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«Der Schuldenabbau kommt zu früh»

Christopher Pissarides, Wirtschaftsnobelpreisträger, kritisiert im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» die Europäische Zentralbank. Sie solle mit höherer Inflation den südeuropäischen Ländern helfen.

Der Ökonomieprofessor und Arbeitsmarktforscher Sir Christopher Pissarides fordert mehr Inflation in der Eurozone. Auch wenn keine Deflation drohe, schade die Europäische Zentralbank (EZB) der eigenen Glaubwürdigkeit, wenn sie ihr Inflationsziel von 2% nicht ernst nehme. Strukturreformen in Südeuropa seien wegen der mangelnden Unterstützung durch die EZB schwieriger.

In einer Rezession seien Reformen nur schwer durchzusetzen. Der im zyprischen Nikosia geborene Pissarides schaut mit Sorge auf Griechenland: Durch die Jugendarbeitslosigkeit drohe dort eine verlorene Generation zu entstehen. Er sprach mit «Finanz und Wirtschaft» am Rande des Astana Economic Forum in Astana, der Hauptstadt Kasachstans.

Sir Christopher, wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage in Südeuropa ein?
Die Situation hat sich im Vergleich zu letztem Jahr leicht verbessert. Es gibt keine Zweifel am Euro mehr. Die Diskussion, ob Länder die Eurozone verlassen sollten, ist vorbei. Die erhöhte Sicherheit um die Währung ist auch gut für den Arbeitsmarkt. Ebenfalls gut ist: Weil wir schon so lange in der Rezession sind und die Menschen sich lange Zeit mit ihrem Konsum zurückhielten, geben sie nun wieder ein wenig mehr Geld aus. Die Volkswirtschaften zeigen etwas mehr Aktivität.

Geht es also aufwärts?
Die negative Seite ist, dass wir in Europa eine falsche Geldpolitik verfolgen. Wir lassen eine deflationäre Entwicklung in Südeuropa zu. Und in einer Deflation mit hoher Arbeitslosigkeit ist es für diese Länder so gut wie unmöglich, ihren Schuldenstand abzubauen. Dazu kommt eine Zentralbank, die sich weigert, mehr Liquidität in die Wirtschaft zu pumpen.

Die EZB tut zu wenig?
Beim letzten Treffen der EZB sagte Mario Draghi mit einem Lächeln, dass man eine Deflation in Europa nicht zulassen werde – aber man könne ohne Schaden einen weiteren Monat warten, bevor man etwas dagegen tue. Dem stimme ich nicht zu. Zwar bin ich nicht so besorgt um Deflation wie andere Ökonomen, aber es hätte keinen Schaden verursacht, etwas mehr Inflation zuzulassen. Das schadet der Glaubwürdigkeit der EZB: Sie hat sich verpflichtet, die Inflation knapp unter 2% zu halten – damit meint sie 1,8 oder 1,9%. 1,6% wären schon nicht mehr gerade unter 2%. Doch die durchschnittliche Inflation in den vergangenen zwölf Monaten in der Eurozone war 0,7%. Das ist weit hinter der Zielmarke. Warum soll man dann warten? Wenn die Zentralbank die Mittel hat, das Ziel zu erreichen, muss sie handeln – sonst verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.

Die Deutschen sagen dagegen, man solle sich auf die Strukturreformen fokussieren.
Diese Reformen sind sehr wichtig. Aber es ist viel einfacher, Strukturreformen umzusetzen, wenn die Volkswirtschaft sich nicht in einer tiefen Rezession befindet. Wir haben das in Deutschland gesehen: Als Gerhard Schröder dort Reformen zwischen 2002 und 2005 umsetzte, sind die europäischen Volkswirtschaften schnell gewachsen. Wegen der Reformen steht Deutschland nun so gut da. Gebt uns in Südeuropa zusätzliche Liquidität und weicht die Sparpolitik etwas auf, und die Strukturreformen sind politisch und wirtschaftlich einfacher zu implementieren. Der andere Faktor ist: Selbst wenn die Reformen umgesetzt werden, braucht es Zeit, bis ein Effekt eintritt. In Deutschland brauchten die Reformen vier Jahre, um zu wirken. Erst wenn die Reformen wirken, sollte man die südeuropäischen Länder zum Schuldenabbau zwingen. Im Moment sind für Reformen also der Zeitablauf und die Umstände unpassend.

