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Meinungen

Der typische Fall Kenia

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Weil der Wahlverlierer in Afrika fast immer mit leeren Händen ausgeht, sehen die meisten Politiker in den Urnengängen ein Nullsummenspiel.»
Die demokratischen Verhältnisse des ostafrikanischen Landes erleiden nach der Präsidentschaftswahl immerhin keinen Rückschlag. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Mit den Wahlen in Kenia hat die langsame Annäherung Afrikas an demokratischere Verhältnisse diesmal zumindest keinen weiteren Rückschlag erlitten. Zwar kam es nach der nun garantierten Wiederwahl von Präsident Uhuru Kenyatta zu einzelnen Zusammenstössen zwischen dessen Anhängern und denen seines unterlegenen Herausforderers Raila Odinga, doch anders als vor zehn Jahren, als das ostafrikanische Land durch blutige Stammeskämpfe fast in einen Bürgerkrieg gestürzt wäre, blieb die Lage in Kenia, das als Stabilitätsgarant der Region gilt, diesmal vergleichsweise ruhig.

Dass es in Afrika ungleich häufiger als anderswo zu eklatantem Wahlbetrug kommt, liegt zum einen an dem aus westlicher Sicht fehlenden Demokratiebewusstsein. Wahlen schaffen oft Uneinigkeit und passen deshalb schlecht in das von Konsens und Harmonie geprägte Weltbild der Afrikaner.

Zum anderen werden die Eigenheiten des (europäischen) Nationalstaats in Afrika mit den traditionellen Normen der dortigen Gesellschaften verknüpft. Geprägt wird dieses Wechselspiel von einer fast unumschränkten, ja absolutistischen Machtfülle des Staatschefs – und einem Verständnis vom Staat, das diesen als reine Einnahmequelle betrachtet. Weil der Wahlverlierer in Afrika fast immer mit leeren Händen ausgeht, sehen die meisten Politiker in den Urnengängen ein Nullsummenspiel. Sie fürchten, bei einer Niederlage von den Ressourcen des Staats abgeschnitten zu sein und kämpfen mit allen Mitteln dagegen an.

Die Unterstützung der Zivilgesellschaft durch die Entwicklungshilfe hat daran wenig geändert. Im Gegenteil: Die häufig dreiste Selbstbedienungsmentalität der Eliten in Afrika, gerade auch in Kenia, hat vielmehr dazu beigetragen, dass viele Staaten (u.a. Kongo, Südsudan, Zentralafrikanische Republik) sich in Auflösung befinden und die dünne demokratische Decke oft frühzeitig erodiert.

Schon aus Enttäuschung über ihre fortgesetzte Verarmung bleiben viele Afrikaner, wie in Kenia, deshalb einem oft ausgeprägten Stammesdenken verhaftet und kennen keine stärkere Loyalität gegenüber der neu geschaffenen Nation.

Dabei verfügt Kenia zumindest über eine Ökonomie (fünftgrösste in Subsahara-Afrika, nach Nigeria, Südafrika, Angola und Äthiopien), die von der Landwirtschaft über das Dienstleistungsgewerbe bis zum IT-Sektor diversifiziert ist. In Nairobi entstand vor zehn Jahren eine Art Zukunftslabor, das in Anlehnung an das viel grössere Pendant in Kalifornien den Namen «Silicon Savannah» trägt.  Gedacht war es als digitale Anschubhilfe nach dem Vorbild Indiens. Allerdings sind einige der westlichen Geldgeber, die dort ein Start-up kaufen wollten, schon enttäuscht weitergezogen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Kenias Bevölkerung jährlich 2% wächst und sich bis 2050 auf fast 100 Mio. Menschen mehr als verdoppeln dürfte – und schon jetzt ist die Infrastruktur ungenügend. Bereits heute ist knapp die Hälfte der Kenianer jünger als vierundzwanzig Jahre, und etwa 40% der Bevölkerung sind arbeitslos.

Ein Kommentar zu «Der typische Fall Kenia»

  • Jürg Brechbühl sagt: 11.08.2017 – 15:55 Uhr

    Zitat aus dem Artikel: “von einer fast unumschränkten, ja absolutistischen Machtfülle des Staatschefs – und einem Verständnis vom Staat, das diesen als reine Einnahmequelle betrachtet.” —
    Wolfgang Drechsler hat eine herrlich nüchterne Art, die Realitäten in politisch korrektes Deutsch zu giessen. –
    In meiner persönlichen Wortwahl wäre derselbe Sachverhalt so zu beschreiben: “Eine korrupte Kleptokratie, die den Staat als Selbstbedienungsladen sieht.” Nun denn ich bin halt nicht Journalist.