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«Deutsche Konjunktur wird 2015 an Fahrt gewinnen»

Joachim Scheide, Prognosechef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, spricht im Interview mit FuW über die deutschen Konjunkturaussichten, die Folgen der Sanktionen und die Bilanz der grossen Koalition.

Dieter W. Heumann

Deutschland hat in Europa den Ruf des unbeliebten Musterschülers, der die Partnerstaaten zu schmerzhaften Strukturreformen drängt, aber auch den der willkommenen Konjunkturlokomotive, die dafür sorgt, dass sich wirtschaftlich überhaupt noch etwas bewegt. Nun steht auch sie still. Zum Glück nicht lange, ist Joachim Scheide überzeugt. Er leitet das Prognosezentrum des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

Herr Professor Scheide, die deutsche Konjunktur ist im zweiten Quartal leicht geschrumpft. Wie geht es weiter?
Die aktuellen Daten sehen etwas besser aus. Das IfW rechnet für das dritte Quartal mit einer schwarzen Null beim gesamtwirtschaftlichen Wachstum. Alles in allem erlebte Deutschland im Sommerhalbjahr also eine ausgeprägte Konjunkturdelle, aber von Rezession kann keine Rede sein. Weder ist eine Unterauslastung der Produktionskapazitäten zu beobachten noch eine steigende Arbeitslosigkeit.

Ist das zu Jahresbeginn erwartete Wachstum von 2% für 2014 noch zu erreichen?
Die meisten Prognosen bewegen sich derzeit bei circa 1,5%. Das impliziert, dass es im vierten Quartal bereits wieder besser aussieht, der Abschwung im Euroraum nicht an Fahrt gewinnt und die Ukrainekrise sich nicht zuspitzt.

Wie sehr belastet der Ukrainekonflikt die deutsche Konjunktur?
Uns liegen derzeit nur die Aussenhandelszahlen bis zum Juli vor. Sie spiegeln die im Sommer verfügten Sanktionen noch nicht. Aber vermutlich ist der Effekt der Sanktionen mit einem oder zwei Zehnteln des BIP nicht dramatisch. Zusätzlich gilt es jedoch die Nichterfüllung von Verträgen mit Russland zu beachten: Deutschland wird international teilweise Vertragsbruch vorgeworfen. Das zieht zusätzliche negative Folgen nach sich, die heute noch unabsehbar sind.

Wird der russische Markt aufgrund des politischen  Konflikts für deutsche Unternehmen auf längere Zeit verloren sein, und sollten Unternehmen versuchen, Märkte in anderen Regionen zu erschliessen ?
Das wird von deutschen Unternehmen bereits getan. Es wird noch lange dauern, bis sich das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland wieder normalisiert. Gerade für mittelständische Unternehmen dürfte es schwierig werden, diese lange Durststrecke durchzuhalten.

Zurück zur deutschen Konjunktur: Einige Institute gehen davon aus, dass nächstes Jahr die ursprünglich für 2014 prognostizierten 2% Wachstum erreicht werden.
Das halte ich durchaus für möglich. In der Bundesrepublik ist im Prinzip ein kräftiger Aufschwung angelegt, vor allem aufgrund der Niedrigzinspolitik. Der Aufschwung wird 2015 wieder an Fahrt gewinnen und in die Nähe von 2% Wachstum kommen – vorausgesetzt, die genannten Krisen verschärfen sich nicht.

Welche Rolle spielt der Konsum?
Der Konsum wird 2014 und 2015 so kräftig steigen wie seit Jahren nicht mehr. Der Arbeitsmarkt ist sehr robust. Ferner sehen wir relativ hohe Lohnabschlüsse, aber eine immer noch niedrige Inflation, sodass die Realeinkommen zulegen.

Wie werden sich die Exporte und die Ausrüstungsinvestitionen entwickeln ?
Die Exporte werden leicht anziehen, auch dank der deutlichen Abwertung des Euros zum Dollar. Die Ausrüstungsinvestitionen  haben einen deutlichen Dämpfer erlitten. Für 2015 erwarten wir, dass sich wieder eine lebhaftere Investitionstätigkeit der Unternehmen durchsetzen wird.

