Meinungen

Der Zinswahnsinn

Die Zukunft muss auf-, die Gegenwart abgewertet werden, mit steigenden Realzinsen. Nachhaltigkeit zugunsten der Nachkommen erfordert eine Abkehr von der Nullzinspolitik. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Eine Nullzinswelt zerstört das Wesen des Zinses.»

Als wären nur niedrige Zinsen gute Zinsen, hält die Europäische Zentralbank (EZB) an ihrer Nullzinspolitik fest. Mehr noch: Sie hat angekündigt, bis zur nächsten Sitzung im Dezember zu prüfen, ob die Geldpolitik die Konjunktur auch wirklich ausreichend stimuliere. Damit hat sie die Märkte bereits darauf vorbereitet, dass sie das Volumen ihrer ohnehin schon auf über 1 Bio. € angelegten Aufkäufe von Anleihen wohl ausweiten wird.

Das Ziel der EZB: Sichere Staatspapiere sollen für Investoren unattraktiv werden. Hingegen sollen Banken billige Kredite an Unternehmen und Haushalte verleihen. Das Ergebnis: Nun kann auch die Republik Italien neue Staatsanleihen über zwei Jahre Laufzeit mit einer Negativrendite am Markt platzieren Bei einer vom Internationalen Währungsfonds (IWF) für Italien vorausgesagten Inflation von 0,7% für 2016 errechnet sich daraus eine reale Rendite von –0,7% pro Jahr. Sollten die Investoren von ausserhalb Italiens kommen, liegt die Realrendite sogar bei jährlich –1% (da für den Euroraum für nächstes Jahr eine Inflationsrate von 1% vorausgesagt wird). Bezahlen, um Italiens Regierung einen Kredit geben zu dürfen! Kluge Kommentatoren nennen das einen Zinswahnsinn. Diesem – zugegebenermassen starken – Werturteil kann man sich nur anschliessen.

Die EZB-Politik des billigen Geldes wird also vorerst weiter und stärker fortgeführt werden. Und damit werden die Realzinsen auf historischen Tiefst verharren. Noch nie in der gesamten Nachkriegszeit lagen die Realzinsen (errechnet aus der Differenz von nominalen Umlaufrenditen und der Inflationsrate) in Deutschland auch nur annähernd so niedrig wie seit März 2010. Mehr als vier Jahre schon befindet sich der Realzins unterhalb 1%. Über lange Zeit (von September 2011 bis Juli 2013) war er negativ. Danach schwankte er um den Nullpunkt. Heute liegt er bei rund 0,5%.

In der Schweiz gab es während der ersten Ölkrise Anfang der Siebzigerjahre und in der zweiten Ölkrise Anfang der Achtzigerjahre kurze Phasen mit negativen Realzinsen. Anders als in Deutschland liegen die Realzinsen seit der Finanzmarktkrise zu Beginn des laufenden Jahrzehnts jedoch stets im positiven Bereich. Momentan betragen sie – geschuldet einer Deflationsrate (so müsste eine negative Inflationsrate korrekterweise eigentlich genannt werden) von 1,4% – deutlich mehr als 1%.

Giesskanne Nullzinspolitik

Eine Nullzinswelt zerstört das Wesen des Zinses. Der reale Zins ist ein Massstab für den Wert der Zeit: Niedrige Realzinsen bedeuten, dass die Gegenwart hoch geschätzt wird. Der schnelle Konsum – durch billige Kredite und ein Leben auf Pump finanziert – ist möglich. Hohe Realzinsen bedeuten, dass die Zukunft besonders geschätzt wird. Wer bereit ist, heute zu verzichten, den Konsum auf morgen zu verschieben, zu warten und Geld für spätere Zeiten zurückzulegen, wird durch eine hohe Zinsprämie entsprechend belohnt.

Die makroökonomischen Folgen negativer Realzinsen sind vielschichtig. Sparer ärgern sich, weil sie für ihre Ersparnisse kaum mehr einen Zinsertrag erhalten. Entsprechend schwierig wird es, in jungen Jahren fürs Alter vorzusorgen. Schuldner hingegen freuen sich, weil sie für ihre Kredite kaum mehr etwas bezahlen müssen. Nicht zuletzt der Umverteilung von Vermögenden zu Mittellosen wegen werden die Effekte der Nullzinspolitik von linker sozialistischer und rechter kapitalistischer Seite unterschiedlich bewertet. Dabei ist in der Tat der Fall möglich, dass unter den Profiteuren niedriger Realzinsen auch Unternehmen zu finden sind, die dank billiger Kredite Innovationen finanzieren können, die sich makroökonomisch positiv auf Beschäftigung und Wachstum auswirken. Allerdings wären hier geringere Transaktionskosten für mittelständische Gesellschaften, niedrigere Unternehmenssteuern, einfacherer Zugang zu Wagniskapital und vieles andere mehr massgeschneiderte und damit effektivere Massnahmen zur Investitions- und Innovationsförderung als die Giesskanne einer Nullzinspolitik.

