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Scheinbar unermesslicher Ölreichtum und der Handel mit ungedeckten Schecks machen Kuwaits inoffizielle Börse 1982 zum drittgrössten Aktienmarkt der Welt.

Ein vermögender Mann ist ein glücklicher Mann. Und ein glücklicher Mann hat keinen Grund, sich zu beschweren. Dieser Philosophie folgt die Herrscherfamilie der Al-Sabah im Emirat Kuwait während Jahrzehnten. 

Die Bürger des Kleinstaates am Persischen Golf bezahlen keine Steuern, Bildung und Gesundheitswesen sind kostenlos. Das Kuwait der Sechziger- und Siebzigerjahre kann es sich leisten: Auf einer Fläche von weniger als der Hälfte der Schweiz besitzt es 10% der weltweiten Ölreserven.

Eine liberale Gesellschaft, die modernste Wirtschaft der Region, eine vergleichsweise freie Presse, hervorragende Universitäten und: Geld, viel Geld. Die Kuwaiter haben wahrlich keinen Grund, sich zu beschweren. Doch mit einem hat Emir Jaber Al-Ahmad Al-Jaber Al-Sabah nicht gerechnet: dass seine Untertanen ihr Glück in einem der irrwitzigsten Spekulationsräusche aller Zeiten aufs Spiel setzen. Und dass darauf ein Absturz folgt, der Kuwait für immer verändern wird.

1. Goldene Zeiten

Kuwait ist gesegnet. Der Handel mit Perlen hat die strategisch günstig gelegene Hafenstadt am Golf bereits vermögend gemacht, als 1938 im Hinterland Öl gefunden wird. 1961 erlangt das Emirat seine Unabhängigkeit von der britischen Krone, das Herrscherhaus schenkt den Bürgern eine westlich orientierte Verfassung und moderne Institutionen. Ein Teil der Einnahmen aus dem Export von Öl wird schon ab 1953 vom Kuwait Investment Board investiert: der erste Staatsfonds der Welt. Den Bürgern geht es gut. Dann kommt der Oktober 1973, und den Kuwaitern geht es bald noch viel besser.

Als die arabischen Staaten im Zuge des Jom-Kippur-Krieges ein Ölembargo verhängen, steigt der Preis pro Fass von 3 auf 12 $. Die Einnahmen Kuwaits aus dem Verkauf von Öl springen von 2,2 auf 8,7 Mrd. $ pro Jahr. Über Nacht geht ein Geldregen auf das Land nieder – und dieses Geld sucht nach Anlagemöglichkeiten. Die Bürger finden sie an der offiziellen Aktienbörse von Kuwait City, wo die Kurse ab 1976 kräftig steigen. Spekulieren wird zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung.

2. Seine Hoheit hilft

Mitte 1977 brechen die Aktienkurse ohne ersichtlichen Grund ein. Der Emir befürchtet eine Bedrohung des sozialen Friedens und ordnet sofort zwei Massnahmen an: Erstens wird die Börse von Kuwait fortan streng reguliert, und zweitens weist er das Finanzministerium an, für 500 Mio. $ Aktien zu kaufen, um den Crash zu stoppen. Der Kurszerfall endet sofort. Die Bevölkerung nimmt das Signal dankbar auf: Der Emir lässt uns nicht im Stich.

Mit diesem Signal steht eine Zutat für den Wahn bereit, der bald folgen wird. Die zweite liefert Teheran, wo sich im Februar 1979 Ayatollah Khomeini an die Macht putscht, die zweite Ölkrise auslöst und den Rohölpreis auf 40 $ anschwellen lässt. Die dritte Zutat liefert ein graues Parkhaus am Ort des ehemaligen Kamelmarktes mit dem Namen Souk al-Manakh.

Der Souk wird 1980 als Alternative zur streng regulierten Börse gegründet: ein inoffizieller Markt, an dem Aktien von Unternehmen gehandelt werden, die nicht in Kuwait domiziliert sind. Auf dem Kurstableau stehen bald 54 Namen, vorab aus Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten: eine Hühnerfarm in Dubai, Immobiliengesellschaften, Zementhersteller, ein Schlachtbetrieb für Schafe.

Die meisten dieser Unternehmen publizieren keine Zahlen, die Hühnerfarm besitzt kein einziges Huhn, Dutzende haben keinen Geschäftszweck. Das macht nichts: Die Kurse steigen. Jeden Abend treffen sich Hunderte, bald Tausende Kuwaiter am Souk al-Manakh und handeln Papiere, deren Wert immer weiter steigt.

3. An der Weltspitze

Irgendwann im Jahr 1981 kauft ein Kuwaiter Aktien mit einem Scheck, der erst auf Ende des Jahres datiert ist: Er nutzt das über Generationen aufgebaute Vertrauen, wonach ein Schuldner niemals säumig wird, weil das Schande über seine Familie bringen würde. Es ist eine geniale Transaktion: Der Käufer erwirbt Aktien, ohne das dafür nötige Geld zu besitzen. Er kann davon ausgehen, dass der Wert seiner Papiere dermassen steigt, dass er sie später mit Gewinn verkaufen kann, wenn sein Scheck gedeckt werden muss.

