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Märkte / Aktien

«Der Zyklus in Aktien und im Dollar dreht abwärts»

Charles Nenner analysiert Zeitreihen: An den Aktienmärkten in den USA und Europa dreht ein Zyklus nach dem anderen nach unten, und im Dollar deutet sich ab 2015 ein Kollaps an.

Die bislang steigenden Aktienkurse deuten auf eine Beschleunigung der Wirtschaft hin, doch Obligationen signalisieren mit fallenden Renditen eine konjunkturelle Abkühlung. Wer hat recht? Die Konjunktur werde schwächer, die Aktienbörsen drehten in eine Baisse, und bei den Anleihen kündigten sich nichtsdestotrotz höhere Marktzinsen an; das prognostiziert der Finanzmarktanalyst Charles Nenner (charlesnenner.com). Er verfügt über ein ausgeklügeltes System zur Analyse von Zyklen.

Herr Nenner, wie definieren Sie Zyklen?
Der Begriff Zyklus stammt vom griechischen Wort für Kreis ab und misst die Zeitspanne zwischen den oberen respektive den unteren Wendepunkten irgendeiner Zeitreihe. Wenn Sie beim Arzt ein EKG erstellen lassen, wird Ihr Herzschlag als Sinuskurve dargestellt: Die Distanz zwischen den Höhe- oder den Tiefpunkten entspricht einem Zyklus. Solches lässt sich auch an den Finanzmärkten beobachten – sei es bei Aktien, Anleihen, Währungen oder Rohstoffen. Die Wirtschaft bewegt sich ebenfalls in Zyklen.

Was nützt diese Erkenntnis dem Investor?
Weil die Zeitspanne zwischen den Wendepunkten konstant bleibt, lassen sich die Finanzmärkte prognostizieren. Bildet sich alle fünf Wochen ein Top, ist klar, in welche Richtung sich die Börse bewegen wird.

Die Finanzmärkte werden von unzähligen, unterschiedlich langen Zyklen getrieben.
Jede Anlageklasse weist ihre eigenen Zyklen auf. Wir betrachten Zyklen, die auf Tages-, Wochen-, Monats- und längerfristigen Schlusskursen basieren. Wir haben rund hundert Zyklen identifiziert, die teilweise Jahrhunderte zurückreichen – zum Beispiel bei Agrargütern. Die Kunst ist das Zusammenführen all dieser Zyklen. Dies geschieht mit der Vektorkombination. Gemäss unserer Analyse sind lange Zyklen wichtiger als kürzere und erhalten deshalb ein höheres Gewicht. Ein starkes Signal erhalten wir, wenn mehrere Zyklen gleichzeitig drehen.

Warum sind Zyklen wiederkehrend?
Zyklen repetieren sich, das ist ein Naturgesetz. Finanzmärkte würden sich nur dann zufällig bewegen, wenn die Akteure freie Wahl hätten. Da sich an den Börsen aber Millionen von Akteuren tummeln, deren freie Wahl sich gegenseitig aufhebt, bewegen sich die Finanzmärkte nicht zufällig, sondern in Zyklen. Je mehr Teilnehmer involviert sind, desto geringer wird die freie Wahl des Einzelnen. Das gilt ebenso für die Berechnung der Kursziele.

Auch das Kursziel lässt sich kalkulieren?
Der Zyklus zeigt nur die Richtung an, nicht aber das Kursziel. Doch auch die Kursziele ergeben sich nicht zufällig, sondern können berechnet werden. Wenn Sie einen Ball in die Luft werfen, können Sie anhand der Ausgangsgeschwindigkeit errechnen, wie hoch er steigen wird. Das gilt auch für Aktien, wobei die Ausgangsgeschwindigkeit dem Momentum entspricht. Dank der Kombination von Zyklusmodell und Kursziel wissen wir also, wann und zu welchen Kursen der Trend drehen wird.

