Meinungen

Der Schuldenfluch ist nicht vorbei

Auch acht Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise werden die Gefahren des schuldenbasierten Wirtschaftswachstums verkannt. Die Kreditvergabe der Banken muss eingeschränkt werden. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«Den Wirtschaftseinbruch durch weniger Schulden will niemand verantworten.»

Die Schulden werden die Weltwirtschaft in die nächste Misere bringen. Dabei hat die Finanzkrise deutlich vor Augen geführt, dass eine unkontrollierte Anhäufung von Schulden gefährlich ist. Die Verschuldung erschwert weiterhin, dass strukturelle Mängel in vielen Volkswirtschaften angegangen werden. Und diese Last schafft grosse Probleme. Sichtbar ist das an den Leiden Griechenlands, der Angst vor einem China-Crash, den hohen Immobilienpreisen in der Schweiz und dem übermässigen Fremdkapital in den Bilanzen der Grossbanken.

Ob in Japan im Jahr 1990 oder in den USA achtzehn Jahre später – mit schöner Regelmässigkeit wachsen einem von Krediten angetriebenen System die Verbindlichkeiten über den Kopf. Diese Schuldenfinanzierung funktioniert nur, solange Zuversicht in die wirtschaftliche Entwicklung herrscht. Verschwindet dieser Optimismus, kommt es zum Crash. Dann versprechen sich zwar alle Beteiligten gegenseitig, in Zukunft eine Überschuldung auf jeden Fall zu verhindern, doch spätestens im nächsten Boom sind diese Schwüre vergessen.

Entschuldung wird blockiert

Um dann in einer Schuldenkrise den Zusammenbruch abzufedern, wird die Entschuldung verhindert. In Japan hat der Staat seit den Neunzigerjahren seinen Schuldenstand stetig erhöht, um den Abbau der Überschuldung im Privatsektor auszugleichen. In den USA hatte die Geldpolitik nach der Finanzkrise das Ziel, die Kreditvergabe anzufachen. Die chinesische Regierung will derzeit durch die Ankurbelung der Kredite einen schmerzhaften Einbruch des Wirtschaftswachstums vermeiden.

Es ist daher kein Wunder, dass die Welt in Schulden schwimmt. Sie haben nach einer Schätzung von McKinsey weltweit seit der Finanzkrise um 57 000 Mrd. $ zugenommen. Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung ist die Verschuldung 17 Prozentpunkte gestiegen. Sie wächst damit schneller als die globale Wirtschaft.

Zudem hat sich die Schuldenaufnahme im Vergleich zu vor der Krise nur leicht verlangsamt. Von 2000 bis 2007 lag das jährliche Schuldenwachstum bei 7,3%, danach sank es bis 2014 nur leicht auf 5,3% pro Jahr. Äusserst wenige Schwellenländer und keine Industrieländer haben ihre Schulden abgebaut. China hat seit dem Jahr 2007 die Gesamtschulden sogar vervierfacht.

In der Eurozone wird jedes Lebenszeichen der Kreditvergabe in Südeuropa gefeiert. Der Privatsektor soll durch schuldenfinanzierte Ausgaben das Wachstum ankurbeln, denn die Staaten können es dort nicht. Die Regierungen Italiens, Spaniens und Portugals stehen unter Druck, die in der Eurokrise stark gewachsenen Staatsschulden nicht weiter steigen zu lassen. Im Mandat der Europäischen Zentralbank ist das Wirtschaftswachstum zwar offiziell nicht aufgeführt, aber sie versucht, durch ihre Geldpolitik die Rezession in Südeuropa mit günstiger Liquidität für Banken zu bekämpfen. Die Schuldenkrise soll mit billigen Schulden bekämpft werden.

Das Beispiel China zeigt, wie schwierig es ist, sich von einem System zu befreien, das auf Verschuldung basiert. Je entwickelter das Land ist, desto schwerer sind weitere Fortschritte in der Produktivität zu erzielen. Trotzdem soll ein hohes Wirtschaftswachstum aufrechterhalten werden. Dafür werden immer mehr Kredite vergeben, um mehr und mehr zu investieren. Da diese Investitionen weniger produktiv sind, muss das Finanzsystem immer mehr Liquidität durch Schulden bereitstellen, damit die Regierung ihr Wachstumsziel erreicht.

Wohin man schaut, ist das Wachstum abhängig von einer Schuldenmaschinerie, die schneller wächst als die Wirtschaft – ob in der Eurozone, in Grossbritannien, China oder in den USA. Weil dadurch die Schuldenlast einer Volkswirtschaft stetig steigt, werden die Schulden ab einem bestimmten Punkt für die Kreditnehmer nicht mehr tragbar. Das führt zwangsläufig zu einem Finanzcrash, der in eine Rezession mündet. Und Rezessionen, die aus Finanzkrisen folgen, sind deutlich härter und dauern länger als normale Konjunkturschwächen.

