Meinungen

Des Dollars spanisches Erbe

Der «Spanish Dollar» war lange das übliche Zahlungsmittel in den USA. Die Silbermünzen zirkulierten auch im pazifischen Raum und darüber hinaus. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Die Wendung «two-bit» steht synonym für schäbig, billig, unbedeutend. Mit dem «Bit» in Bitcoin hat das nichts zu tun.»

Wird Bitcoin den Dollar als Leitwährung ablösen? Darüber lässt sich trefflich mutmassen. Immerhin übernimmt das Logo der Kryptowährung, ein B mit zwei angedeuteten Senkrechten, das Dollarzeichen auf. Dessen zwei Striche durch das S wiederum, so wird spekuliert, seien eine Anleihe von spanischen Münzen, mit den Säulen des Herkules (in antiker Vorstellung zu beiden Seiten der Passage vom Mittelmeer in den Atlantik – der Felsen von Gibraltar auf der europäischen, der Dschebel Musa auf der afrikanischen Seite). Die Säulen zieren heute noch das spanische Staatswappen.

Die erste Weltwährung war der «Real de a Ocho», eine Münze von 38 mm Durchmesser und im Wert von acht Reales. Er hiess auch Peso de Ocho, Dólar Español, Spanish Dollar, Eight Royals Coin oder Piece of Eight. Jedenfalls war der Spanish Dollar die bedeutendste internationale Währung von 1500 bis Mitte des 19. Jahrhunderts (im Mittelalter, um 800, waren die Münzen der abbasidischen Kalifen von Bagdad breit akzeptiert, von Europa über Nordafrika bis nach Zentralasien).

Die Spanier stiessen in ihren amerikanischen Kolonien auf grosse Silbervorkommen, besonders in Minen in Potosí (im heutigen Bolivien) oder auch in Peru und Mexiko, wo schon die heimischen Herrscher hatten schürfen lassen. Die Eroberer eröffneten Münzprägestätten; mit dem Bau der Casa Real de la Moneda in Potosí etwa wurde 1572 begonnen.

Silber aus der Neuen Welt

Die spanischen Herren der Neuen Welt verschifften grosse Mengen Silber (Silber 16.43 -0.42%) ins Mutterland, was schliesslich zur Silberinflation des 16. Jahrhunderts führte. Zwischen 1493 und 1850 kamen schätzungsweise vier Fünftel der weltweiten Silberproduktion aus Spanisch Amerika; spanische Münzen zirkulierten weitherum in Stückzahlen von Millionen.

Sie gelangten über Mexiko und die Karibik auch nach Nordamerika. Der Real de a Ocho entsprach ungefähr dem niederländischen «Leeuwendaalder» (Löwentaler). Vom vormals niederländischen New York (Nieuw Amsterdam) aus verbreitete sich im Sprachgebrauch die Abwandlung «Dollar», die dann auch auf die spanische Münze angewendet wurde.

Die USA litten in ihrer Frühzeit während Jahrzehnten unter grosser Münzknappheit. Ausserhalb der Städte wurde eher getauscht als mit Bargeld bezahlt. Zwischen 1804 und 1840 wurden keine Silberdollars geprägt; das amerikanische Silber wurde vorzugsweise in Barren nach Europa exportiert, wo mehr dafür zu holen war als mit der Münzprägung. Dafür zirkulierten spanische bzw. mexikanische Silbermünzen (das Land war nach 1810 unabhängig geworden; der «Spanish Dollar» wurde faktisch mexikanisch).

In den jungen USA wurden die Pieces of Eight 1793 zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt. Die nach dem Vorbild des Spanish Dollar geprägten US-Dollars blieben einstweilen weit weniger verbreitet und populär. Der Real de a Ocho war gleich gross wie ein amerikanischer Dollar und wurde zu Parität gehandelt. Zwar wurde der amerikanische Dollar für die rechnerische, buchhalterische Funktion verwendet, doch für die physische Tauschfunktion zumeist der spanische.

