Meinungen

Der Weihnachtsmann und das Steueramt

Die nordischen Länder haben die Kunst des Steuereintreibens perfektioniert. Dabei spielt die Aufhebung des Bankgeheimnisses nicht einmal die wichtigste Rolle. Ein Kommentar von Marco Salvi.

Marco Salvi
«Wie kaum woanders haben die Steuerbehörden in Skandinavien einen ungehinderten Zugang zu Kreditkartentransaktionen, Bankkonten und Lohnabrechnungen.»

Der Weihnachtsmann kommt bekanntlich aus dem hohen Norden, sein Geschäftsmodell ist für skandinavische Verhältnisse aber eher untypisch: Das Steuerdomizil konnte noch niemand genau festlegen, die Verkaufszahlen bleiben geheim, die Lieferungen erfolgen unter dem Schutz der Dunkelheit, und es werden selten Rechnungen gestellt. Dass ein derart intransparentes Familienunternehmen von den lappländischen Steuerbehörden geduldet wird, erstaunt, denn sonst herrscht in Skandinavien der Grundsatz der vollkommenen Offenlegung.

Wie kaum woanders haben die Steuerbehörden einen ungehinderten Zugang zu Kreditkartentransaktionen, Bankkonten und Lohnabrechnungen. Fast nichts bleibt ihnen verborgen. In Dänemark lassen sich über 95% der versteuerten Einkommen mit Angaben einer unabhängigen Drittpartei, wie die Bank oder der Arbeitgeber, exakt überprüfen. Die Steuererklärung flattert bereits ausgefüllt in den Briefkasten. Fehlt nur die Unterschrift des Steuerzahlers. Einzig die Selbständigkeit bietet noch ein wenig «Spielraum» bei der Bestimmung des Einkommens. Wegen der flächendeckenden Verbreitung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs wird auch dieser jedoch bald verschwinden – dies gilt wohl auch für den Weihnachtsmann.

Gläserner Steuerzahler

Stellt der gläserne Steuerzahler den Grund für die rekordhohe Steuerquote der nordischen Länder dar? Müssen sich die Vertreter eines schlanken und minimalen Staates vor «zu viel» Transparenz gegenüber dem Steueramt fürchten? Nicht nur davor, glaubt man dem dänischen Ökonomen Henrik Kleven von der London School of Economics. Laut Kleven bildet Transparenz eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für die Ausweitung des staatlichen Einflussbereichs. Es reicht also nicht, dass die Steuerhinterziehung eingedämmt wird; der Staat muss auch die Steuervermeidung in engen Grenzen halten. Mit anderen Worten muss er dafür sorgen, dass das Steuersystem ergiebig bleibt. Auch darin sind die Nordländer Spitze.

So greifen sie mehr als andere zu Abgaben mit einer breiten Bemessungsgrundlage, allen voran die Mehrwertsteuer. Diese macht mittlerweile um die 30% aller Steuereinnahmen der nordischen Länder aus. Einer umfassenden Konsumsteuer wie der Mehrwertsteuer kann man auch mit einer vorübergehenden Konsumenthaltung nicht ausweichen: Früher oder später werden sämtliche Einkommen konsumiert. Abgesehen vom Nichtkonsum bietet nur der Einkaufstourismus eine gewisse legale Umgehungsmöglichkeit, wenn auch nur eine umständliche. Angesichts von Mehrwertsteuersätzen um die 25% (auf alkoholischen Getränken deutlich mehr), wundert es kaum, dass die skandinavischen Konsumenten davon rege Gebrauch machen.

Hohe Erwerbsquote um jeden Preis

Doch damit ist nicht genug. Will der Staat die Zitrone vollkommen auspressen, muss er laut Kleven auch dafür sorgen, dass die Produktion am helllichten Tag stattfindet. Dabei geht es nicht so sehr um die Bekämpfung von illegalen Schwarzmärkten, sondern vielmehr um die Einschränkung einer völlig legalen Aktivität – der Hausarbeit. Im Gegensatz zur Erwerbsarbeit lässt sich nämlich die Hausarbeit kaum besteuern. Aus Sicht des Steueramtes ist somit eine hohe Erwerbsquote besonders wünschenswert, und auch diesbezüglich sind die nordischen Länder führend.

Dank massiver Subventionierung von Kinderbetreuung, Alterspflege, Mobilität und Ausbildung – alles Dienstleistungen, die in einer komplementären Beziehung zur Erwerbsarbeit stehen –, haben sie die nötigen Anreize dazu geschaffen. So sehr, dass einmal im Jahr sogar ein älterer, weissbärtiger Mann, der in allen Ländern längst seine Rente geniessen würde, seine bequeme Holzhütte verlässt und in der Polarnacht die Rentiere einspannt.

(Der Artikel erscheint am 23.12. auch auf: www.avenir-suisse.ch/42160/wie-gläsern-wollen-wir-sein/)