Was ist wichtiger: Zyklus oder Kursziel?
Wir handeln nie gegen den Zyklus. Wir verzichten lieber auf ein paar Dollar Gewinn, als gegen den Zyklus zu wetten. Die Kunst besteht darin, die Algorithmen für Zyklus und Kursziel zu kombinieren.

Wenden wir dies auf den Aktienmarkt an: In welchem Stadium befinden sich die Börsen nach über fünf Jahren Hausse?
Die US-Börse ist daran, ein langfristiges Top auszubilden. Die europäischen Aktienmärkte sehen noch schlechter aus als die US-Indizes. Die Schwellenländerbörsen erholen sich, doch auch diese Bewegung dürfte bald vorbei sein. Mein Kursziel für den Dow Jones (Dow Jones 21611.78 -0.13%) Industrial liegt bei 5000 Punkten und dürfte 2020 erreicht werden. Heute steht der Index bei 17 000. Die grössten Kursverluste erwarten wir zwischen 2018 und 2020.

Wann steht das Top an?
Dieser Prozess ist in vollem Gang, ein Zyklus nach dem anderen dreht nach unten. Deshalb halten wir – bis auf einige Namen der Bereiche Energie, Nahrungsmittel sowie Gold- und Silberminen – keine Aktien mehr. Für den Beginn der Baisse braucht es einen Auslöser. Darum kümmern wir uns aber nicht, denn der Grund folgt immer erst, nachdem der Zyklus gedreht hat. Erst im Rückblick weiss man, was die Wende ausgelöst hat. Das war etwa beim Preis für Erdgas (Erdgas 3.043 -0.75%) so, wo die Zyklen lange vor dem Aufkommen der Fracking-Technologie den Einbruch angezeigt haben.

Raten Sie derzeit, Aktien leer zu verkaufen?
Nein. Das technische Signal, Aktien leer zu verkaufen, steht noch aus.

Auch Schwellenländer mögen Sie nicht?
Wir erwarten ein Wiederaufflackern der deflationären Kräfte – das spricht gegen Schwellenländer. Auch ihre Währungen mögen wir nicht. Investoren verhalten sich, als gäbe es keinen Konjunkturzyklus.

Das heisst, Sie setzen auf Anleihen?
Anleihen mögen wir nur in Europa, wo die Zinsen weiter sinken werden. Europa scheint nichts von Japan gelernt zu haben. Die deflationären Kräfte werden bald überhandnehmen, denn die Inflationsraten sind niedrig, während sich die Konjunktur abschwächt. Was immer die Behörden in Europa jetzt noch versuchen, es wird zu spät sein. Allerdings ist das Aufwärtspotenzial bei den Anleihen beschränkt, weil die Renditen schon so niedrig sind. Dazu kommt, dass der langfristige Zinszyklus, der rund sechzig Jahre dauert, höhere Zinsen ankündigt.

Wie steht es um die Konjunktur und die Zinsen in den USA?
Dort präsentiert sich die Konjunktur in einer etwas besseren Verfassung. Allerdings haben mit dem Kitchin- und dem Juglar-Zyklus zwei bedeutende Konjunkturzyklen abwärts gedreht. Eine schwächere Konjunktur heisst aber nicht zwingend, dass die Zinsen sinken. In Griechenland oder Italien sind die Renditen auf Staatsanleihen trotz Rezession angesprungen. Wenn Liquiditätsprobleme auftreten, können die Zinsen unabhängig von der Wirtschaftslage steigen. Und das könnte auch in den USA der Fall sein: Wegen der hohen Verschuldung und des grossen Ausmasses an kurzfristigen Krediten sind Liquiditätsprobleme möglich.

Die USA verfügen aber über ihre eigene Notenpresse.
Geht das Vertrauen in den Dollar verloren und wird die Kreditvergabe eingeschränkt, ist es schwierig, an liquide Mittel zu kommen. Kredite werden nur noch zu höheren Zinsen vergeben. Dies steht im Einklang mit dem langfristigen Zinszyklus, der in den Fünfzigerjahre nach oben und Anfang der Achtzigerjahre nach unten gedreht hat. Dieser langfristige Zyklus bildet derzeit einen Boden.

