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Der Zinswahnsinn nimmt kein Ende

Die Flucht in sichere Häfen drückt die Anleihenrenditen nach unten. In zahlreichen Industrieländern ist ein neues Allzeittief erreicht.

Peter Rohner

Wer letztes Jahr darauf gesetzt hat, dass mit den negativen Bondrenditen endlich Schluss sei, muss enttäuscht feststellen: Zinsen unter null sind nach wie vor die bittere Realität. Sichere Schweizer Bundesanleihen werfen bis zu einer Laufzeit von zwanzig Jahren keinen positiven Ertrag ab. Die zehnjährigen «Eidgenossen» weisen eine Rendite bis Verfall von –0,5% auf. Es war letztes Jahr ein kurzer Flirt mit Zinsen über null.

Der Zinsrückgang ist kein rein schweizerisches Phänomen. In den USA ist die Rendite zehnjähriger Treasury Bonds in den vergangenen Monaten von über 3,2 auf annähernd 2% gefallen. In Deutschland haben die zehnjährigen Bundesrenditen die Tiefstände von 2016 sogar unterschritten. Mit –0,2% ist die Rendite so niedrig wie nie seit Beginn der Aufzeichnung.

Auch in Australien, Neuseeland, Spanien und Portugal haben die Langfristzinsen ein neues Allzeittief erreicht. Nicht zu vergessen ist Griechenland, wo die Aussicht auf die Abwahl der linkspopulistischen Syriza-Partei die Nachfrage nach Staatsanleihen dermassen angeheizt hat, dass die zehnjährigen Papiere zum ersten Mal in der Geschichte unter 3% rentieren.

Dagegen wird für italienische Anleihen ein höheres Kreditrisiko gesehen. Die Abgeordnetenkammer hat die Regierung ermächtigt, Mini-BoT – in Kleinstbeträgen gestückelte Schuldpapiere – auszugeben, um damit statt mit Eurobargeld die Rechnungen an Lieferanten zu bezahlen. Es wird befürchtet, dass sich so in Italien eine Parallelwährung etablieren könnte.

 

Fallende Renditen bei Anleihen gehen mit steigenden Kursen einher und sind Ausdruck einer erhöhten Nachfrage der Investoren. Sie hängt wie im Falle Griechenland vom Risiko eines Zahlungsausfalls ab.

Bei sicheren Schuldnern wie den USA, Deutschland oder der Schweiz spiegeln die Anleihenrenditen die Erwartung bezüglich Wachstum und Inflation. Wenn die Angst vor einer Rezession oder einer Krise zunimmt und die Aktienmärkte nervös werden, flüchten die Anleger in sichere Staatsanleihen, wodurch die Renditen fallen.

Eine solche Entwicklung spielt sich derzeit an den Finanzmärkten ab: Der Handelsstreit verunsichert die Anleger, die Konjunktur lahmt weltweit, und die Inflationssorgen sind in den Hintergrund geraten.

Die Nachricht ist klar: Die Masse der Investoren am Bondmarkt fürchtet eine Rezession. Denn eine Faustregel besagt, dass die Anleihenrenditen (ohne Kreditrisiko) ungefähr dem erwarteten nominalen Wirtschaftswachstum entsprechen sollten. Gemäss Renditen sollte es also über die nächsten zehn Jahre in der Schweiz und in Deutschland negativ ausfallen und in den USA gerade 2% betragen.

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