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Deutsche Bank und Commerzbank verhandeln über Fusion

Nach langen Spekulationen ist es nun offiziell: Die beiden deutschen Finanzinstitute loten in Sondierungsgesprächen einen Zusammenschluss aus.

(Reuters) Das lang erwartete Endspiel unter den deutschen Grossbanken rückt näher: Deutsche Bank (DBK 6.397 -0.93%) und Commerzbank (CBK 6.831 0.62%) haben offiziell mit Sondierungsgesprächen über eine Fusion zu einem neuen Frankfurter Riesen-Institut begonnen, wie die zwei grössten deutschen Geschäftsbanken am Sonntag nach getrennten Sitzungen ihrer Vorstände mitteilten. Über die Aufnahme solcher Gespräche war zuletzt immer wieder spekuliert worden. Am vorigen Wochenende war durchgesickert, dass die beiden Bank-Chefs Christian Sewing und Martin Zielke im kleinen Kreis einen Zusammenschluss prüfen.

Nun gehen die beiden einen Schritt weiter. Die Deutsche Bank teilte mit, das Top-Management habe beschlossen, strategische Optionen zu prüfen. «Diese Optionen wird der Vorstand daraufhin bewerten, ob sie Wachstum und Profitabilität der Bank stärken. In diesem Zusammenhang bestätigen wir, dass Gespräche mit der Commerzbank geführt werden.» Es gebe «keine Gewähr», dass es am Ende zu einer Transaktion komme. Die Commerzbank erklärte, es handele sich um «ergebnisoffene Gespräche». Deutsche-Bank-Chefsprecher Jörg Eigendorf sagte in einem TV-Statement, die Gespräche würden eine Weile dauern. «Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.»

Ziel starkes Kapitalmarktgeschäft

Deutsche-Bank-Chef Sewing schrieb in einer Nachricht an die Mitarbeiter, die Konsolidierung der Bankenbranche in Deutschland und Europa sei für ihn ein wichtiges Thema. Zwar habe er eigentlich zuerst die Hausaufgaben der Bank angehen wollen. «Gleichzeitig müssen wir uns aber dann mit Gelegenheiten beschäftigen, wenn sie sich bieten.» Man werde deshalb alle Gelegenheiten sorgfältig prüfen. Ziel sei und bleibe es, «eine globale Bank mit einem starken Kapitalmarktgeschäft zu sein – basierend auf einer führenden Position in unserem Heimatmarkt Deutschland und Europa und mit einem weltweiten Netzwerk.» Er versprach, «ausschließlich wirtschaftlich sinnvolle Optionen» zu verfolgen. Die Erfahrung zeige, «dass es viele wirtschaftliche und technische Gründe geben kann, die einem solchen Schritt entgegenstehen können».

Sollte das Vorhaben glücken, entstünde die mit Abstand grösste deutsche Bank mit rund 38 Mio. Privat- und Firmenkunden, anfänglich rund 140.000 Mitarbeitern, 1400 Filialen in Deutschland, einem Marktanteil von rund 20% und einer Bilanzsumme von fast zwei Billionen Euro. In Europa wäre das nach der britischen HSBC (5 659.1 0.06%) und der französischen BNP Paribas das drittgrösste Institut. An der Börse wäre das fusionierte Geldhaus aktuell aber nur 25 Milliarden Euro wert – HSBC und BNP bringen es auf 145 und 55 Mrd. €.

«Mit allen in Kontakt»

Das Vorhaben wird auch von der Bundesregierung unterstützt – insbesondere von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und seinem Staatssekretär Jörg Kukies, dem früheren Deutschland-Chef von Goldman Sachs (GS 191.97 -1.82%). Die Behörde erklärte: «Das Bundesfinanzministerium nimmt die Entscheidung der beiden Privatbanken, über die Möglichkeiten einer engeren Kooperation ergebnisoffen zu sprechen, zur Kenntnis. Wir stehen mit allen Beteiligten regelmässig in Kontakt.» Der Bund ist seit der Finanzkrise mit nun noch rund 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt. Die Grünen wollen, dass der Bundestag bei einer Fusion mitredet. Von der CSU kam die Forderung nach einem Ausstieg des Staates bei der Commerzbank vor einer Fusion.

