Meinungen

Deutschland im Rentenkonflikt

Im Bundestagswahlkampf von 2017 wird die Altersvorsorge ein heisses Thema sein. An einer gesamtheitlichen Betrachtung und Förderung des Dreisäulenmodells führt kein Weg vorbei. Ein Kommentar von Roland Berger.

Roland Berger
«Es empfiehlt sich ein Blick in die Schweiz mit ihren kapitalgedeckten Versicherungen.»

Es tobt in der deutschen Politik erneut eine Debatte über das Rentensystem, und zur Bundestagswahl 2017 droht ein «Rentenwahlkampf»: Die einen fordern die Rückkehr zum frühen Rentenbeginn mit 65 oder 63 Jahren sowie eine Steigerung des Rentenniveaus von derzeit 48% der Arbeitseinkommen (zu 2030 geplant: 45%). Die anderen halten eine längere Lebensarbeitszeit bis 70 Jahre für unumgänglich und plädieren dafür, die Bezüge weiter zu senken.

Nun ist die Altersvorsorge ein Thema, das alle betrifft und sich daher bestens zum Politisieren eignet, eben auch für Wahlkämpfe und -geschenke. Zumal der Anteil der Interessengruppe der mindestens 60-Jährigen an den Wahlberechtigten in der Bundestagswahl 2013 schon bei knapp 34% lag, Tendenz steigend. Bereits 1957 bescherte die grösste Rentenerhöhung der Geschichte dem damaligen Bundeskanzler Adenauer die Mehrheit. Dabei wurde – aus heutiger Sicht bedenklich – der Zusammenhang zwischen Kinderzahl und Altersvorsorge weitgehend entkoppelt. 1973 wurde dann die Rente nach Mindesteinkommen eingeführt. Dabei wurden in unterschiedlicher Gewichtung auch Zeiten von Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Kindererziehung und Pflege auf die Beiträge angerechnet. In den Achtzigern wurde diese Form der Rente (weil zu teuer) vernünftigerweise abgeschafft – und erlebt in der heutigen Debatte als «Lebensleistungsrente» ein Comeback.

Demografie nicht wegdiskutierbar

Der wichtigste und folgenreichste Faktor in einem umlagefinanzierten Rentensystem ist die Demografie: Die Menschen in Deutschland leben länger und haben weniger Kinder (1965: 2,51 Kinder je Frau in Westdeutschland, 2015: 1,47 Kinder je Frau in Deutschland). Dadurch zahlen immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner: Finanzierten Anfang der Neunzigerjahre noch knapp drei Beitragszahler einen Ruheständler, steht das Verhältnis heute zwei zu eins – und wird 2050 etwa eins zu eins betragen.

An dieser Entwicklung ist wenig zu rütteln. Eine familienfreundliche Politik, die es in mancher Hinsicht heute schon gibt, ist zwar zu begrüssen, doch die Bevölkerung wird dadurch nicht signifikant weniger schrumpfen. Eine verstärkte qualifizierte Einwanderung eignet sich schon eher dazu, die Basis der Beitragszahler zu vergrössern, doch allzu schnelle Erfolge darf man auch hier nicht erwarten. So benötigt Deutschland einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zufolge in den nächsten Jahrzehnten im Schnitt mehr als eine halbe Million qualifizierte Zuwanderer p. a., wenn es die Zahl der Arbeitskräfte und sein Sozialsystem bis 2050 stabil halten will. OECD-Ökonomen warnen, dass die deutschen gesetzlichen Rentenausgaben ohne Reformen bis 2060 mindestens 2,5% der Wirtschaftsleistung steigen werden. Sie empfehlen zu Recht, das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht nur wie geplant bis 2029 stufenweise auf 67 Jahre anzuheben, sondern auch darüber hinaus.

Die Koppelung des Rentenalters an die Entwicklung der Lebenserwartung und der Beitragszahlerbasis würde die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen stärken, sonst müssten entweder die gesetzlichen Rentenbeiträge oder die Steuerzuschüsse an die Rentenkasse erheblich steigen. Das würde die Arbeitskosten anheben und zu Steuererhöhungen führen, somit den Konsum und die Investitionen dämpfen, wodurch Deutschland wieder zum «kranken Mann Europas» verfallen könnte.

