Märkte / Makro

Deutsche Exporte nehmen im Juni um 8% ab

Exporte in Deutschland sinken so stark wie seit drei Jahren nicht mehr. Zur gleichen Zeit schrumpft die Wirtschaft in Grossbritannien erstmals seit 2012.

(Reuters) Die internationalen Handelskonflikte treffen die erfolgsverwöhnten deutschen Exporteure mit voller Wucht. Allein im Juni schrumpften die Ausfuhren binnen Jahresfrist um 8% und damit so stark wie seit Mitte 2016 nicht mehr, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Nach dem ersten Halbjahr steht nur noch ein Wachstum von 0,5% zu Buche. «Für das Gesamtjahr zerbröseln die Hoffnungen auf ein zumindest mageres Exportplus», sagte DIHK-Aussenwirtschaftschef Volker Treier. «Wenn wir mit einer schwachen Null – und somit mit dem schlechtesten Ergebnis seit der Finanzkrise – aus dem Jahr gehen würden, wäre das angesichts der konflikt- und krisenbeladenen Weltwirtschaft schon ein Erfolg.»

Vor allem der Zollstreit zwischen China und den USA sowie das befürchtete Brexit-Chaos ohne Abkommen sorgen für Unsicherheit im Welthandel. «Deutschland steht im Sommer 2019 an der Grenze zwischen Stagnation und Rezession», sagte KfW-Ökonom Klaus Borger. Das Statistikamt veröffentlicht am Mittwoch Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) für April bis Juni. Von Reuters befragte Ökonomen erwarten ein Minus von 0,1%.

Der Exportverband BGA hat jüngst seine Prognose halbiert und rechnet für 2019 nur noch mit einem Ausfuhrenplus von 1,5%. «Die weltweiten politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen zeigen jetzt ihre Auswirkung», erklärte BGA-Präsident Holger Bingmann. «In allen Regionen war das Geschäft zuletzt rückläufig.» Die Unternehmen könnten die vielen Risiken kaum noch abfedern. «Die Nervosität ist überall greifbar.»

Deutsche Grosskonzerne bekommen Konjunkturflaute und Zollstreit längst zu spüren. Beim Industrieriesen Siemens (SIE 89.12 2.18%) stottert der Motor vor allem im Geschäft mit Autokonzernen und Maschinenbauern, und die Margen der Münchner werden dünner.. Auch der Chemiekonzern BASF (BAS 58.99 1.97%) stellt sich auf schwierige Zeiten ein. «Das wirtschaftliche Umfeld ist geprägt von hoher Unsicherheit», sagte Vorstandschef Martin Brudermüller jüngst bei der Vorlage der Quartalszahlen.

«Handelskrieg als Dauerzustand»

Für Ernüchterung sorgt insbesondere der eskalierende Handelsstreit zwischen USA und China. «Eine Besserung der Lage zeichnet sich derzeit nicht ab», mahnte Hauptgeschäftsführer Joachim Lang vom Industrieverband BDI. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet sogar mit einem «Handelskrieg als Dauerzustand», der die kommenden Jahrzehnte prägen könnte. «China will aufsteigen, und die USA wollen das verhindern – dieser Konflikt ist schwer lösbar.» Wegen der schwächeren Konjunktur in China dürfte die Wirtschaft im Euroraum 2020 nur noch um 0,7 (bisherige Prognose: 1,1) Prozent wachsen und in Deutschland nur um 0,8 (bisher: 1,3) Prozent zulegen, sagte Krämer. Für 2019 erwartet die Commerzbank (CBK 4.93 -0.51%) einen BIP-Anstieg um 0,4%.

Der Handelsstreit zwischen den beiden weltgrössten Wirtschaftsmächten trifft verstärkt auch andere Länder. So fallen allein für die EU zusätzliche Zollkosten über rund eine Milliarde Dollar an, wie aus einer Analyse des Kieler IfW-Instituts hervorgeht. «Indirekte Effekte des Handelskriegs entstehen vor allem, weil mit Importzöllen belegte Produkte in den USA beziehungsweise China als Vorprodukte weiterverarbeitet werden.» Dann würden sie in dritte Länder exportiert, wo die Zölle sich in verteuerten Produkten niederschlügen. Dies treffe vor allem auch Kanada und Mexiko. «Drittländer können es sich nicht leisten, als scheinbar Unbeteiligte dem Zollkrieg nur vom Seitenrand aus zuzuschauen», unterstrich IfW-Fachmann Holger Görg.

Die deutschen Exporte schrumpften im Juni auch zum Vormonat – und zwar um 0,1%. Der Rückgang zum Vorjahresmonat von 8% gehe auf einen statistischen Effekt und auf das schwierige konjunkturelle Umfeld zurück, sagte ein Statistiker.

Eine Mehrheit für einen No-Deal-Brexit ist fraglich

Die Angst vor einem chaotischen Brexit lähmt die britische Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte von April bis Juni zum Vorquartal überraschend um 0,2% und sank damit erstmals seit Ende 2012, wie die Statistikbehörde ONS in London am Freitag mitteilte. Ökonomen hatten eine Stagnation erwartet, nach 0,5% Wachstum zu Jahresanfang. Das Pfund gab daraufhin zeitweise 0,4% nach auf 1,2085 Euro. «Es gibt kaum Zweifel, dass die Wirtschaft auf der Stelle tritt», sagte PwC-Analyst Mike Jakeman. Wegen des Hickhacks um den EU-Austritt und die globale Konjunkturabkühlung stehe die britische Wirtschaft auch im laufenden dritten Quartal «auf des Messers Schneide».

Der neue britische Premierminister Boris Johnson ist angetreten, die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union bis zum 31. Oktober notfalls auch ohne Scheidungsabkommen zu beenden. Eine Mehrheit für einen No-Deal-Brexit ist im Parlament aber fraglich. Johnson will den mit Brüssel ausgehandelten Vertrag noch einmal aufschnüren, was die Europäische Union aber ablehnt. «Die politischen Unsicherheiten haben zuletzt zugenommen, da Premierminister Johnson die ‘harte Brexit-Rhetorik’ verstärkt hat», sagte Kallum Pickering von der Berenberg Bank. Er sieht nur eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit eines geordneten EU-Austritts Ende Oktober. Damit dürften die Unsicherheiten bis ins vierte Quartal weitergehen – in Form eines harten Brexits und sogar von Neuwahlen, fügte der Experte hinzu.

Während der private Konsum im zweiten Quartal um 0,5% stieg, gingen die Investitionen der britischen Firmen im gleichen Umfang zurück. Im Vergleich zum Vorjahresquartal wuchs die gesamte Wirtschaft um 1,2% und damit so langsam wie seit Anfang 2018 nicht mehr. Die britische Notenbank hatte jüngst erklärt, die Wirtschaft dürfte im laufenden Sommer-Quartal wohl um 0,3% zulegen und 2019 insgesamt um 1,3% wachsen.

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