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Deutsche Autobauer ziehen Europa runter

Industrieunternehmen legen im April Produktionsanlagen besonders im Autobau still. Die Prognosen der Bankvolkswirte für das zweite Quartal sinken kräftig.

Mit den Lockerungsschritten in vielen Ländern Europas richtet sich der Blick darauf, wann der Abwärtssog in den Volkswirtschaften endet. Ökonomen hoffen und sagen voraus, dass die Wirtschaftsleistung bereits im Sommerquartal wieder zu wachsen beginnt. Sicher ist das jedoch noch nicht: Gerade wenn der Tiefpunkt in der Indus­trie erst im Juni oder etwa später erreicht werden würde, könnte auch für das dritte Quartal noch ein Minus stehen.

Aktuell versuchen die Volkswirte die Tiefe des Einbruchs im laufenden Frühjahrsquartal abzuschätzen, dabei nutzen sie neben Umfragewerten auch Echtzeitdaten (zum Beispiel den Stromverbrauch oder das Transportvolumen), die auf täglicher oder wöchentlicher Basis Ergebnisse liefern. Die ersten «harten» Konjunkturdaten der amtlichen Statistiker in Europa werden erst Ende Mai für den Monat April erwartet. So schätzt auch die Konjunkturforschungsstelle Kof in Zürich basierend auf Tageswerten die Arbeitslosenquote in der Schweiz aktuell auf 3,2%, einen halben Punkt höher als im März. Andere Ökonomen nutzen Google-Abfragen oder werten Medien aus.

Extreme Unsicherheit

Prognosen bleiben für viele Volkswirte in den Banken oder den Instituten besonders schwierig. Für die Eurozone rechnen sie gemäss Umfrage des Finanzdienstleisters Bloomberg derzeit mit einem Einbruch des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Mittel von 8,1% für das laufende zweite Quartal. Viele Vorhersagen sind aber noch vom April. Auffallend sind die jüngeren Prognosen aus diesem Monat, die negative Spitzenwerte von 25% (RBC) vorhersagen, UniCredit schätzt –21%. Im ersten Quartal war das BIP des Währungsraums bereits um 3,8% gesunken.

Einen guten Eindruck der Dynamik liefern die Befragungen von Unternehmen, die nationale Forschungsinstitute im Auftrag der EU durchführen. Zu Beginn jedes Quartals werden wie jetzt im April die ­Manager befragt, wie stark sie ihre Produktionsanlagen noch auslasten können. Die entsprechende Kapazitätsauslastung fliesst nicht nur in viele Prognosemodelle der Fachleute ein. Mit den Aprildaten lässt sich zumindest für die Industrien der jeweiligen Länder der aktuelle Einbruch mit dem in der Finanzkrise vergleichen.

Bemerkenswert ist, dass Deutschlands Industrie sich noch leicht über dem Tiefpunkt in der Finanzkrise hält. Im Vergleich zum Januar ging es im April 11,5 Prozentpunkte (Pp) abwärts auf 71,4%. Nach dem Lehman-Schock 2008 hatte es noch ein Dreivierteljahr gedauert, bis Unternehmen ihre Auslastung um 15 Pp senkten. Im Juli 2009 lag sie sogar 19 Pp unter dem Stand von Anfang 2008.

Dagegen wird Frankreichs Industrie stärker getroffen als die deutsche und als nach der Lehman-Pleite. Im April fiel die Auslastung der französischen Hersteller um 14,1 Pp im Vergleich zum Januar: weniger als im Tiefpunkt der Finanzkrise.

Etwas milder verlief der Einbruch in Spanien, wo die Auslastung um 10 Pp ­absackte. Mit 70% Auslastung waren dies mehr als auf dem Tiefpunkt in der Finanzkrise und auch mehr als während der Eurokrise, als Sparprogramme der Regierung das Wirtschaftswachstum abwürgten. Selbst die Dienstleister Spaniens ­halten sich besser als in der Eurostaatsschuldenkrise, was für Frankreich nicht zutrifft. Auch Deutschlands Dienstleister  liegen unter dem Tiefpunkt der Eurokrise, allerdings gab es dort damals auch keine Sparprogramme der Regierung.

Aus Italien, immerhin der drittgrössten Volkswirtschaft der Eurozone, fehlen die Umfragewerte im April. Für die Schweiz lassen sich die Angaben noch nicht vergleichen, weil die Kof hier die Unternehmen nicht nach der aktuellen Auslastung befragt, sondern so wie früher auch in der EU jeweils nach den drei Monaten zuvor. Damit zeigen die Kof-Daten zuletzt den Durchschnitt für Januar bis März. Aber bereits hier zeigt sich, dass der Bau seine Auslastung um 5 Pp zurückgefahren hat, während die Dienstleister (nach unbereinigten Daten) ihre Anlagen um knapp 9 Pp weniger auslasteten als in den letzten drei Monaten 2019. Die ­Industrie blieb noch weitgehend stabil, ihr Einbruch dürfte erst in der Juli-Umfrage voll zutage treten.

