Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
Meinungen

Der Trumpismus bleibt

Für eine nüchterne Beurteilung der einzigen Amtsperiode Donald Trumps braucht es zeitliche Distanz. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«‹America First› wird Washingtons Politik wohl auch ohne Donald Trump prägen.»

Manchmal möchte man Marty McFly sein: Der junge Held in der Film-Trilogie «Back to the Future» aus den Achtzigerjahren. Marty flitzte mit einer Maschine in der Zeit herum. Als er von 1985 nach 1955 zurückgereist war, fragte ihn Doc Brown, wer denn in dreissig Jahren Präsident sei – und konnte es kaum fassen: «Ronald Reagan? The actor?» Heute wäre es bereichernd, in die Zukunft zu reisen und dann in Biografien von Ex-Präsident Trump zu schmökern (plus in Kursblättern).

So liesse sich erfahren, wie sich Trump nach seinem Abgang aus dem Weissen Haus verhielt, was sein Nachfolger Joe Biden unternahm, überhaupt: wie sich die Dinge in den USA entwickelten; schliesslich wie die Geschichtsschreibung die Person und die Ära Trump aus Distanz einigermassen nüchtern beurteilt.

Treiber und Getriebener

Wie disruptiv und einzigartig Donald Trump wirklich ist, lässt sich im Getümmel der Tagespolitik nicht zuverlässig einstufen. Die Historiker werden sich gewiss noch sehr lange darüber streiten, inwieweit Trump mehr ein Agent zugrunde liegender Trends war oder inwieweit er als Person die Ereignisse prägte, je nach akademischer Schule.

Wer der Tradition der französischen Annales zuneigt, wird die unpersönlichen Ereignisse höher werten, etwa Globalisierung, Digitalisierung oder demografische Verschiebungen; angesichts solcher Treiber hätten führende Politiker nur begrenzte Handlungsoptionen. Marxisten wiederum hören das unerbittliche Uhrwerk des Klassenkampfs ticken.

Am anderen Ende des Spektrums von Ohn- bis Übermacht steht die Theorie des schottischen Denkers Thomas Carlyle (19. Jahrhundert): «The history of the world is but the biography of great men»; «great» im Guten wie im Schlechten. Der deutsche Soziologe Max Weber traf es wohl am plausibelsten: Unter bestimmten Umständen können charismatische Führungsgestalten den Gang der Geschichte entscheidend beeinflussen.

Nun ist Trump auf seine Weise ein Faszinosum, für sein Publikum entwickelt er offenbar ein (mitunter unappetitliches) Charisma, was ihn etwa von seinem Nachfolger Joe Biden abhebt. Inwiefern Trump die Geschichte umgelenkt hat, lässt sich erst in Umrissen fassen. Die Rivalität mit China hatte sich zuvor schon klar abgezeichnet, die Handelskonflikte – mit China wie mit anderen – werden nicht einfach beigelegt werden, egal wie hilfreich Trumps aggressive Handelspolitik wirklich ist. «America First» dürfte jedenfalls ein dauerhaftes Erbe Trumps sein: Wer auch immer im Weissen Haus sitzt, Biden und Folgende, wird die Wirtschaftsinteressen Amerikas unilateral, ohne besondere Rücksichtnahme auf andere Staaten vertreten.

Immerhin hat «America First» den Charme, dass Trump kein Interesse an  militärischen Interventionen entwickelte. Von vielen Amtsvorgängern, auch Demokraten, lässt sich das nicht sagen. Die Spannungen zwischen Washington und den europäischen Nato-Partnern, die ihren Anteil an der Last der gemeinsamen Verteidigung nur unwillig schultern, gab es schon lange vor Trump; er hat sie nur sehr unverblümt angesprochen.

Wirtschaftspolitisch ragt die Senkung der zuvor im internationalen Vergleich sehr hohen Unternehmenssteuern heraus, wobei das Urteil über Segen oder Fluch noch aussteht. Insgesamt hat Trump einen Aufschwung übernommen und nicht abgewürgt – kaum viel mehr. Das Grundproblem der amerikanischen Volkswirtschaft, den Ersparnismangel, hat er nicht angepackt. Haushaltsdefizite, Umweltpolitik und vieles mehr scheint ihn nicht zu interessieren, auch nicht die Bekämpfung von Covid. Durchaus denkbar übrigens, dass Trump ohne die Pandemie, in der er keine gute Figur abgibt, jetzt seine Wiederwahl feiern könnte.

