Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Die Altmeister der Ökonomie
Märkte / Makro

Der vergessene Vater der Risikoforschung

Frank H. Knight definierte den Begriff der Unsicherheit, setzte sich damit aber vor allem ausserhalb der angewandten Wirtschaftswissenschaften durch.

Kein Anleger trifft einen Investitionsentscheid, ohne sich über das Risiko Gedanken zu machen, das er eingehen wird. Er verlangt eine Risiko­prämie, um wenigstens angemessen entschädigt zu werden.

Oder er sichert sich mit Derivaten ab. Zumindest sollte er die Anlage in eine Risikostrategie einbetten, die dafür sorgt, dass das Portefeuille insgesamt ausgewogen und ausreichend ­abgesichert ist. Aber ist das überhaupt möglich? Generationen von Forschern in der Finanzmarkttheorie sagen Ja. Sie entwarfen die raffiniertesten Ansätze und ­tüftelten die komplexesten Instrumente aus, um das Anlagerisiko minimieren.

Die Praxis legt leider das Gegenteil nahe: Crashs, ob im Kleinen oder im Grossen, treten immer wieder auf und vernichten Vermögen – unabhängig davon, ob die Anleger beim Investieren einem Risikomanagement folgten oder nicht. Mehr als 200 Jahre nach dem Erscheinen von Adam Smiths Urwerk der Wirtschaftswissenschaften und trotz Vergabe mehrerer Nobelpreise an Ökonomen, die verkündeten, das Dilemma überwunden zu haben, bleibt das Risikoproblem ungelöst. Dabei handelt es sich um einen zentralen Aspekt der Ökonomie. Er erfasst so grundlegende Bereiche wie die Preisbildung, und es ist unmöglich, ein taugliches makroökonomisches Modell zu schreiben, ohne das Risiko akkurat zu definieren.

Das Verdienst, als Erster die Thematik systematisch erforscht zu haben, gebührt Frank Hyneman Knight. Der spätere Leiter der renommierten Wirtschaftsfakultät der Universität von Chicago griff sie in seiner Dissertation im Jahr 1916 auf, in der es um den Gewinnbegriff ging. Überarbeitet und fünf Jahre später unter neuem Titel publiziert, wurde sie zu einem der meistzitierten Standardwerke der Wirtschaftslehre: «Risk, Uncertainty and Profit».

Riskant oder ungewiss?

Knight unterscheidet zwischen Risiko und Ungewissheit. Bei beiden handelt es sich um Formen von Unsicherheit. Knight spricht von Wahrscheinlichkeitssituationen und unterscheidet deren drei: erstens a priori logisch gewonnene Wahrscheinlichkeiten, zweitens empirisch (statistisch) erhobene Wahrscheinlichkeiten sowie, drittens, geschätzte

oder durch intuitives Urteilen vermutete Wahrscheinlichkeiten. Als Risiko bezeichnet Knight nur die ersten beiden Varianten, also die logischen und die empirischen Wahrscheinlichkeiten. Hingegen bezeichnet er die geschätzten oder intuitiven Wahrscheinlichkeiten als echte Unsicherheit (True Uncertainty) oder, im Deutschen besser: als Ungewissheit.

Die definitorische Unterscheidung hat weitreichende Auswirkungen. Risiken verfügen über eine bekannte Eintrittswahrscheinlichkeit, ungewisse Situationen hingegen nicht. Risiken können also objektiv und quantitativ eruiert werden. Ungewisse Situation nicht, denn sie treten überraschend ein und sind darüber hinaus auch meist einzigartig.

Aus diesen Überlegungen leitet Knight die Definition des Gewinns ab. Er bezieht sich dabei in «Risk, Uncertainty and Profit» auf den Unternehmensgewinn und definiert ihn als die Belohnung für die Übernahme von Ungewissheit. Er ist die Residualgrösse zwischen Einnahmen und denjenigen Kosten, die «vertraglich oder zuschreibbar» sind. Knight klammert Zinsen und Managementgehälter vom Gewinn aus. Er argumentiert auch, dass die Belohnung der Übernahme versicherbarer Gefahren vom Gewinn ausgenommen und als Kosten verbucht werden sollte.

