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Deutsch-britisches Duell um Fintech-Poleposition

London fürchtet um die Vormachtstellung in der Finanztechnologie. Die Investitionen sind bereits deutlich gesunken.

Die grösste Gefahr droht der Fintech-Hauptstadt London derzeit aus Deutschland. Frankfurt und vor allem Berlin sind gerade in diesem Bereich gut aufgestellt. Verschiedene befragte Start-up-CEO bestätigen, dass die deutsche Aufsichtsbehörde BaFin Jungunternehmen mindestens so gut unterstützt wie der britische Regulator.

Gleichzeitig ist dort der Zugang zum Markt in der Europäischen Union nicht in Gefahr.«Ich kenne einige, die einen solchen Umzug ins Auge fassen», sagt Jak May vom Datenvisualisierungsanbieter Dexi.io.

Grösster Fintech-Hub in Singapur

Auf internationaler Basis ist Singapur auf dem Weg, grösster Konkurrent von London zu werden. Einerseits hilft die Nähe zum immer wichtiger werdenden chinesischen Markt, andererseits arbeiten im Stadtstaat die Behörden, der Regulator sowie die Zentralbank eng zusammen, um beste Voraussetzungen für Start-ups zu bieten.

Erst kürzlich wurde dort mit dem Lattice80 der weltweit grösste Fintech-Hub aus dem Boden gestampft, in welchem mehrere Dutzend Start-ups die Möglichkeit finden, sich weiterzuentwickeln. Das Center wurde in enger Zusammenarbeit mit der Monetary Authority of Singapore (MAS) geplant – als weiterer Schritt in die digitale Zukunft Singapurs.

Zurückhaltung von Investoren

Kein Wunder, gibt es in der britischen Hauptstadt derzeit keinen Anlass in der Finanzbranche, an dem der EU-Austritt nicht zu den wesentlichen Programmpunkten gehört. Die Furcht vor dem Verlust des Zugangs zum europäischen Markt und die damit verbundene Gefahr einer Abwanderung von jungen aufstrebenden Unternehmen sind gross.

Das zeigte sich auch am Dienstag, als sich die Londoner Fintech- und Bankenszene zum Branchenausblick an der Themse traf. Beim «The Telegraph Future for Fintech» wurde mehrfach über die künftige Rolle Londons im Fintech-Bereich diskutiert – mit deutlichen Voten.

Spürbar sei bereits heute eine gewisse Zurückhaltung bei der Finanzierung von Start-ups in London, sagt Christian Rieche, ein ehemaliger Investmentbanker und der heutige CEO der KMU-Kreditplattform Iwoca. Heute würden die Weichen für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre gestellt. «Die Unsicherheiten, die derzeit London beherrschen, sind für das Geschäft negativ», sagt er.

Global ungebremstes Wachstum

Diese Befürchtungen zeigen sich auch bereits in ersten Zahlen. Im dritten Quartal 2016 brachen die Investitionen von Risikokapitalgebern gegenüber der Vorjahresperiode um ein Viertel ein. Das zeigen Zahlen des britischen Fintechverbands Innovate Fintech.

Auch auf das Gesamtjahr gesehen hinkt London dem Vorjahr hinterher. 2015 wurden in London noch über 1,1 Mrd. £ in Start-ups investiert, dieses Jahr ist es nach neun Monaten knapp die Hälfte.

Global hingegen wächst der Fintech-Bereich ungebremst. Dieses Jahr wurde bereits nach neun Monaten die Vorgabe von 2015 übertroffen. Gleichzeitig sammelten Fintech-Start-ups erstmals über 15 Mrd. $ an Investorengeldern.

Nähe zu Banken als Vorteil

Andere Grössen im Londoner Fintech-Bereich setzen hingegen darauf, dass die Nähe zwischen den grossen Investmentbanken und Fintech-Jungunternehmen in dieser Art in Europa nur in London zu haben ist.

Alle grösseren Banken finanzieren die sogenannten Start-up Accelerators – ein Umfeld, in dem sich Jungunternehmen mit Unterstützung von Coaches weiterenwickeln können – oder haben wie J.P. Morgan gar selbst ein Mentorenprogramm. Bei der US-Investmentbank erhalten die Start-ups einen eigenen Arbeitsplatz im Handelsraum, um die Nähe zwischen den jungen Wilden und den erfahrenen Profis sicherzustellen.

Bemerkenswert ist, dass seit Juni auch die britische Notenbank als Starthelfer operiert. Die Bank of England hat selbst einen Fintech Accelerator ins Leben gerufen und alimentiert ihn mit 0,5 Mio. £ pro Jahr.