In Kanada, der britischen Nordamerika-Kolonie, waren zu wenige britische Münzen in Umlauf; auch dort kursierte dafür der spanische Dollar. In Quebec wird der kanadische Dollar nach wie vor «Piasse» genannt; das Wort erinnert an «Piastre», so heisst der spanische Peso auf Französisch. Auf dem Schuldschein einer Schnapsbrennerei am St.-Lorenz-Strom, der Distillerie de St. Denis, wurde anno 1837 das Abbild eines spanischen Dollars abgedruckt: komplett mit Krone und Säulen des Herkules.

Selbst in England wurde zeitweise der Spanish Dollar verwendet: 1797 kam es zu einem Ansturm auf die Bank of England, aus verbreiteter Furcht, Napoleon stehe kurz vor der Invasion der Insel. Auf das Abbild des spanischen Königs Carlos IV wurde, ganz klein, das Konterfei von George II gestempelt. Das Volk lästerte: «The head of a fool on the neck of an ass» (der Kopf eines Narren auf dem Nacken eines Esels). Die Bank of England verlieh diesem umgestalteten Spanish Dollar den Wert von vier Schilling plus neun Pence.

Der Spanish Dollar war auch in den britischen Karibikkolonien, den West Indies, gesucht. Häufig wurden die Münzen in Stücke geschnitten, um so kleineren Cash zu erhalten; zudem wurden Umprägungen vorgenommen, um die Ausfuhr des knappen Bargelds zu verhindern.

Die erste australische Münze war der «Holey Dollar», nicht etwa der heilige, sondern gelochte Dollar: Aus der Mitte eines Spanish Dollar wurde ab 1812 eine kleine runde Münze ausgestochen und auf 15 Pence geprägt, der übrigbleibende Rand erhielt ebenfalls eine neue Prägung und galt fortan als fünf Schillinge. In China stempelten Händler Spanish Dollars mit ihren Schriftzeichen. Der Hongkong Dollar wie auch der Yuan gehen auf die spanische bzw. mexikanischen Münze zurück. Ein fernes Echo war die Banknote über «Dix Piastres/Ten Mexican Dollars Local Currency», die 1912 von der Sino-Belgian Bank in Schanghai herausgegeben wurde. Umprägungen gab es auch in anderen Ländern Ostasiens sowie in Arabien.

Bit, Two-Bit, Bitcoin

Erst mit dem Inkrafttreten des Coinage Act 1857 war der Spanish Dollar in den USA kein gesetzliches Zahlungsmittel mehr. Im Verlauf des Sezessionskriegs (1861 bis 1865) wurden die ersten Dollarnoten herausgegeben. Die Epoche des Spanish Dollar – ein Schmiermittel in der Globalisierung des Handels – ging zu Ende; der Aufstieg des amerikanischen Dollars begann.

An den Börsen von Toronto und New York wirkte der Spanish Dollar, das Piece of Eight, jedoch noch lange nach. In den Kursen wurden die Cent-Beträge nach dem Komma in Viertel, Achtel oder Sechzehntel angegeben, in Toronto bis 1996, in New York gar bis 2001. Erst dann stellten diese Handelsplätze auf das Dezimalsystem um. Die Achterreihe geistert noch durch den von aberwitziger Inflation entwerteten venezolanischen Bolívar: Es gibt Münzen über 12½ Centimos.

Die Einteilung in Achtel hat sich tief im amerikanischen Alltag festgesetzt. Ein Achtel (12,5 Cent) ist ein Bit, Two Bits sind 25 Cent bzw. ein Vierteldollar. Die Wendung «two-bit» steht synonym für schäbig, billig, unbedeutend.

Mit dem «Bit» in Bitcoin hat das nichts zu tun. Dieses Bit ist ein unverdächtiges Kunstwort aus «Binary Digit».

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