In jeder Rentendiskussion fällt der Begriff «Altersarmut». Doch hier muss man etwas genauer hinschauen, denn die Warnungen vor einer flächendeckenden Verarmung von Senioren in Deutschland gelten nur für die gesetzliche Rente. Sie ist häufig nicht die einzige Einnahmequelle, schon gar nicht, wenn man statt einzelner gesetzlicher Rentenbezieher die Haushaltseinkommen betrachtet: Oft kommt zur kleinen Rente des einen Partners eine viel höhere Rente des anderen hinzu, bei Witwen und Witwern eine Hinterbliebenenrente. Zudem verfügen die meisten Rentnerhaushalte über zusätzliche Einnahmen: Betriebsrenten, Pensionen, Leistungen aus berufsständischen Versorgungswerken und privaten Rentenversicherungen, Zinsen, Mieteinnahmen. Und: Fast zwei Drittel der Menschen über 65 Jahre leben in der eigenen Wohnung und zahlen deshalb keine Miete.

So löst sich ein vermeintlicher Widerspruch auf. Bereits heute erhält nämlich jeder zweite Rentenbezieher weniger als 750 € gesetzliche Rente im Monat. Trotzdem lassen nur knapp 3% aller Rentner diese Bezüge auf die Grundsicherung von 840 € anheben – weil das tatsächliche Einkommen oft weit über der «Armutsgrenze» liegt: 60% der Beitragszahler können mit zusätzlichem Einkommen aus einer betrieblichen Altersversorgung rechnen. Fast 90 Mio. Lebensversicherungen und 16,5 Mio. Riester-Verträge werden auch künftig Einkünfte bringen. Das Wohneigentum heutiger Senioren wird irgendwann vererbt und verschafft nachfolgenden Generationen zusätzliche Einnahmen oder mietfreies Wohnen.

Klar ist, dass die gesetzliche Rente allein nicht für einen sorgenfreien Ruhestand ausreicht. Deshalb wurde vor rund fünfzehn Jahren die staatliche Förderung von privater und betrieblicher Altersvorsorge eingeführt. Je mehr die Demografie zwingt, das gesetzliche Rentenniveau zu senken, desto wichtiger werden private und betriebliche Vorsorge. Für die Politik heisst das: Sie muss auf der einen Seite dafür sorgen, dass die gesetzliche Rente auch künftig ihren wichtigen Anteil an der Altersversorgung übernehmen kann. Die Werkzeuge dafür: das Renteneintrittsalter weiter anheben und gleichzeitig das System flexibilisieren, eine familienfreundliche Politik und gezielte qualifizierte Immigration, eventuell zudem eine breitere Beitragszahlerbasis, indem etwa wie in der Schweiz auch Selbständige in die Rentenversicherung einzahlen, nicht nur abhängig Beschäftigte.

Auf der anderen Seite sollte die Politik mehr Anreize für eine betriebliche Rente schaffen – und für eine private Vorsorge, die sich für die Menschen lohnt. Auch hier empfiehlt sich ein Blick in die Schweiz mit ihren kapitalgedeckten Arbeitnehmerversicherungen und steuerlich geförderter Geldanlage in Wertpapiere oder private Rentenversicherungen. In Deutschland sind die staatlich geförderten Altersvorsorgesysteme zu einer Garantie auf das eingezahlte Kapital verpflichtet, egal, wie alt der Einzahler ist. Diese Sicherheit muss gerade in Niedrigzinsphasen sehr teuer erkauft werden, denn der grösste Teil der eingezahlten Beiträge wird in sichere, aber kaum rentable Anlageklassen gesteckt.

Höherer Aktienanteil zwingend

So bleibt der eigentliche Sinn einer kapitalgedeckten Altersvorsorge auf der Strecke: das Kapital möglichst lukrativ an den Finanzmärkten zu platzieren. Gerade bei langjährigen Sparverträgen ist das Verlustrisiko gering und gut kalkulierbar. In Schweden etwa liegt die Aktienquote der Altersvorsorge bei 57%, in anderen Ländern zwischen 30 und 60%. Die Einlagen deutscher Pensionskassen weisen dagegen laut BaFin eine magere Aktienquote von nur 7% auf.

Ein stärkeres Engagement der deutschen Altersvorsorge am Aktienmarkt hätte zudem einen schönen Nebeneffekt: Da ein Aktionär Miteigentümer des Unternehmens ist, dürfte das Interesse an der Entwicklung von Unternehmen und der Wirtschaft allgemein steigen. Nicht zufällig befinden sich die kotierten Firmen in Deutschland mehrheitlich in der Hand ausländischer Anleger. Diese bestimmen so die Geschicke von Unternehmen und ihrem Personal und ernten zudem Dividenden und Kursgewinne. Das Dreisäulenmodell der Altersversorgung – gesetzliche Rente, betriebliche und private Vorsorge – gehört als Einheit betrachtet und gefördert. Denn nur so können wir unseren Generationenvertrag verlässlich und gesamtgesellschaftlich verträglich einhalten – weit über den nächsten Wahlkampf hinaus.