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Der Weg zum neuen ökonomischen Paradigma

Der Washington Consensus hat ausgedient. Ohne ein neues Modell wächst die Gefahr einer Fragmentierung der Weltwirtschaft. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian
«Die Rückkopplung zwischen der Realwirtschaft und dem Finanzsektor muss näher untersucht werden.»

Die westliche Welt war jahrzehntelang von einem fest umrissenen und allgemein akzeptierten ökonomischen Paradigma überzeugt, das auf nationaler und globaler Ebene angewendet wurde.

Vor dem Hintergrund des schwindenden Vertrauens in die Fähigkeit von «Experten», wirtschaftliche Entwicklungen zu erklären, geschweige denn vorauszusagen, ist diese Überzeugung allerdings ins Wanken geraten. Da noch kein neues Paradigma existiert, wächst die Gefahr einer Fragmentierung der Weltwirtschaft, bei der ohnehin schon schwächere Länder noch weiter ins Abseits geraten.

Der sogenannte Washington Consensus – ein Katalog von zehn allgemein anwendbaren politischen Rezepten für einzelne Länder – verkörpert das Paradigma, das bis vor kurzem einen Grossteil des wirtschaftlichen Denkens und der Wirtschaftspolitik bestimmt hat, auf nationaler Ebene.

Auf internationaler Ebene ist es das Streben nach wirtschaftlicher und finanzieller Globalisierung. Einfach ausgedrückt bestand die Idee darin, dass Länder davon profitieren würden, auf marktbasierte Preisbildung und Deregulierung im eigenen Land zu setzen, während sie zugleich den Freihandel und relativ ungehinderte grenzüberschreitende Kapitalströme fördern.

Eine Vertiefung der wirtschaftlichen und finanziellen Verbindungen zwischen den Ländern wurde als beste Möglichkeit betrachtet, dauerhaft Gewinne zu erzielen, die Effizienz und die Produktivität zu verbessern und die Gefahr finanzieller Instabilität zu verringern.

Auch ging man davon aus, dass dieser Ansatz zusätzliche Vorteile mit sich bringen würde, angefangen bei mehr interner sozialer Mobilität bis zur Verringerung der Gefahr gewaltsamer Konflikte unter den Ländern. Er versprach zudem, die positive Konvergenz der Entwicklungsländer und entwickelten Länder zu unterstützen und dadurch sowohl die absolute als auch die relative Armut zu verringern und wirtschaftliche Anreize für illegale transnationale Migration zu schwächen.

Gefährliche Selbstgefälligkeit

Unterstützt von den traditionellen Wirtschaftstheorien, die an den meisten Universitäten gelehrt werden, nahm dieser Ansatz nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zerfall der Sowjetunion Fahrt auf, als sich die ehemals kommunistischen Länder, gemeinsam mit China, der westlich dominierten Weltordnung anschlossen und Gesamtproduktion und -verbrauch steigen liessen.

Aber an einem bestimmten Punkt wandelte sich der Glaube an den Washington Consensus in eine Art blindes Vertrauen. Die daraus resultierende Selbstgefälligkeit unter politischen Entscheidungsträgern und Ökonomen trug dazu bei, die Weltwirtschaft anfälliger für eine Reihe kleiner Schocks werden zu lassen, die 2008 in einer Krise mündeten, die die Welt an den Rand einer verheerenden, mehrjährigen Depression brachten.

Plötzlich verblassten die Vorteile der Globalisierung im Vergleich zu den Risiken. Es war keine Hilfe, dass die Krise ihren Ursprung in den USA hatte, die bislang der Hauptverfechter des Washington Consensus und der ungezügelten Globalisierung waren, unter anderem durch ihre Rolle in multilateralen Organisationen wie der G7, dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Welthandelsorganisation.

Ansteckungsgefahren unterschätzt

Diese Situation war zum Teil den Versäumnissen von Analytiker geschuldet. Die Zunft der Ökonomen hat zu wenig dafür getan, ein umfassendes Verständnis des Zusammenhangs zwischen einem rasant wachsenden und zunehmend deregulierten Finanzsektor und der Realwirtschaft zu entwickeln.

Die Auswirkungen wichtiger technologischer Innovationen wurden viel zu wenig verstanden. Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung wurden nur unzureichend – oder gar nicht – berücksichtigt, zugunsten von analytisch eleganten mikroökonomischen Unterfütterungen, die gut zu den Modellen passten, aber unrealistisch und allzu vereinfachend waren.

Derweil haben politische Entscheidungsträger die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftliche Folgen zunehmender Ungleichheit – nicht nur in Bezug auf Einkommen und Wohlstand, sondern auch auf Chancen – ausser Acht gelassen, und zugelassen, dass die Mittelschicht allmählich ausgehöhlt wird; ein Trend, der durch technologische und andere Entwicklungen verschärft wurde.