Wird sich der Euro zügig in Richtung 1.20 $ bewegen ?
Bis 1.20 $ für 1 € ist es noch ein grosser Schritt. Aber die EZB signalisiert, dass sie einen niedrigeren Eurokurs für wünschenswert hält. Wie weit ihr das gelingt, ist offen, denn andere Länder, wie Japan oder die USA, sehen ihre Währungen ungern aufgewertet. Sie müssen um ihre  Exporte bangen. Die Gefahr eines Abwertungswettlaufs ist nicht auszuschliessen. Die EZB betreibt nun offenbar doch eine Wechselkurspolitik. Das ist kritisch zu sehen: Mit der Abwertung verteuern sich die Importe – zum Nachteil von Konsumenten und Unternehmen.

Sie erwarten wieder anziehende Investitionen – doch auch die sind in den letzten Monaten schwach ausgefallen.
Es ist wirtschaftlich unsicherer geworden auf der Welt, und das belastet die Investitionsbereitschaft: Politisch dominiert die Angst vor einer Zuspitzung des Ukrainekonflikts. In der Eurozone ist die konjunkturelle Entwicklung sehr schwach. Zudem schwächeln auch einige Schwellenländer. Das drückt hierzulande auf das Geschäftsklima. Im zweiten Halbjahr dürften die Ausrüstungsinvestitionen daher nur mässig ausgeweitet werden. Für 2015 gehen wir dagegen von einem Anstieg von gut 8% aus: Die Industrie – vor allem Konsumgüterhersteller – stösst an ihre Kapazitätsgrenzen. Auch am Bau wird der Aufschwung anhalten.

Was steckt hinter der hartnäckigen Konjunkturflaute im Euroraum?
Vor allem wirkt die Stagnation in den grossen Volkswirtschaften Frankreich und Italien belastend, ebenso wie ihre Weigerung, nachhaltige Reformen auf den Weg zu bringen. Auch ist die Krise im Euroraum keineswegs gelöst. Das zeigt sich im Bankensektor. Spanische und italienische Banken schieben einen hohen Anteil notleidender Kredite vor sich her. Für 2014 erwarten wir einen BIP-Anstieg von nur 0,7% im Euroraum. 2015 dürften es 1,3% werden. Insgesamt bleiben die Wachstumsaussichten für die nächsten Jahre gering.

Um die Konjunktur anzukurbeln, will die Europäische Zentralbank ab Oktober von den Banken in der Eurozone Kredite ankaufen. Was halten Sie von dieser Massnahme?
Damit geht die EZB, wenn es dazu kommen sollte, ein erhebliches Risiko ein. Erinnert sei an die jüngste Finanzkrise: Die Aktion macht nur Sinn, wenn die EZB gerade die Problemkredite der Banken aufkauft. Denn nur so werden die Banken von ihren hohen Kreditrisiken entlastet und sind in der Lage, wieder neue Kredite zu vergeben. Fraglich ist, ob die EZB überhaupt dazu legitimiert ist, so hohe Risiken zu übernehmen, für die letztlich der Steuerzahler aufkommen muss.

Befürchten Sie Deflation?
In der Eurozone ist die Inflation derzeit  sehr niedrig, weil das gesamtwirtschaftliche Wachstum fehlt und weil sich einige Eurostaaten in einem strukturellen Anpassungsprozess befinden. Eine Deflationsspirale droht deshalb nicht. Mit allmählich anziehender Konjunktur wird die Inflation auch wieder an das Ziel von nahe 2% aufschliessen.

Wie beurteilen Sie die deutsche Wirtschaftspolitik? Braucht es wachstumsorientierte Reformen?
Die jetzige Bundesregierung hat zwei grosse Reformen auf den Weg gebracht: den Mindestlohn und die Rente mit 63. Aber diese Reformen werden mittelfristig Wachstum und Beschäftigung kosten, und sie werden den Lebensstandard einschränken. Der Lohn wird bei einer grossen  Gruppe von Arbeitnehmern um 20 bis 30% steigen: Das führt zum Verlust von Arbeitsplätzen. Die Rente mit 63 wird offenbar in grossem Stil angenommen. Das wird neben der Rentenversicherung auch das Wachstum des Produktionspotenzials belasten, das ohnehin schon seit Jahren nur sehr moderat ausfällt.

Wie lautet Ihr Rat an die Bundesregierung?
Keine weiteren Reformen, denn im Koalitionsvertrag ist wirtschaftliche Umverteilung festgeschrieben. Sie mag politisch und sozial gerechtfertigt sein und auch in weiten Teilen der Bevölkerung auf Zustimmung stossen, aber wirtschaftlich betrachtet führt sie uns ins Abseits.

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