Bei niedrigen Realzinsen wird das Heute und jetzt stärker gewichtet als das Morgen und später. Die Zukunft wird abgewertet, die Gegenwart wird verkürzt. Niedrige Realzinsen fördern die Ungeduld, hohe Zinsen die Nachhaltigkeit. Niedrige Zinsen verstärken somit die Hektik im Alltag – und das in einer Gesellschaft, die eh Stress beklagt und unter Burnouts leidet. Rasche Erfolge werden langfristigen Bindungen vorgezogen. Lieber heute den Spatz in der Hand als morgen die Taube auf dem Dach, so lautet das Motto einer Gesellschaft, die kurzfristige Bedürfnisbefriedigung über die Verfolgung längerfristiger Ziele setzt.

Fatale Fixierung auf die Gegenwart

Die Nullzinspolitik der EZB beschleunigt die Hochgeschwindigkeitswirtschaft. Alles muss rasch gehen, da Warten sich nicht lohnt. Nicht mehr Dekaden oder Jahre, sondern Quartale sind die Masseinheit. Tageskurse interessieren stärker als Jahresbilanzen. Regierungen werden nicht mehr nach wegweisenden Reformerfolgen, sondern nach kurzatmigen Konjunkturdaten beurteilt. Eine Fixierung auf die Gegenwart führt zu etwas Aktionismus hier oder zu rascher Soforthilfe dort.

«Nachhaltiges Wachstum» klingt zwar in Wahlkämpfen gut, doch in der Tagespolitik dominiert das Ergebnis von heute. So auch in der Wirtschaftspolitik, in der viel über Generationenverträge geredet wird, aber trotzdem mit Negativzinsen Ersparnisse, Altersrücklagen und (Betriebs-)Pensionen real abgewertet werden. Wer ist noch bereit, auf heutigen Konsum zu verzichten, zu sparen und damit die Grundlage für längerfristiges Wachstum einer Volkswirtschaft zu schaffen, wenn die Belohnung in Form der Realzinsen kaum gegeben oder sogar negativ ist?

Die Ära der Ungeduld verbessert weder die Lebensqualität im Alltag von heute noch die makroökonomischen Wachstumsperspektiven der Generationen von morgen. Es wäre für die EZB an der Zeit gegenzusteuern. Die Zukunft muss auf-, die Gegenwart abgewertet werden. Steigende Realzinsen sorgen genau dafür, diese Absicht umzusetzen. Nachhaltigkeit zugunsten der Kindeskinder erfordert eine Abkehr von der Nullzinspolitik. Besser früher als später.

Höhere Realzinsen in der Schweiz als in Deutschland

Ein Weiteres kommt aus Schweizer Sicht dazu: Die Realzinsen liegen hierzulande eigentlich seit Beginn des laufenden Jahrzehnts höher als in Deutschland, momentan etwa 0,75%. Zwischen 1955 und 2005 war es fünfzig Jahre lang, mit wenigen Ausnahmen, meistens andersrum; da lohnten sich Anlagen in Deutschland besser als in der Schweiz, manchmal sogar viel besser.

Die höhere Realverzinsung ist natürlich eine Einladung, Geld allein schon deswegen im Franken anzulegen. So steigt die ausländische Nachfrage nach Frankenanleihen, was wiederum den Aufwertungsdruck auf den Franken verstärkt. Das gilt auch für Carry Trades, d.h. die Versuchung, sich im Euroraum zu niedrigen Zinsen zu verschulden und das Geld zu höheren Zinsen in der Eidgenossenschaft anzulegen. Wer davon ausgeht, dass der Franken auch 2016 eher stärker als schwächer wird, wird in Franken anlegen und damit eine sich selbst erfüllende Erwartung wecken. Zum Leidwesen von Beschäftigung und Wirtschaft.

Leser-Kommentare

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Roland Heinzer 13.11.2015 - 09:05
Konsum auf Pump fördert ja angeblich den Wohlstand, sichert die Arbeitsplätze, der Staat freut sich an den Steuereinnahmen und an den niedrigen Zinsen für die Staatsschulden. Schulden macht der Staat für seine Bürger, damit sie eine rundum Vollkaskoversicherung für alles bekommen. So machen sich die Politiker beliebt und der Staat wird zum Übervater oder zur Übermutter. Die Industrie kann expandieren,… Weiterlesen »