Ein beunruhigendes Szenario.
Wir werden in den nächsten dreissig Jahren mit steigenden Zinsen zu kämpfen haben. Einzig in Europa werden die Renditen zuerst noch auf ein neues Tief fallen.

Wie soll sich der Anleger verhalten?

In deflationären Zeiten bieten nur Bargeld und Gold (Gold 1247.88 0.32%) realen Kapitalerhalt. Was viele Investoren nicht wissen: Die meisten Haussen beim Gold fanden in einem deflationären Umfeld und nicht in Zeiten hoher Inflation statt, weil es schlicht keine Anlagealternativen gibt.

Sie kaufen Gold?
Im Gold hat der auf Quartalsdaten basierende Zyklus im Juli nach oben gedreht. Der wöchentliche Zyklus fluktuiert. Damit wir Gold kaufen, muss er ebenfalls aufwärts drehen. Wir sind aber positiv für das Edelmetall: Mein Preisziel liegt bei 2100 $ je Unze, sobald das Momentum in Gold anzieht. Wenn dieses Niveau durchbrochen wird, geht die Reise auf 3500 $.

Was heisst das für den Dollar?
Der Zyklus deutet auf einen Kollaps des Dollars ab dem nächsten Jahr hin. Das Haushaltsdefizit wird wegen der hohen, auch kurzfristig finanzierten Schuldenlast und der steigenden Zinsen aus dem Ruder laufen. Der Kollaps des Greenbacks könnte der Grund sein, weshalb es ab 2020 am US-Aktienmarkt zu einer gewaltigen Hausse kommen dürfte, die etwa bis 2030 dauert.

Sie betrachten auch den Kriegszyklus – gegenwärtig brodelt es ja vielerorts.
Wenn Sie die letzten 2000 Jahre betrachten, dann kam es immer in der zweiten Dekade eines neuen Jahrhunderts zu einem grossen Krieg. Wir wissen aber nicht, welcher der gegenwärtigen Krisenherde sich zum grossen Krieg ausweiten wird.

Kriege führen zu Versorgungsengpässen. Was heisst das für Agrargüter?
Die Zyklen für Mais (Mais 362.008 0.28%) oder Weizen (Weizen 148.5 0.13%) werden bald nach oben drehen. Nur ist es schwierig, auf steigende Agrargüterpreise zu setzen. An der US-Börse sind einzig zwei ETF mit den Tickern Corn und Weat kotiert.

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2 Kommentare zu ««Der Zyklus in Aktien und im Dollar dreht abwärts»»

  • Bruno Hollnagel sagt: 09.09.2014 – 18:40 Uhr

    Aktienkurse können nicht berechnet werden – von niemanden! Warum? Weil das Verhalten der Menschen nicht berechenbar ist – bestenfalls kann man es abschätzen.
    Zu Berechnungen bedarf es rationale Operatoren. Der Mensch handelt nicht (ausnahmslos) reational. Quelle: Relativitätsökonomie, Wiley Verlag

  • Michael Boller sagt: 09.09.2014 – 12:00 Uhr

    Na ja, das hört sich eher wie moderne Wahrsagerei und „Data Mining“ an. Zyklen kann man schon evaluieren, allenfalls sind diese aber rein zufällig entstanden und es besteht überhaupt kein System dahinter. Ich empfehle die Webseite: http://www.tylervigen.com/

    Es ist auch ein Widerspruch gegenüber vielen Experten, die von Market Timing komplett abraten. Fragwürdig finde ich auch die Prognosen für 2019-2020. Es wäre interessant zu erfahren, inwiefern die Prognosen von Charles Nenner in der Vergangenheit tatsächlich eingetreten sind.