurteilen beispielsweise politische Entscheidungsträger die Kosten und den Nutzen potenzieller Infrastrukturinvestitionen in der Regel auf Basis des Einzelprojekts. Wie hoch der Ertrag eines Projekts ausfällt, hängt jedoch auch von anderen – privaten und öffentlichen – Entscheidungen ab. Wird eine neue Eisenbahnverbindung installiert, stellt sich die Frage, ob auch die Fahrpläne der lokalen Busse geändert werden, um so den Transport der Fahrgäste zu koordinieren. Werden in der Nähe neue Häuser gebaut und werden im Umfeld von staatlicher Seite Schulen errichtet? Ohne koordinierte Entscheidungsfindung präsentieren sich Investitionen in neue Projekte, wo bereits mehr Projektteile vorhanden sind, in der Regel als die Option mit dem besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis. Leider werden staatliche Stellen, die Projekte bewerten, selten mit einer gesamtheitlichen Untersuchung der Sachlage beauftragt.

Ein ähnliches Problem stellt das mangelhafte Qualifikationsangebot auf regionaler oder lokaler Ebene dar. Gibt es in einem bestimmten Gebiet keine gut bezahlten Arbeitsplätze, besteht für den Einzelnen kein Anreiz, in seine Bildung zu investieren. Ist der lokale Pool an qualifizierten Arbeitnehmern klein, finden wiederum Arbeitgeber keine Anreize vor, in diesem Bereich Büros oder Fabriken zu errichten. Wer aufsteigen will, hat also keine andere Wahl, als auszusteigen.

Wohlstand auf breiterer Basis

Derartige Beispiele haben unter Wirtschaftsforschern mittlerweile schon fast den Status eines Gemeinplatzes, da weithin bekannt ist, wie wichtig die «Institutionen» für Wachstum und Entwicklung sind. Allerdings müssen Ökonomen ihre Analyse in Zusammenhang mit einem Verständnis für das politische Veränderungspotenzial, der Soziologie von Organisationen und der Psychologie der Entscheidungsfindung stellen. Die Regionen einfach aufzufordern, «mehr wie Silicon Valley» zu sein, ist sinnlos. Die Herausforderung für Wissenschaft und Politik besteht vielmehr darin, in jedem spezifischen Kontext zu verstehen, welcher Art der Koordination es zur Steigerung der Produktivität genau bedarf und mit welchen (von wem ergriffenen) Massnahmen das zu erreichen ist.

Enorme Ungleichheiten zwischen Regionen und daher auch hinsichtlich der Lebenschancen von Menschen sind überall ein brennendes politisches Thema, wie Wahlen und die zunehmende Polarisierung der letzten Jahre deutlich zeigen. Ausserdem werden die Covid-19-Pandemie, die Wahrscheinlichkeit wirtschaftlicher Turbulenzen aufgrund extremer Wetterereignisse oder wegen Bürgerkriegen sowie die existenzielle Notwendigkeit des Übergangs zu einer kohlenstofffreien Wirtschaft und der weit verbreitete Einzug digitaler Technologien die Schaffung von Wohlstand auf breiter Basis noch dringlicher werden lassen.

Ökonomie und Politik sind gefordert

Obwohl sich die Hindernisse für die Produktivitätssteigerung nahezu universell präsentieren, werden die Lösungen für jeden Ort massgeschneidert sein müssen und in Relation zu vorhandenen Vermögenswerten, der industriegeschichtlichen Entwicklung, dem geografischen Standort und der Lokalpolitik umzusetzen sein. Es gibt – noch – keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, welche Art von Entscheiden auf verschiedenen Regierungsebenen getroffen werden muss oder wie man diese Entscheidungen über Abteilungen und Budgets der Ressorts hinweg koordiniert.

Niemand wäre überrascht, dass mangelnde Investitionen in materielle und immaterielle Vermögenswerte, Qualifikationsdefizite, unzureichende Infrastruktur, schlechtes Management und ein schwaches makroökonomisches Umfeld zu den Faktoren zählen, die zu einer niedrigen oder stagnierenden Produktivität beitragen. Überraschender ist da schon die mangelnde Aufmerksamkeit, die der Lösung dieser Probleme bisher zuteilwurde. Ökonomie und Politik müssen unverzüglich damit beginnen, hier Abhilfe zu schaffen.

Copyright: Project Syndicate.