Wie bewerten Sie den Stand der Reformen?
Es gibt Fortschritte. Am weitesten ist Spanien. Wir sehen aber wegen der Rezession noch keine Ergebnisse. Griechenland hat noch viel Arbeit vor sich, aber auch dort wird etwas getan. Auf Italien warten noch Hausaufgaben. Der Druck ist dort wohl nicht so gross, da man keine Troika im Land hat. Italien muss den Arbeitsmarkt modernisieren und flexibler gestalten.

Kann die neue italienische Regierung solche Reformen umsetzen?
Ich bin optimistischer als bei früheren Regierungen. Italiens Wirtschaft hat sich schon um 1990 verlangsamt. Ende der Achtzigerjahre hatte die italienische Volkswirtschaft noch die britische überholt – «il sorpasso». Jetzt gibt es einen riesigen Abstand zwischen Grossbritannien und Italien. Die politischen Probleme, der vielfache Wechsel in der Führung und Korruption schadeten der Wirtschaft.

Wo liegt das grösste Problem in Italien?
Grosse Unternehmen wie Fiat drohten, Italien zu verlassen. Das lässt sich auf den Arbeitsmarkt zurückführen und hat nichts mit dem Euro zu tun – Anfang der Neunzigerjahre hatten wir noch keinen Euro. Nun gibt es Zeichen von neuer politischer Stabilität und die Hoffnung, dass der Arbeitsmarkt reformiert wird. In Italien gibt es einen hohen Bildungsgrad und eine gute industrielle Basis – damit kann man neue Technologien einführen. Das italienische Design ist immer noch Spitze, aber davon wird nicht ausreichend Gebrauch gemacht. Es braucht wettbewerbsfähige Kosten, damit in Italien nicht nur designt, sondern auch produziert wird.

Sie forschen zu den Langzeitfolgen von Arbeitslosigkeit. Wie sieht dies in Griechenland aus?
Meine Hauptsorge bei Griechenland ist die Jugendarbeitslosigkeit. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass wir eine Generation junger Menschen verlieren. Sie kommen aus der Schule und haben eine mehr als 50% hohe Wahrscheinlichkeit, für lange Zeit arbeitslos zu sein. Langzeitarbeitslosigkeit ist schlimm, sie bedeutet den Verlust von Fertigkeiten. Dazu kommt die Frustration: Man bewirbt sich auf jede verfügbare Stelle und wird immer wieder abgewiesen. Eine junge Person, die lange Zeit arbeitslos ist, muss eigentlich als verlorener Fall bezeichnet werden. Es braucht viele Jahre, um diese Person in den Arbeitsmarkt zurückzuführen.

Sehen Sie Initiativen auf europäischer Ebene, um effektiv etwas gegen die Arbeitslosigkeit zu tun?
Was getan wird, ist gut. Aber es ist nicht genug. Als etwa die Jugendgarantie in der EU vor einem Jahr vorgestellt wurde, klang es sehr gut. Jede junge Person sollte die Wahl zwischen einem Bildungsangebot, einer Berufsausbildung und einem Arbeitsplatz haben. Nun, diese Wahl gibt es nicht. Das Geld reicht dafür nicht aus. In Zypern habe ich das beobachtet: Es hilft einigen Menschen, aber nicht vielen. Die Reformen sind gut, aber wenn gleichzeitig der Schuldenabbau erzwungen wird, sieht man keine Resultate. Im Arbeitsmarkt haben wir zu früheren Rezessionen dazugelernt. Das neue Wissen wenden wir in kleinen Schritten an. Aber die Schritte sind zu klein. Wir könnten mehr tun. Viele Milliarden Euro wurden zur Stabilisierung des Finanzsystems aufgewendet. Mit dieser Menge an Geld könnten man viele Probleme auf dem Arbeitsmarkt mindern.