Auffallend unter den Industriebranchen Deutschlands, die für viele Zulieferer auch aus der Schweiz oder Österreich wichtig sind: Die Autohersteller haben ihre Produktionsanlagen im April mit 48% so wenig ausgelastet wie noch nie seit der deutschen Einheit. Damit wurde der Tiefpunkt der Finanzkrise mit 62,5% erheblich unterschritten. Die Durchschnittsauslastung in Zeiten ohne Rezession liegt zum Vergleich bei 89%.

Je nachdem, wie lange es dauert, bis die Industrie und die Dienstleister ihre Produktionsanlagen erneut besser auslasten, wird das die weitere Investitionsdynamik und damit den Arbeitsmarkt noch stärker bremsen. So ist gibt es in anderen wichtigen Branchen der deutschen Industrie zumindest Hoffnungsschimmer: Im Maschinenbau, in der Chemie und der Elektroindustrie war der Einbruch bislang nur rund halb so gross wie in der Finanzkrise.

Starker Einbruch erwartet

Die Statistiker in Deutschland meldeten am Freitag, dass das BIP mit –2,2% im ­ersten Vierteljahr weniger stark eingebrochen sei als im Rest der Eurozone. Von Bloomberg befragte Ökonomen rechnen im Mittel zwar noch immer mit «nur»  –7,7% für das laufende Quartal. Doch senken gerade viele Volkswirte ihre Vorher­sagen: Das Ifo-Institut erwartet –12%, die Deutsche Bank –14%, und am düstersten ist die Prognose von UniCredit, wo die Volkswirte einen Rückgang um 18,5% vorhersagen. Im April allein sei das BIP um 26% im Vergleich zum Vormonat eingebrochen, schreibt in Frankfurt UniCredit-Ökonom Andreas Rees.

Für die Schweiz liegt der Bloomberg-Konsens aktuell noch bei –6,8%, wobei auch hier noch viele Vorhersagen veraltet sind. Unter den Prognosen für die Schweiz vom Mai fällt UniCredit mit –19% auf, HSBC rechnet mit –13%. Für Österreich sagt UniCredit Bank Austria –15,5% im zweiten Quartal voraus.


Echtzeitdaten für die Schweiz


Die Schweiz gehört mit ihren Wirtschaftsstatistiken zu den Nachzüglern in Europa. Während im Euroraum oft schon lange Daten vorliegen, müssen die Schweizer noch warten, bis beispielsweise das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die neuesten Wachstumszahlen veröffentlicht. Die Coronakrise macht das Leben für professionelle Konjunkturbeobachter und ­damit auch für Anleger und alle Interessierten noch schwieriger.

Die Fachleute versuchen sich daher, mit Echtzeitdaten zu helfen. Die Konjunkturforschungsstelle Kof schätzt zum Beispiel die Arbeitslosenquote anhand von Abrufen im Internet: Aktuell erkennt es einen Anstieg um einen halben Prozentpunkt auf 3,2%. Die Ökonomen schauen sich dabei an, wie oft Profile von Stellensuchenden auf einer Arbeitsvermittlungsplattform eingesehen werden. Zudem stellt das Kof die Daten allen zum Download frei. Dort ist mit Blick auf das Virus neben bekannten Daten (Aussenhandel, Unternehmensumfragen, Containerumschlag) auch ein Indikator zu finden, der das Mobilitätsverhalten der Schweizer Bevölkerung misst. Die neueste Prognose des Kof für das zweite Quartal liegt bei –10% im Vergleich zum Vorquartal, das wird von Bankvolkswirten aber übertroffen.

Auf Googleabfragen bestimmter Suchbegriffe basiert das Projekt TrendEcon.org. Es hat gerade nach eigenen Angaben eine Finanzierung auf dem schweizweiten virtuellen Hackathon «Versus Virus» gewonnen. Die Gruppe versucht, die Verbraucherstimmung in der Schweiz besser als bisher zu messen und damit mit traditionellen Wirtschaftsindikatoren zu vergleichen. Auch bei diesem Projekt stehen die saisonbereinigten Daten zum freien Download bereit. Neben der wahrgenommenen Wirtschaftslage gibt es eine Reihe von Indikatoren, die z.B. auch die Mobilität in der Schweiz, die Reistätigkeit im Ausland, Suchen nach Kulturevents oder den Bedarf nach Luxusgütern sowie anderen Konsumprodukten messen.

Ein Echtzeitprojekt zur Schätzung der Schweizer Wirtschaftsleistung haben die Ökonomen Marc Burri und Daniel Kaufmann entwickelt. Sie nennen es eine «tägliche Fieberkurve für die Schweizer Wirtschaft (F-Curve)». Die Berechnungen basieren auf öffentlich verfügbaren Finanzmarktdaten und Onlinetexten von Schweizer Medien wie der FuW oder dem «Tages-Anzeiger». Die Kurve ist unter github.com/dankaufmann/f-curve zu finden und sagt aktuell einen Rückgang des BIP im zweiten Quartal von 3,7% voraus. Das wäre deutlich weniger stark als die Kof-Prognose.