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Der Türkei droht Zahlungsbilanzkrise

Die türkische Lira fällt trotz Interventionen der Notenbank, der Risikoaufschlag für Staatsanleihen nimmt zu. Es wird immer schwieriger, das Leistungsbilanz-Defizit zu finanzieren.

Angesichts der politischen Turbulenzen in der Türkei schwindet das Vertrauen der internationalen Investoren zusehends. Die Risikoprämie für zehnjährige türkische Staatsanleihen hat zugenommen, der Marktzins stieg am Freitag auf 10,29%, das ist der höchste Stand seit Juni 2010. Im vergangenen Mai hatte der Zins lediglich gut 6% betragen.

Die Lira ist zum Euro auf ein weiteres Rekordtief gefallen und handelte auf 2.99 Lira/€ – die Währung verlor allein am Freitag 2,7%. Die Börse in Istanbul sank am Freitagvormittag 3,7% auf den tiefsten Stand seit Juli 2012, dieses Jahr hat sie gut 19% verloren.

Gefahr eines Finanzierungsstopps

Wegen der Vertrauenskrise fliesst weniger ausländisches Geld in die Türkei. Der schmälere Kapitalzufluss reicht nicht mehr, um das Defizit im Aussenhandel zu finanzieren. Kein anderes grosses Schwellenland muss einen plötzlichen Finanzierungsstopp – den Sudden Stop – so sehr fürchten wie die Türkei. Es droht eine Zahlungsbilanzkrise.

Das Land importiert mehr Güter und Dienstleistungen, als es exportiert. Somit weist die Leistungsbilanz – als wichtigster Teil der Zahlungsbilanz – ein Defizit auf, es beträgt rund 7% des Bruttoinlandprodukts (BIP). Zu den Importen gehören auch Rohstoffe, die das Land mangels eigener Vorkommen einführen muss. Durch den Importüberschuss entstehen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Ausland, die Türkei wurde zum Schuldner. Gläubiger sind ausländische Investoren, die Kapital im Land investieren.

Doch das sind meist keine langfristigen Investitionen. Ein Grossteil des Leistungsbilanzdefizits wird durch schwankungsanfällige Portfolioinvestitionen gedeckt. Diese summierten sich im vergangenen Jahr auf 5% des BIP, das ist doppelt so viel wie der Durchschnitt der Schwellenländer.

Zentralbank will die Lira stützen

Die türkische Zentralbank versucht, die Lira zu stützen. Eine schwächere Währung ist zwar vorteilhaft für die Exporteure, aber Importe werden teurer, und damit steigt das Preisniveau im Land, die Inflationsgefahr verschärft sich. Zudem fliesst noch mehr Kapital ab, wenn keine Aussicht auf eine Stabilisierung des Wechselkurses besteht. Die Zentralbank zapft ihre Devisenreserven an und kauft damit Lira, am Donnerstag verkaufte sie 450 Mio. $. «Die Interventionen werden nicht ausreichen, um den Verfall der Lira aufzuhalten», erklärt die Grossbank HSBC (HSBA 649.1 -0.52%).

Nun könnte die Zentralbank den Leitzins erhöhen, um dadurch türkische Geldmarktpapiere für ausländische Investoren attraktiver zu machen, damit Kapital ins Land zu holen und die Lira zu stützen. Höhere Zinsen würden allerdings der Binnenwirtschaft schaden. Dennoch erwartet HSBC eine Zinserhöhung im ersten Quartal 2014.

Das letzte Mal stand die Türkei Ende 2011 vor einer harten Landung, Hilfe kam schliesslich von aussen in Gestalt der Europäischen Zentralbank, die mit den LTRO-Liquiditätsspritzen die Risikobereitschaft der Banken und der Investoren in Europa wieder herstellte und die Finanzmärkte beruhigte. Womöglich wird auch diesmal Hilfe von aussen notwendig sein.

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