Mit diesem Akt brechen alle Dämme. Schon bald wird es zur Normalität, Aktien mittels vordatierter Schecks zu handeln. Geld entsteht aus dem Nichts. 1982 schiessen die Aktienkurse in die Höhe, sie verdoppeln sich zunächst im Monats-, dann im Tagesrhythmus. Ausländische Investoren, vom Libanon bis Pakistan, nehmen über kuwaitische Partner am Boom teil.

In Abu Dhabi wird der US-Investmentbanker Frank Veneroso von der Regierung beauftragt, zu prüfen, wie das Emirat eine Börse nach dem Beispiel des Souk al-Manakh aufbauen könne. Als Veneroso im Mai 1982 warnt, in Kuwait entstehe eine gewaltige Blase, wird er ausgelacht: «Ihr Yankees kapiert es nie. Versteht ihr nicht, dass wir unendlich reich sind? Ein Crash ist hier unmöglich», wird ihm beschieden.

Im Juli 1982 erreicht die Marktkapitalisierung am Souk al-Manakh 100 Mrd. $. Aus dem Kamelmarkt ist die drittschwerste Börse der Welt geworden: Nur New York und Tokio sind grösser.

4. Auf Sand gebaut

Das Ende beginnt, wie es meist beginnt: harmlos, unter blauem Himmel. Im August 1982 schreitet eine Frau in eine Bankfiliale in Kuwait City. Sie will einen Scheck einlösen, der von einem Mann namens Jassim al-Mutawa über 30 Mio. $ ausgestellt worden war. Wieso sie ihn einlösen will, ist nicht bekannt. Vielleicht, weil sich das Blatt in dem seit zwei Jahren tobenden Iran-Irak-Krieg gewendet hat und wenige Kilometer nördlich von Kuwait die Revolutionsgarden des Iran zum Sturm auf Basra ansetzen. Vielleicht braucht sie auch nur Kleingeld. Folgenschwer jedoch ist der Bescheid, den sie von der Bank erhält: Jassim al-Mutawa besitzt das Geld nicht.

Wie ein Sandsturm fegt eine Panik durch die Spekulanten am Souk. Plötzlich wollen alle ihre Schecks einlösen, und zu Tausenden erhalten sie die gleiche Antwort: Der Scheck ist nicht gedeckt.

Ende August wendet sich Finanzminister Abdelatif al-Hamad mit vernichtenden Worten an die Bevölkerung: «Das Finanzministerium hat keine Absicht, den Markt auf diesem verrückten Niveau zu unterstützen. Spekulanten sollen für ihre Sünden büssen, getreu der Tradition des Islam.» Das ist das Ende. Der Handel am Souk al-Manakh kommt unmittelbar zum Erliegen. Die Aktienkurse fallen auf null, niemand kauft mehr. Schon nach wenigen Tagen ist Kuwaits Finanzsystem ausgelöscht. Mit Ausnahme der National Bank of Kuwait überlebt keine Bank den Sturm.

5. Das Grauen

Im September 1982 ordnet das Finanzministerium den Einzug aller vordatierten Schecks an. Knapp 29 000 Schecks tauchen auf, mit einem Gesamtwert von 94 Mrd. $, alle wertlos. Die Summe entspricht mehr als dem dreifachen Bruttoinlandprodukt des Landes oder rund 190 000 $ pro Bürger Kuwaits. Jassim al-Mutawa, dessen Scheck das Beben ausgelöst hat, entpuppt sich als Frühzwanziger, der als Beamter im nationalen Passbüro arbeitet. Er hat sich mit vordatierten Schecks Aktien im Wert von 14 Mrd. $ zusammengekauft.

Ganz im Stich lässt der Emir die Spekulanten dann doch nicht. Wer maximal 66 Mio. $ verloren hat, erhält seinen Einsatz in Form von Staatsanleihen zurück. Nur wer dreist genug war, mehr zu verspekulieren, wird nicht entschädigt. Die Aufräumarbeiten nehmen Jahre in Anspruch. Der Souk al-Manakh wird am 1. November 1984 geschlossen.

Im August 1988 endet der Iran-Irak-Krieg. Kuwait hat Bagdad während des Konflikts unterstützt; Saddam Hussein hat beim kleinen Nachbarn eine Kriegsschuld von 65 Mrd. $ angehäuft. Als er den Emir auffordert, ihm die Schuld zu erlassen, lehnt dieser ab – nicht zuletzt deshalb, weil Kuwait nach dem Desaster am Souk al-Manakh und dem gesunkenen Ölpreis nicht mehr im Wohlstand schwimmt. Damit hat Saddam nicht gerechnet. Im August 1990 lässt er seine Panzer auffahren und invadiert den lästigen Zwerg am Golf. Der Rest? Ist Geschichte.