Knight betrat mit diesem Konzept Neuland. Er wandte sich gegen die vorherrschende Theorie, wonach ökonomische Entscheidungen immer in einem Umfeld vollkommener Gewissheit getroffen werden. Eine Kritik, die bei seinen Zeitgenossen auf grosses Interesse stiess. Unter anderem äusserte sich später auch John May­nard Keynes sehr kritisch über die Wahrscheinlichkeitskalküle der Forschung.

Trotzdem setzte sich der unbequeme Denkansatz in der Ökonomie nicht durch. Bis heute besteht die Neigung, lieber den idealtypischen Zustand vollkommener Gewissheit als Grundlage wirtschaftlichen Handelns implizit anzuwenden. Das ist nicht weiter verwunderlich, funktionieren sonst doch systemorientierte ökonomische Gleichgewichtsansätze nicht so reibungslos. Lieber wird die unbequeme Vorgabe Knights umsteuert, indem von einem Homo oeconomicus und einer Welt voller kalkulierbarer, mathematisch abbildbarer Risiken ausgegangen wird.

Diese Neigung ist besonders in der Ökonometrie verbreitet. Dass ihre wirtschaftlichen Computermodelle mathematisch zwar exakt gebaut sind, jedoch eine realitätsferne Welt abbilden, in der wesentliche Aspekte ausgeklammert werden, ist spätestens seit ihrem Scheitern in der Finanzmarktkrise offenkundig. Das gilt für Prognose- und Risikomodelle der Banken­aufsicht in gleichem Masse.

Knights Denkansatz trug ab den Sechzigerjahren ausserhalb des ökonomischen Mainstreams Früchte, beispielsweise in der Spieltheorie oder im Aufbau von Risikomodellen in der Klimaforschung. Er inspirierte den Soziologien Harrison White, soziale Netzwerke zu modellieren. Der Bestseller «Der schwarze Schwan» des Börsenprofis Nassim Nicholas Taleb über den letzten Rest von Ungewissheit brachte Anfang des Jahrtausends das Knight’sche Gedankengut zwar zurück ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Die dort eindrücklich beschriebene Ungewissheit allerdings nicht nur als Restgrösse zu ­klassifizieren, sondern sie zur Grundlage ökonomischen Profits und letztlich des gesellschaftlichen Fortschritts zu erklären, ist indes Frank Knights Verdienst für die Wirtschaftstheorie.

Chicago ruft

Ein weiteres Verdienst betrifft seine Aufbauarbeit an der Wirtschaftsfakultät der Universität von Chicago. Ende der Zwanzigerjahre stiess er zu ihr, gründete die Fakultät zusammen mit Jacob Viner und prägte sie fast zwei Jahrzehnte. Heute gilt er als intellektueller Pate der Chicagoer Schule, der wissenschaftlichen Hochburg des Liberalismus und des freien Marktes, die Ökonomen von Weltruf und Nobelpreisträger hervorgebracht hat wie etwa Milton Friedman und die bis heute dem Grundsatz des Laissez-faire verbunden ist.

Nirgendwo hätte Knights kritische und gegen die Konventionen gerichtete Lehre besser gepasst als an die Hochschule der «Windy City». Um das zu verstehen, lohnt es, sich die Rolle der Universität genauer vor Augen zu führen. Sie wurde von John D. Rockefeller gegründet und unterscheidet sich von den um zwei Jahrhunderte älteren Eliteuniversitäten an der Ostküste, den Ivy-League-Instituten. So wie die Stadt Chicago sozial und kulturell vom Ostküsten-Establishment abwich, sollte auch die junge Uni neue Wege beschreiten. Rockefeller wollte mit ihr die Meritokratie durchsetzen. Leistung zählte, nicht sozialer Status. Frauen waren gleichberechtigt, und die Forschungseinrichtungen wurden nach dem damals bahnbrechenden deutschen Modell organisiert.