Ist die Zeit Europas vorbei, und kommt nun die Ära Chinas?
Der globale Wettbewerb ist schärfer geworden. Als die EU gegründet wurde, hat sich Europa nur mit den USA verglichen. Nun sind auch China und andere grosse asiatische Länder wie Indonesien und die Philippinen Wettbewerber. Wir müssen unser Wirtschaftsmodell und die institutionelle Struktur anpassen. Wir haben keine Chance, wenn die europäischen Länder getrennte Wege gehen. In dreissig Jahren werden keine europäischen Länder mehr zu den acht grössten Industrienationen, den G-8, gehören – dieser Fakt hat mich beeindruckt. Wir müssen zusammenkommen, unsere Verbindungen stärken und politisch wie wirtschaftlich als eine Einheit auftreten. Es gibt positive Zeichen in der Politik. So hat die EU bei der Krise in der Ukraine oder bei Syrien mit einer Stimme gesprochen. Aber die Struktur europäischer Institutionen für wirtschaftliche Entscheidungen ist noch nicht fertig – etwa bei der Bankenunion oder einer gemeinsamen Fiskalpolitik.

Es braucht also mehr Europa?
Ja, wir brauchen auf jeden Fall mehr Europa. Beispielsweise ist das Europäische Parlament noch nicht mächtig genug. Daher kann die Bevölkerung bei den Europawahlen Proteststimmen abgeben und Unzufriedenheit mit der nationalen Regierung ausdrücken. Zum Beispiel Griechenland: Ich bezweifle, dass bei den nationalen Wahlen so viele Bürger für die extreme Linke Syriza stimmen werden wie bei den Europawahlen. Denn dann lautet die Frage: Soll diese Partei wirklich die Regierung meines Landes stellen?

In den Industrienationen geht die Angst um vor langfristig niedrigem Wachstum – der säkularen Stagnation. Was halten Sie von dieser These?
Ich glaube nicht daran – zumindest nicht, dass dies für uns Bedeutung hat. Natürlich können wir in Europa nicht die gleichen Wachstumsraten erzielen wie während der Entwicklung von der Landwirtschaft zur Industrie oder von der Niedriglohnfertigung zur Hochtechnologie. Aber eine Wachstumsrate von 1,5 bis 2,5% können wir durch Innovation und die Automatisierung von Dienstleistungen erreichen. Ich wäre auch nicht besorgt, wenn wir solch ein Wachstum nicht mehr erreichen könnten, stattdessen aber die Lebensqualität verbessern. Es gibt wenig zusätzliche Lebensqualität durch industriell produzierte Güter, wenn man schon schöne Kleider, ein Luxusauto und ein schönes Haus besitzt. Der Lebensstandard hängt von der Qualität der Dienstleistungen ab: dass man im Krankenhaus nicht lange warten muss, gute Pflege erhält, und gute Bildung für die Kinder. Das hat nur wenig mit Wachstum zu tun.

In China steht die Wachstumsrate im Vordergrund, und die Lebensqualität leidet.
Ja, genau. China ist zu schnell gewachsen und versucht nun gegenzusteuern. Wenn es in Peking nicht windig ist, sieht man wegen der Verschmutzung nichts. Aber auch in China redet man daher nun über grünes Wachstum.

Dennoch bleiben viele Ökonomen auf die Wachstumsrate fixiert.
Es ist ein echtes Problem, dass wir das Wachstum so stark betonen. Wir vergleichen Länder oft nur nach der Wachstumsrate. Wachstum bringt zwar Arbeitsplätze, aber wir könnten die Arbeitslosigkeit auch ohne Wachstum reduzieren: indem man an den Bedingungen arbeitet und beispielsweise mehr Stellen im Dienstleistungsbereich entstehen lässt. Beim jetzigen Einkommensniveau in Europa schaue ich statt auf Wachstum lieber auf die Beschäftigungsquote, die Armutsrate, Ungleichheit und die Qualität von essenziellen Dienstleistungen.

Da steht Europa wohl noch deutlich besser da als die Schwellenländer?
Ja, aber wenn die Emerging Markets einen bestimmten Lebensstandard erreicht haben, werden sie sich stärker um die anderen Faktoren kümmern. Für Europa ist es nicht sinnvoll, die Schwellenländer um ihre hohen Wachstumsraten zu beneiden. Ich verbringe meine Zeit immer noch lieber in europäischen Städten.

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