Trumps grosse Wählerschaft verschwindet nicht einfach

Vielleicht wird die eine bleibende «Leistung» Trumps die sein, die gesellschaftlichen Gräben, die es in den USA längst vor ihm gab, erkannt, benannt und sich an die Spitze unzufriedener Schichten gestellt zu haben. Trump hat, das ist politisch Usus, soziale Spaltungen zu seinen Gunsten genutzt – aber eben noch vertieft. Erst in Jahren wird fassbar sein, wie dieser Trumpismus nachwirkt. Seine Anhänger, die ihm auch geschmackloseste Ausrutscher – Wesen und Wert demokratischer Institutionen sind Trump fremd, dafür steht er sich selbst zu nahe – nachsehen, werden ja nicht einfach verschwinden. Die bemerkenswert starke Mobilisierung der Republikaner in den aktuellen Wahlen belegt das deutlich.

Hillary Clinton dagegen, das inkarnierte Establishment, zeigte für die einfachen (weissen) Leute im «Flyover country» 2016 nur Verachtung; Barack Obama wiederum regierte zwar, im Kontrast zu Trump, mit Würde, doch zu professoral. Nicht zu vergessen: Zur gesellschaftlichen Polarisierung trägt das ganz linke Lager ebenfalls wacker bei, wie sich etwa im Zusammenhang mit «Black Lives Matter» beobachten lässt. Amerika bleibt «a house divided», in den Worten Abraham Lincolns; der künftige Präsident Biden wird es schwer haben, das frustrierte Trump-Lager zu besänftigen und die Nation etwas auszusöhnen.

In künftigen Geschichtsbüchern könnte Donald Trump am ehesten verglichen werden mit Andrew Jackson (im Amt 1829–1837), einem volkstümlichen Haudegen, dessen Bildnis Trumps Oval Office prominent ziert. 1824 gewann Jackson zwar die relative Mehrheit der Elektoren, vor drei anderen Kandidaten, doch weil die Wahlmännerversammlung so beschlussunfähig war, musste verfassungskonform das Repräsentantenhaus übernehmen – und wählte den Zweitplatzierten, John Quincy Adams: Es zog den Sohn des früheren Präsidenten John Adams dem Provinzler Jackson vor. Vier Jahre später fegte Jackson, der in Washington den Ruf eines gefährlichen Demagogen genoss, John Quincy Adams aus dem Amt.

Erinnerungen an 2000

Im Blick zurück dürfte sich dereinst, hoffentlich, die Erfahrung aus der amerikanischen Geschichte bestätigen: Ein umstrittener Wahlausgang ist noch lange keine Verfassungskrise. «Contested elections» gab es 1800 (als das Repräsentantenhaus zum Zug kam und erst im 36. Wahlgang Thomas Jefferson erkor), dann eben 1824 und erneut 1876.

Im Ringen zwischen John Kennedy und Richard Nixon 1960 wurden Betrugsvorwürfe laut, Nixon schickte Advokaten aus, musste aber am Ende nachgeben.  Noch in frischer Erinnerung ist das peinliche Gezerre von 2000, als in Florida nachgezählt wurde und das oberste Gericht einschritt; es gewann George W. Bush, Al Gore lenkte unter Protest ein.

Die eine, folgenschwere Ausnahme war anno 1860 die Wahl des Republikaners Abraham Lincoln; das war, vor dem Hintergrund des Sklavereidisputs, der Auslöser für die Sezession von sieben Südstaaten. Die Union konnte damals nur unter grössten Blutopfern erhalten werden.

Leser-Kommentare

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Hans Henke 09.11.2020 - 12:49
meines erachtens hat trump seine wählerschaft bei den niedrigverdieners – die sollten eigentlich von den demokraten vertreten werden – aber sie wurden wesentlich gewählt von den akademikern – sind die nun klug oder dumm? für mich war es eine herzenswahl, dh. trump ist unsympathisch und er muss weg. seine leistungen wurden von den medien nie gewürdigt. ihr kommentar oben wird… Weiterlesen »