Knights Wirken wurde die Speerspitze für diejenigen US-Ökonomen, die an die unbedingte Freiheit des Individuums ­appellierten; eine Minderheitenmeinung in einer Zeit, als die Wirtschaftslehre im Zeichen des Keynesianismus und insti­tutionalistischer Ansätze stand. Seine in den Dreissiger- und Vierzigerjahren ge­haltenen Seminare in Preistheorie – Econ 301 – prägten nicht nur die fol­genden Generation von Ökonomen wie Friedman, Paul Samuelson und James ­Buchanan, sondern auch die Tradition der Chicagoer Schule: die Erkenntnis, dass die Preistheorie von zentraler Bedeutung ist, um menschliches Handeln und Verhalten zu erklären.

Dass sie jeden Aspekt menschlichen Handelns zu erklären vermag, davon sprach Knight indes nicht. Im Gegenteil, er widersprach denen, die einen solchen Vorrang der Preistheorie predigten, beispielsweise seinem Schüler und späteren Nachfolger als Leiter des beliebten Studienkurses, Friedman. Knight misstraute dem positivistischen Ansatz, der in Chicago mehr und mehr Fuss fasste, weil er den empirischen und quantitativen Methoden in der Ökonomie misstraute.

Die Grenzen der Ökonomie

In seinen Augen war die in quantitativen Modellen konstruierte Sicht der Dinge zu eng gefasst. Mehrfach widmete er sich in Essays dieser wissenschaftstheoretischen Fragestellung. So in dem 1940 erschienen Aufsatz «What is Truth in Economics?», wo Knight die Grenzen der ökonomischen Analyse abzustecken versucht. Er geht ­dabei so weit, der rein wirtschaftlichen Analyse die Fähigkeit abzusprechen, ökonomisches Handeln vorauszusagen. Dazu seien auch psychologische, soziologische und kulturelle Erkenntnisse nötig. Am Ende brauche es eine verstehende Wissenschaft (der Deutsch sprechende Ökonom wählt den deutschen Terminus), die über die Ökonomie hinausreicht.

Dazu, wie sie aussehen sollte, äussert sich Knight indes nicht näher. Er rät dazu, die Lehren der Ökonomie im Wissen um deren Grenzen akkurat anzuwenden. Es gehört zu den Merkmalen seiner wissenschaftlichen Arbeit (schon in Chicago, aber verstärkt nach seiner Emeritierung 1952), dass er herrschende Konzepte ­kritisch hinterfragt, Schwachstellen und theoretische Inkonsistenzen mit logischer Brillanz aufdeckt. Er hat jedoch keine neue Theorie daraus entwickelt.

In «The Ethics of Competition» (1935) geht er dem Fehlen ethischer Kriterien für ökonomisches Handeln sowohl in der Wirtschafts­analyse als auch in der marktwirtschaftlichen Theorie auf den Grund. Knight war zwar davon überzeugt, dass im Kapitalismus die Einkommensunterschiede auf lange Frist zunehmen, doch er wehrte sich gegen die Vorstellung, dass mit sozialpolitischen Eingriffen der Ausgleich geschaffen werden könnte. Allein die Marktkräfte seien in der Lage, ökonomische Probleme zu lösen. Dem Begriff des Marktversagens widersprach der streitbare Ökonom sein Leben lang. In einem Fall tat er das so überzeugend, dass der Autor und Wissenschaftler an der Cambridge-Universität, Arthur C. Pigou, die widerlegten Passagen aus den nachfolgenden Edi­tionen seines Buchs über die Wohlfahrtsökonomie entfernte.

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