Lord Adair Turner ist einer der wenigen, die eine Alternative zu diesem Modell von Boom und Zusammenbruch suchen. Der ehemalige Chef der britischen Finanzaufsicht weist in seinen Vorträgen eindringlich darauf hin, dass die Kreditvergabe in den entwickelten Ländern immer weniger in  produktive Anlagen fliesst. Daher ist es kein Wunder, dass die Schuldenlast nicht abgetragen wird und es mehr und mehr Schulden braucht, um das gleiche Wachstum zu erreichen.

Unproduktive Anlagen

Statt in Unternehmen fliessen Kredite in einem erschreckenden Mass in Immobilien. Nach einer Untersuchung für siebzehn Industrieländer stellten im Jahr 1960 Hypotheken noch ein Drittel der Kreditvergabe. Im Jahr 1990 waren es dann etwas über 40%. Seit den Neunzigerjahren steigt dieser Anteil rapide an und erreicht nun fast 60%. Die Mehrheit der Kredite, die Banken also heutzutage vergeben, fliesst in Immobilien. Sie erhöhen nicht die Produktivität und damit das langfristig mögliche Wachstum einer Volkswirtschaft; statt dessen sorgen sie für höhere Land- und Häuserpreise, da mehr Liquidität in den Immobilienmarkt gepumpt wird.

Das bringt zwar Wachstum durch Bauaufträge, doch ist dieser Effekt beschränkt: In Grossbritannien fliesst der grösste Teil der Hypothekengelder nicht in Neubauten, sondern in den Kauf bestehender Immobilien. Als Wachstumsstütze bleibt in diesem Fall nur der Wohlstandseffekt – Leute fühlen sich reicher und konsumieren mehr, wenn die Hauspreise steigen. Aber der Nutzen der neuen Schulden wird stetig kleiner. Und es braucht noch mehr Kredite, damit die Hauspreise steigen und so der vorgespiegelte Wohlstand nicht zusammenbricht.

Das heutige System der Kreditvergabe funktioniert auf Dauer nicht. Die Banken verdienen an den Hypotheken und erkennen während eines Booms keinen Grund, weniger Kredite zu vergeben, denn ihre Risikomodelle zeigen weniger Gefahr an, je besser die Schuldenvergabe und damit die Wirtschaft läuft. Kommt es  zur Krise, wird von der Politik der nötige Schuldenabbau verhindert, denn die wirtschaftlichen Auswirkungen des Schuldenabbaus wären für das jetzige Wachstumssystem fatal. Daher wird lieber den Banken geholfen, die Schuldenspirale weiter drehen zu lassen.

Es ist klar, was zu tun ist: Man muss Banken in ihrer Kreditvergabe stark einschränken, denn ein Finanzinstitut wird auf sich allein gestellt die Schuldenvergabe nicht verringern. Nach Adair Turner sollten Kredite nicht schneller wachsen als die Gesamtwirtschaft. Doch die Regulierung der Banken ist viel zu zögerlich, man will dem Wirtschaftswachstum ja nicht schaden. Auch die Zinsen werden deswegen lieber niedrig gehalten.

Es braucht eine Alternative

Solange Kredite vorzugsweise für unproduktive Anlagen wie Immobilien gewährt werden, lässt sich das Problem der Überschuldung nicht lösen. Es wird keinen einfachen Weg aus dem jetzigen System geben, denn die Politik sowie die Banken und die Hausbesitzer profitieren von einer maximierten Kreditvergabe – bis zum nächsten Crash. Niemand will den wirtschaftlichen Einbruch verantworten, der durch eine Einschränkung der Schuldenaufnahme entstünde. Und der weltweit grösste Schuldenboom läuft prächtig weiter: In China scheint es der Politik unmöglich zu sein, trotz aller Rhetorik, sich von der Schuldenspirale zu verabschieden.

Es braucht eine breite Diskussion, wie ein gesundes Finanzsystem aussehen kann. Gedanken über Alternativen gibt es bereits. So ist es ökonomisch wenig sinnvoll, dass man Zinszahlungen von der Steuer abziehen darf. Und vielleicht ist die Vollgeldreform eine Möglichkeit. Unter diesem System wird den Banken die Kreditvergabe begrenzt, da sie nur noch bestehende Einlagen ausleihen können. Doch eine Reform wird auf sich warten lassen. Dazu braucht es wohl eine neue Finanzkrise.