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Der Weg zur Dekarbonisierung der Entwicklungsländer

Die Industriestaaten sollten Finanzierung, Fachwissen und bewährte Verfahren anbieten, unter der Leitung einer CO2-Weltbank. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Ein Grund, warum die hoch entwickelten Länder in der Lage waren, ihre CO2-Emissionen zu senken, ist, dass die globale produzierende Industrie in Schwellenmärkte abgewandert ist, die stark in Energie investiert haben.»

Die kommende Regierung des designierten US-Präsidenten Joe Biden verspricht, einen frischen, rationalen Ansatz in Bezug auf den Klimawandel zu verfolgen. Daher ist dies ein idealer Zeitpunkt, um für eine CO2-Weltbank zu argumentieren, die finanzielle und technische Unterstützung leisten und koordinieren könnte, um den Entwicklungsländern bei der Dekarbonisierung zu helfen. Der vorgeschlagene grüne New Deal in den USA und der europäische Green Deal der EU-Kommission haben lobenswerte Umweltziele, sind jedoch zu sehr nach innen ausgerichtet. Wenn ein komplettes Gebäude in Brand steht, verzögert die Konzentration der Brandbekämpfung auf ein einziges Stockwerk seine Zerstörung lediglich, aber verhindert sie nicht.

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) wird fast der gesamte Nettoanstieg der CO2-Emissionen der nächsten zwei Jahrzehnte von den Schwellenmärkten ausgehen. Obwohl China kürzlich zugesagt hat, bis 2060 Nettoemissionsfreiheit zu erreichen, ist der Gedanke, dass auf das Land die Hälfte der weltweiten Kohleproduktion und des weltweiten Kohleverbrauchs entfällt, ernüchternd.

Auch Indien ist hochgradig von seinen grossen Kohlevorkommen abhängig und wird dies trotz deutlicher Fortschritte im Bereich der Solarenergie voraussichtlich auch bleiben. Trotz all des mit dem Pariser Klimaabkommen einhergehenden Getöses liegt der Anteil sauberer Energie bei den weltweiten Energieinvestitionen noch immer bei nur rund 34% und damit auf nahezu dem gleichen Niveau wie vor fünf Jahren. Auf Wind- und Solarenergie entfallen bloss 8% der globalen Energie. Die IEA schätzt, dass, wenn man den bestehenden Kraftwerken erlauben würde, für den Rest ihrer erwarteten Lebensdauer in der gegenwärtigen Form in Betrieb zu bleiben, dies allein schon einen Anstieg der weltweiten Temperaturen um 1,7 °C gegenüber vorindustriellem Niveau bewirken würde.

Kohlenstoffsteuern im Fokus

Derzeit besteht der weithin am stärksten diskutierte Ansatz, um die Entwicklungsländer zur Senkung ihrer CO2-Emissionen zu ermutigen, in einer Kohlenstoffsteuer auf Importe aus Ländern ohne hinreichendes CO2-Preissetzungssystem. Die EU erwägt gegenwärtig eine derartige Massnahme, und auch das Climate Leadership Council (zu dessen Mitgliedern die kommende US-Finanzministerin Janet Yellen gehört) hat sich dafür ausgesprochen.

Die Ökonomen bevorzugen fast durch die Bank Kohlenstoffsteuern (Europas CO2-Preissetzungssystem ist eine plumpere Version), damit Produzenten und Verbraucher den Einfluss ihres Handelns auf das globale Gemeinwohl berücksichtigen. Ein steuerlicher Grenzausgleich zielt darauf ab, die Entwicklungsländer zur Einführung eigener Kohlenstoffsteuern zu ermutigen. Diese Politik ist konzeptionell vernünftig, aber sie ist zu statisch und zu schwer umsetzbar.

Zunächst einmal haben die Entwicklungsländer weder die Ressourcen noch die Technologie, um sich selbst über Nacht umzustellen. Ein Grund, warum die hoch entwickelten Länder in der Lage waren, ihre CO2-Emissionen zu senken, ist, dass die globale produzierende Industrie in Schwellenmärkte abgewandert ist, die stark in Energie investiert haben.

