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Detroit drückt wieder kräftig aufs Gaspedal

Die amerikanische Automobilindustrie feiert ein eindrückliches Comeback und bolzt neue Absatzrekorde. Doch jetzt wird die Strecke für General Motors, Ford und Chrysler anspruchsvoller.

Von null auf hundert in sieben Jahren: Seit dem Stillstand während der Wirtschaftskrise hat die US-Automobilindustrie einen spektakulären Turnaround vollzogen und läuft wieder auf vollen Touren. Mit über 17,4 Mio. hat der Fahrzeugabsatz in den USA im vergangenen Jahr gar einen neuen Spitzenwert erreicht. Vor allem grosse, bullige Fahrzeuge sind wieder gefragt. Zugute kommt das vor allem den drei heimischen Herstellern aus Detroit. Nach dem gelungenen Comeback stellt sich nun die Frage: Können sie dieses Tempo halten?

«Es war ein starkes Jahr, das wir mit Rekorden im Absatz und im Gewinn abgeschlossen haben. Zudem konnten wir in substantiellem Masse Mittel an unsere Aktionäre zurückführen», sagte Mary Barra, CEO von General Motors (GM 37.10 -2.90%), Anfang Monat zum grundsoliden Geschäftsabschluss.

Der US-Branchenleader setzte im vergangenen Jahr 152 Mrd. $ um (währungsbereinigt: +3,7%) und erhöhte den Gewinn von 2,8 auf 9,7 Mrd. $. Gut unterwegs war auch der Lokalrivale Ford (F 9.62 -1.23%), der im Heimmarkt einen neuen Bestwert bei den Verkäufen erzielte und Investoren eine Sonderdividende von gesamthaft 1 Mrd. $ ausschüttet. Chrysler ist der kräftigste Gewinnmotor von Fiat Chrysler Automobiles. In Nordamerika hat die Gruppe das operative Ergebnis letztes Jahr auf 4,5 Mrd. € erhöht, was rund 90% des gesamten Konzerngewinns entspricht.

Gelungen ist auch der Start ins laufende Jahr. Annualisiert sind die Fahrzeugverkäufe im Januar weiter auf 17,6 Mio. gestiegen, an der Autoshow in Detroit dominierte Zuversicht. Neue Technologien sorgen für Begeisterung, und der Benzinpreis hat sich mehr als halbiert. Entsprechend rund läuft es den US-Herstellern in ihrer traditionellen Kerndomäne mit margenstarken Kraftpaketen wie dem Ford F-150, dem Chevrolet Silverado oder dem Ram Pickup von Dodge. Gemäss dem Datendienst WardsAuto beträgt der Anteil leichter Trucks am Absatzvolumen inzwischen fast 60%.

Erfolgreich restrukturiert

«Es ist verblüffend, wie erfolgreich sich die Branche restrukturiert hat. Dass der Prozess so schnell verlaufen wird, hätte in der Krise niemand gedacht», sagt Christopher Preuss vom Autozulieferer Delphi.

Nachdem der internationale Konkurrenzdruck und hohe Produktionskosten die Margen der US-Hersteller über Jahrzehnte erodiert hatten, kam es Ende 2008 zum fatalen Crash. Die jährlichen Autoverkäufe in den USA brachen 40% auf weniger als 11 Mio. ein und viele Werke standen über Monate still. GM und Chrysler flüchteten sich unter Gläubigerschutz und mussten mit Staatsgeldern am Leben gehalten werden. Das gleiche Schicksal hätte auch Ford ereilt, wenn sich der Konzern kurz vor der Rezession nicht eine grössere Kreditlinie gesichert hätte.

«Es ging nicht mehr um Profitabilität, sondern nur noch ums Überleben», erinnert sich Glenn Stevens vom Branchenverband MICHAuto in Michigan. «Das hat der Industrie die Chance eröffnet, ihre Strukturen erheblich zu verschlanken», fügt er an. In einer rigorosen Aufräumaktion schlossen GM, Ford und Chrylser fast 40% ihrer Werke in den USA, wobei es die Zulieferer noch härter traf.

Bereits ab 2010 arbeitet die Branche wieder profitabel. Die US-Regierung entliess General Motors mit einem Rekord-IPO zurück an die Börse und verkaufte ihre Chrysler-Anteile an Fiat. Für Ford war das Revival aus eigener Kraft im Frühjahr 2011 komplett, als sie von der Ratingagentur Fitch wieder zu einem Schuldner mit Investmentqualität hochgestuft wurde.

Schleudergefahr steigt

Wie robust die US-Automobilindustrie heute wirklich ist, wird sich womöglich bald zeigen. Bisher waren die Strassenbedienungen freundlich. Der Markt ist sechs Jahre in Folge gewachsen, was letztmals in den Zwanzigerjahren der Fall war.

Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der Zyklus bald dreht. Auch häufen sich die Anzeichen, dass die Gesamtwirtschaft an Schwung verliert. Das wird die Autobauer bremsen, spüren sie Konjunkturveränderungen in der Regel doch besonders früh und heftig. An der Börse sind Investoren bereits nervös. Die Aktien von General Motors und Ford haben seit Anfang Jahr mehr als 10% an Wert verloren, auch wegen der Unsicherheit in China.

Als weitere Schikane könnte sich der wachsende Stress am Finanzmarkt erweisen. Günstige Kreditbedingungen haben vielen Amerikanern den Autokauf in den letzten Jahren erleichtert. Gemäss Daten des New York Fed ist das Gesamtvolumen an Autokrediten seit 2010 von 700 auf über 1000 Mrd. $ gestiegen. Deutlich zugenommen hat dabei der Anteil von Subprime-Darlehen an Schuldner minderer Kreditqualität – ein Trend, der an die Blase im US-Häusermarkt erinnert.

Dazu kommt, dass die Branche wieder mehr auf Kaufanreize zurückgreift. «Wir werden 2016 zwar ein weiteres Jahr mit Wachstum sehen», denkt Steven Szakaly, Chefökonom des Autohändlerverbands NADA. «Das aber nur, weil die Kunden mit immer mehr Rabatten in die Showrooms gelockt werden. Die grosse Sorge ist deshalb, dass wir damit den Absatz künftiger Jahre abgraben.»