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Reinhold Messner hat das Unmögliche möglich gemacht.

«Europa ist überreguliert. Wer gestalten will, muss sich durch Papierberge ackern» – diese Gebirge bringen Reinhold Messner eher zu Verzweiflung als die schroffen Gipfel des Himalayas. Die Rede ist vom wohl grössten Bergsteiger der Gegenwart. Er hat als erster alle 14 Achttausender bezwungen – Everest, K2, Annapurna, Lhotse usf. –, er hat 1978 als erster den Mount Everest ohne Sauerstoff erstiegen, was zuvor als dem Menschen unmöglich betrachtet wurde. 1980 kletterte er abermals ohne Sauerstoffflasche auf den höchsten Berg der Welt (8848 m), diesmal sogar solo. Messner wählte durchquerte die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi zu Fuss. Und er stellte dem Yeti nach.

Die Grenzen, die der Südtiroler reihenweise durchbrach, die Rekorde, die er erstellte, waren weniger geografischer als psychologischer und physiologischer Natur. Offenbar liess sich schon Messner junior von Hindernissen eher herausfordern als abschrecken. Sein Vater nahm ihn schon als Knirps mit in die heimatlichen Dolomiten, und als Teenager hatte er seinen Stil entwickelt: «Alpin» statt «Expedition», mit einem absoluten Minimum an Ausrüstung auf dem eigenen Rücken statt mit einer Kohorte, eine kleine, rasche Mannschaft statt eine träge Truppe. Innovation statt Tradition. Mensch gegen Berg statt Material gegen Berg.

Mit seiner Geisteshaltung, Willenskraft und Energie, mit seinem Flair fürs Extreme bis Verrückte und mit seiner Kreativität hätte Messner ohne weiteres auch in der Wirtschaft ein Pionier werden können. Sehr viel hat dazu nicht gefehlt; schliesslich studierte er in den 1960er Jahren in Padua Vermessungstechnik und unterrichtete für kurze Zeit Mathematik. Und als Profi-Bergsteiger war Messner schliesslich Einzelunternehmer, mit grossem Erfolg.

Daneben – als ob der Mann nie schlafen müsste – hat Messner noch ein paar Dutzend Bücher verfasst, hält Vorträge und Seminare, schlaucht Manager und führt sein Messner Mountain Museum an sechs Standorten im Südtirol. Damit ist der begnadete Selbstvermarkter ein Tourismusfaktor geworden, indem er kulturelle Seiten des Themas Berg darstellt.

Wenn sich Messner über unbezwingbare Aktenberge beklagt, weiss er, wovon er spricht: Er war ab 1999 fünf Jahre lang Abgeordneter der Südtiroler Grünen im Europäischen Parlament. Er äussert sich nach wie von ungeniert zu politischen Fragen und lässt sich dabei von niemandem vereinnahmen: Messner betrachtet sich, in dieser Reihenfolge, als Südtiroler, Europäer und Weltbürger, und «meine Fahne bleibt mein Taschentuch». Obwohl er seine engere Heimat unumwunden als italienische Kriegsbeute bezeichnet, ist er kein Separatist, spricht gut und gerne italienisch und trägt den «Ordine al merito della Repubblica italiana».

Überhaupt beklagt Messner, dass einst die Spiessgesellen Hitler und Mussolini das Bergsteigen zum Kampf zwischen Völkern hochstilisiert und eine «verlogene Kitsch-Kameradschaft» propagiert hatten. Auch politische Grenzen gehen Messner auf den Geist.