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Der Vioxx-Skandal sucht die gesamte Pharmabranche heim

New York

Der Schmerz nimmt zu. Der Skandal um den Rückruf von Vioxx, dem Entzündungshemmer des US-Pharmariesen Merck, weitet sich aus. Kaum ein Tag vergeht, an dem in US-Medien nicht Berichte über Untersuchungen auftauchen, die bereits vor Jahren vor den Infarktrisiken des Medikaments gewarnt haben sollen. Reflexartig kontert das Unternehmen jeweils, die Aussagen der Studien seien aus dem Zusammenhang gerissen. Mediziner und Klageanwälte überbieten sich in der Schätzung der Anzahl Todesfälle, die Vioxx verursacht haben soll. Seit der Ankündigung des Rückrufs Ende September haben die Aktien der einstigen Pharma-Ikone 40% eingebüsst.
Am Donnerstag berief der Finanzausschuss des Senats in Washington eine erste Anhörung in der Vioxx-Sache ein. Auf der Anklagebank sitzt neben Merck die US-Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration), der verschiedentlich vorgeworfen wird, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt zu haben. Die Anhörung führte zu einem Eclat: David Graham, ein Assistenz-Direktor im Büro für Arzneimittelsicherheit, warnte, die Behörde könne Amerika nicht vor weiteren Fällen im Stile von Vioxx schützen. Konkret nannte er fünf auf dem Markt zugelassene Medikamente der Pharmakonzerne Astra Zeneca, Glaxo Smith Kline, Abbott Labs, Pfizer und Roche, die gravierende Sicherheitsmängel aufweisen sollen.
Der wissenschaftliche FDA-Angestellte Graham wirft der Behörde gefährliche Nähe zur mächtigen Pharmaindustrie vor. Die Zulassungsstelle tendiere dazu, die Vorzüge eines Medikaments überzubewerten und Risiken zu marginalisieren. Wenn ein Präparat zugelassen sei, würden Sicherheitsbedenken kaum mehr aufgegriffen, monierte Graham vor dem Senat.
Auf Drängen eines Politikers nannte Graham die Medikamente, deren Risiken seines Erachtens genauer untersucht werden sollten: der Cholesterinsenker Crestor von Astra Zeneca, das Asthmamedikament Serevent von Glaxo, das Schmerzmittel Bextra von Pfizer, das Akne-Präparat Accutane von Roche sowie Meridia, eine Pille von Abbott Labs gegen Fettleibigkeit. Seit der Marktzulassung Crestors kursieren Bedenken, das Medikament könne Muskelschäden und akutes Nierenversagen verursachen. Meridia wird mit bis zu 49 Todesfällen wegen Herzversagens in Verbindung gebracht. Roches Accutane, seit 22 Jahren auf dem Markt, kann bekannterweise Geburtsfehler begünstigen. Serevent, mit 4 Mrd.$ Jahresumsatz wichtigstes Produkt in Glaxos Portfolio, wird mit Todesfällen wegen Atemnot in Verbindung gebracht, und Pfizers Bextra, wie Vioxx ein Mitglied der Familie der Cox-2-Hemmer, kann in gewissen Fällen das Herz- und Hirninfarktrisiko erhöhen.
Die Valoren der fünf Unternehmen erlitten nach Grahams Aussagen zum Teil deutliche Kursverluste. Im Fall Roches überschattete das Ereignis die Nachricht über die Zulassung des Lungenkrebsmedikaments Tarceva (vgl. Seiten 3 und 7). Die Konzerne wiesen Grahams Anschuldigungen zurück und bekräftigen die Sicherheit ihrer Medikamente. Die FDA distanzierte sich von Grahams Äusserungen. Steven Galson, ein leitender Direktor der Behörde, nannte die Anschuldigungen «verantwortungslose Müll-Wissenschaft».
Das Vioxx-Nachspiel für Merck nimmt derweil seinen Lauf. Am 8.November leiteten das US-Justizdepartement und die Börsenaufsicht SEC Untersuchungen ein. Chairman und CEO Raymond Gilmartin, der in der Öffentlichkeit oft das Bild eines geschlagenen Hundes erweckt, verteidigte vor dem Senat stoisch das ethische Handeln seines Unternehmens. Ein Mediziner der Universität Stanford belastete Merck indes mit der Aussage schwer, er sei vom Konzern massiv eingeschüchtert worden, nachdem er öffentlich Bedenken über die Nebenwirkungen von Vioxx geäussert habe.
Klageanwälte sammeln derzeit die Namen Tausender geschädigter Patienten. Der FDA-Querdenker Graham spricht von bis zu 139000 Herzinfarkten und Schlaganfällen, die Vioxx in den USA verursacht haben soll. Bankanalysten schätzen, der Fall könne Merck bis zu 20 Mrd.$ kosten. Als Vergleich wird oft Wyeth genannt: Das Unternehmen musste 1997 die Diätpillen Pondimin und Redux vom Markt nehmen und hat für Prozessansprüche bislang knapp 17 Mrd.$ berappt. Kaum ein Analyst sieht das Überleben Mercks ernsthaft in Frage gestellt. Der Konzern erwirtschaftet pro Jahr vor Dividenden rund 4,5 Mrd.$ freien Cash-flow und hält 7 Mrd.$ flüssige Mittel in der Bilanz. Gefährlich würde die Lage allerdings, wenn die Strafuntersuchung des Justizministeriums betrügerisches Verhalten zu Tage fördern sollte.
Der Sturm wird die Pharmabranche geraume Zeit beschäftigen. Jüngst tauchten in US-Medien wieder Berichte auf, die die Sicherheit von Milliardenmedikamenten wie Zyprexa von Eli Lilly und Lipitor von Pfizer in Frage stellen. An den Börsen hat eine Neubeurteilung der Risiken eingesetzt. Es kann erwartet werden, dass die FDA, die derzeit ohnehin bloss interimistisch geführt ist, den Zulassungsprozess verlangsamt. Bereits hat die Behörde in Aussicht gestellt, Anfang 2005 die Risiken aller Cox-2-Hemmer zu überprüfen. Novartis, dessen Prexige zur Familie der unter Beschuss geratenen Medikamente zählt, geht nicht davon aus, den Zulassungsantrag in den USA vor 2007 einzureichen.
Investoren sollten den Pharmasektor nicht generell meiden, doch mehr denn je ist auf Klumpenrisiken und eine gut gefüllte Produktpipeline zu achten. Attraktiv erscheinen derzeit Novartis, Wyeth und Johnson & Johnson (vgl. FuW Nr. 91 vom 17. November). Was Merck betrifft, rechtfertigen die Risiken noch keinen Kauf.

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