Nicht nur Peitsche, sondern auch Zuckerbrot

Das durchschnittliche Alter der asiatischen Kohlekraftwerke beträgt zwölf Jahre, verglichen mit 43 Jahren in den hoch entwickelten Volkswirtschaften. Angesichts der Lebensspanne eines Kohlekraftwerks von etwa fünfzig Jahren und der Tatsache, dass Kohle einer der wenigen natürlichen Rohstoffe ist, über die China und Indien reichlich verfügen, sind die Kosten, die dem sich entwickelnden Asien bei der Ausserbetriebnahme seiner Kohlekraftwerke entstehen würden, enorm. Und dann ist da Afrika, wo die Anzahl Menschen, die keinen Zugriff auf elektrischen Strom haben, während der Covid-19-Pandemie auf fast 600 Mio. gestiegen ist.

Die Kluft zwischen der Fähigkeit der Entwicklungsländer, den Klimawandel zu bewältigen, und den in den hoch entwickelten Volkswirtschaften diskutierten ehrgeizigen Plänen ist ein weiteres Beispiel für die enormen Unterschiede bei Vermögen und Ressourcen zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden. In Reaktion auf die Covid-19-Krise etwa haben die hoch entwickelten Volkswirtschaften laut Internationalem Währungsfonds (IWF) 2020 Haushaltsmittel und Kredite von durchschnittlich 16% des BIP aufgewandt, verglichen mit 6% in den Schwellenmärkten und 2% in den Entwicklungsländern. Diese breite Lücke lässt zudem noch die Möglichkeit unberücksichtigt, dass sich die pandemiebedingte Schuldenzunahme in den Entwicklungsländern in den nächsten Jahren zu einer eine Dekarbonisierung zusätzlich erschwerenden Schuldenkrise auswächst.

Die globale Festlegung der Kohlenstoffpreise ist unverzichtbarer Bestandteil jeder langfristigen Lösung der Klimakrise, doch darf die entwickelte Welt den Entwicklungsländern nicht nur mit der Peitsche drohen, sondern muss ihnen auch ein Zuckerbrot anbieten. Dies sollte die Form einer mit hohen Konzessionen verbundenen Finanzierung annehmen, verbunden mit technischem Fachwissen und der Weitergabe bewährter Verfahren. All dies sollte unter der Leitung einer CO2-Weltbank geschehen.

Es braucht viel Geld

Der IWF, die Weltbank und die regionalen Entwicklungsbanken haben eine wichtige Rolle zu spielen, doch sind ihre Mandate zu diffus, als dass sie der Klimaherausforderung allein wirksam begegnen könnten. Derweil sollten diejenigen, die meinen, dass zwischenstaatliche Unterstützung bei Klimalösungen keine Rolle spielen sollte, sich vergegenwärtigen, dass die weltweite Kohlebranche zunehmend von staatseigenen Unternehmen beherrscht wird, die auf wirtschaftliche Anreize nicht besonders stark reagieren.

Ist es zu optimistisch, zu glauben, dass die auf sich selbst fokussierten hoch entwickelten Volkswirtschaften je bereit sein werden, grosse Mengen an Hilfsgeldern – mindestens 100 bis 200 Mrd. $ jährlich – bereitzustellen, um den Entwicklungsländern beim Erreichen der weltweiten Klimaziele zu helfen? Die Reaktion auf die Covid-19-Krise macht bislang wenig Mut. Die Initiative der G-20 zur Aussetzung des Schuldendienstes (DSSI) hat bisher vierzig sehr armen Ländern ein paar Milliarden Dollar an Schuldenerleichterungen gebracht, doch ist das wenig im Vergleich zu den Billionenbeträgen, die die reichen Länder für ihre eigenen Bürger ausgegeben haben. Ein verbessertes Kohlenstoffsteuer- oder CO2-Preissetzungssystem könnte längerfristig eine nachhaltige Finanzierungsquelle sein, doch ist das Problem zu dringend, um abzuwarten, bis dies Gestalt annimmt.

Das von der EU und vermutlich bald auch von den USA verabschiedete Ziel, unter dem Strich bis 2050 CO2-Emissionsfreiheit zu erreichen, ist lobenswert. Doch Umweltschutz nach dem St.-Florians-Prinzip ist kein Weg, um ein globales Problem zu lösen.

Copyright: Project Syndicate.