Wichtige Anteilseigner der Deutschen Bank sind nicht überzeugt, dass eine Fusion Sinn ergibt. Allerdings hatte der Finanzinvestor Cerberus, der Anteile an beiden Instituten hält, zuletzt seine Zustimmung zu einem Deal signalisiert. Die Gewerkschaften laufen Sturm gegen einen Zusammenschluss, weil dieser mit dem Abbau von mehreren zehntausend Stellen verbunden sein dürfte. Experten gehen davon aus, dass mindestens 30.000 Stellen wegfallen dürften.

Stephan Szukalski, Chef der Bankengewerkschaft DBV, erneuerte seine Kritik. «Unsere Einschätzung, dass eine Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank zum jetzigen Zeitpunkt ein grosser Fehler wäre, ist unverändert», sagte er dem «Handelsblatt». Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist klar gegen das Vorhaben: «Wir lehnen eine mögliche Fusion beider Häuser mit Blick auf die Gefährdung von Zehntausenden Arbeitsplätzen ab», erklärte Gewerkschafter Jan Duscheck, der auch im Aufsichtsrat der Deutschen Bank sitzt.

Am Donnerstag soll das Thema in den Kontrollgremien beider Konzerne diskutiert werden, auch wenn es bislang nicht auf den offiziellen Tagesordnungen steht. Rein rechtlich gesehen müssten die Aufsichtsräte erst ganz am Ende der Verhandlungen zustimmen.

Beide Banken stehen nicht gut da – vor allem im internationalen Vergleich. Der Deutschen Bank war 2018 nach drei Verlustjahren in Folge zwar die Rückkehr in die Gewinnzone gelungen, allerdings schwächelt das wichtige Investmentbanking weiterhin. Die Commerzbank schrieb zwar schwarze Zahlen, musste aber ihre mittelfristigen Gewinnziele zuletzt kassieren. Der erst seit vergangenem April amtierende Deutsche-Bank-Chef Sewing hat dem einstigen Vorzeigeinstitut eine Rosskur verordnet, in deren Rahmen tausende Stellen gestrichen wurden und werden und das Institut seine Investmentbank eindampft, die seit Jahren der Konkurrenz vor allem aus den USA hinterherläuft.

Heftige Kritik an einer möglichen Fusion kam am Sonntag unter anderem vom früheren Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick, der nun Vorstand der Bürgerbewegung «Finanzwende» ist: «Wir sehen hier keinen nationalen Champion, sondern eine wankende Zombiebank, die zu einem weiteren Milliardengrab für den deutschen Staat führen kann.»

Deutsche Bank und Commerzbank sind die letzten beiden verbliebenen deutschen Grossbanken. Die Commerzbank hatte die Dresdner Bank übernommen, die Deutsche Bank integriert gerade die Postbank. Die Münchener HypoVereinsbank (HVB) wurde vor einigen Jahren von der italienischen Grossbank Unicredit geschluckt. Alle diese Übernahmen waren mit grossen Arbeitsplatzverlusten verbunden. Bei einer Fusion in Frankfurt drohen zudem Kapitallöcher, weil dann in den Bilanzen schlummernde Lasten aufgedeckt würden. Problematisch sind unter anderem Staatsanleihenbestände bei der Commerzbank und der riesige Derivatebestand der Deutschen Bank.

Ein entstehendes Kapitalloch könnte durch eine Kapitalerhöhung gestopft werden, allerdings hat die Deutsche Bank ihre Aktionäre in den vergangenen Jahren bereits mehrfach um Geld anpumpen müssen. Analysten zweifeln daher, dass die Grossaktionäre nochmals ihr Portemonnaie öffnen. Denkbar wäre auch ein Verkauf von Teilen der Bank. Vor allem an der Fondstochter DWS soll es Interesse anderer Vermögensverwalter geben.

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