Die Ansteckungsgefahren der Finanzkrise und die grösser werdenden Migrationsbewegungen haben sie ebenfalls unterschätzt. Infolgedessen hatten die Realitäten vor Ort die Frage nach adäquaten Verhaltensnormen und -regeln längst überholt und die politische Polarisierung verstärkte sich.

Auf internationaler Ebene wurde die bestehende Nachkriegsordnung zunehmend durch den Aufstieg Chinas in Frage gestellt, das aufgrund seiner schieren Grösse, sowohl in Bezug auf die geografische Ausdehnung als auch die Einwohnerzahl, systemische Bedeutung erlangt hat, obwohl das Pro-Kopf-Einkommen relativ gering ist und das politische System im Widerspruch zu einer liberalen Marktwirtschaft zu stehen schien. Die grossen globalen Wirtschaftsinstitutionen hatten Mühe, sich schnell genug anzupassen.

Begeisterung für Globalisierung schwindet

Tatsächlich reflektiert die Leitungsstruktur des IWF und der Weltbank, einigen kleineren Anpassungen zum Trotz, weiterhin eher vergangene Realitäten und besonders Europa hat nach wie vor unverhältnismässig grossen Einfluss. Nicht einmal die G20, die entstanden ist, als sich die G7 als zu eng und exklusiv erwies, um eine wirksame Koordinierung der Wirtschaftspolitik zu unterstützen, hat es geschafft die Spielregeln zu verändern. Mangelnde operative Kontinuität sowie Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ländern haben die Effektivität der G20 schnell geschwächt, vor allem nachdem die Gefahr einer globalen Depression vorüber war.

Angesichts all dessen ist es kein Wunder, dass die Begeisterung für wirtschaftliche und finanzielle Globalisierung nachgelassen hat. Sowohl Industrie- als auch Schwellenländer sperren sich schon lange dagegen, regionale und internationale Institutionen zu stärken, indem sie ihnen mehr nationale Befugnisse übertragen.

Heute richten einige Länder den Blick verstärkt nach innen und/oder konzentrieren sich auf bilaterale und, in Asien, regionale Vernetzung. Solche Verlagerungen bedeuten für grössere Volkswirtschaften wie die USA und China einen klaren Vorteil, während einigen Volkswirtschaften und Regionen – besonders in Afrika – zunehmende Marginalisierung droht.

Komplexe Analysen erforderlich

Es wird nicht einfach sein, einen Konsens für den Übergang zu einem neuen, zusammenführenden Paradigma zu bilden. Es wird ein politisch anspruchsvoller, zeitaufwendiger Prozess sein, der komplexe Analysen voraussetzt. Wahrscheinlich wird es einige schlechte Ideen geben, die in Erwägung gezogen und wieder verworfen werden, bevor sich gute Ideen durchsetzen. Auch wird dieser Prozess multidisziplinärer und intellektuell offener sein – eher Bottom-up als Top-down – als der vorhergehende. Er wird sich auf intelligente Weise Innovationen in den Bereichen künstliche Intelligenz, Big Data und Mobilität anpassen müssen.

Währenddessen kommt Ökonomen und politischen Entscheidungsträgern eine wichtige Rolle dabei zu, die bestehende Situation zu verbessern. Auf internationaler Ebene sollte das Konzept «fairer Handel» – und erst recht soziale Verdrängung – in politischen Diskussionen stärker thematisiert werden. Und Volkswirtschaften – vor allem in Europa – müssen aktiv an der Reform eines ermüdeten Systems multilateraler politischer Steuerung und Koordination arbeiten, dem es zunehmend an Glaubwürdigkeit mangelt.

Den Strukturwandel verstehen

Außerdem muss die Rückkopplung zwischen der Realwirtschaft und dem Finanzsektor näher untersucht werden. Verteilungsfragen, unter anderem die Belastung der Mittelschicht und die Zwangslage von Bevölkerungsgruppen, die Gefahr laufen durch angespannte soziale Sicherheitsnetze zu rutschen, müssen besser verstanden und geklärt werden. Voraussetzung dafür ist ein tieferes Verständnis des technologiegetriebenen Strukturwandels. Die grossen Technologieunternehmen müssen ihre wachsende systemische Bedeutung erkennen und sich im Gleichschritt mit den Regierungen daran anpassen.

Selbstgefälligkeit war ein wesentlicher Grund für den Glaubwürdigkeitsverlust des bisherigen ökonomischen Paradigmas. Lassen wir nicht zu, dass es noch mehr Schaden anrichtet als es ohnehin schon der Fall ist.

Copyright: Project Syndicate.

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