Märkte / Makro

Deutschlands Binnennachfrage lahmt

Eine Schrumpfende Industrieproduktion weist auf Stagnation hin. Schwache Importdaten belasten die Wirtschaft der Eurozone und bedrohen die Schweizer Konjunktur.

Die jüngsten Aussenhandelszahlen von Deutschland verheissen nichts Gutes. Die Exporte gingen im Juni erwartungsgemäss leicht um 1,5% zurück. Die starke Zunahme im Mai um 4,1% wird damit etwas relativiert. Über das ganze Quartal sind die Exporte um 1,5% gestiegen, das entspräche einer Jahresrate von 6,2%, was noch einigermassen passabel wäre.

Enttäuschende Importzahlen

Unerwartet schwach waren aber vor allem die Importe: Im Juni fiel der Gesamtwert der importierten Waren und Dienstleistungen um 3%, im Durchschnitt hatten die Ökonomen mit einer Kontraktion von 2% gerechnet. Die mageren Junizahlen folgen auf sehr starke Importe im Mai und schwache Daten im April. Über das gesamte zweite Quartal resultiert daher ein Rückgang der Importe um 0,4%. Die Schwäche der Importe war zum Teil preisbedingt. Ohne den Preiseffekt sind die Importe zwischen April und Juni 1,2% gestiegen.

Als Folge der relativen Schwäche der Importe zu den Exporten weitet sich der Handelsbilanzüberschuss für den Monat Juni auf 16,2 Mrd. € aus. Über die letzten zwölf Monate beträgt der Überschuss 171 Mrd. €, das ist der höchste Wert seit 2008.

Eine schwächere Nachfrage Deutschlands ist ein schwerer Schlag, sowohl für die Eurozone als auch für die Schweiz, für deren Wirtschaft der nördliche Nachbar mit Abstand die wichtigste Exportdestination ist – 20% der Schweizer Exporte gehen nach Deutschland.

Stagnation im zweiten Quartal

Mehr Dynamik bei den Exporten als bei den Importen wirkt sich dafür positiv auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum von Deutschland aus. Dennoch dürfte die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal kaum wachsen. Darauf weisen verschiedene Konjunkturindikatoren wie etwa der Einkaufsmanagerindex (PMI) hin. Auch der Auftragseingang der Industrie hat die Erwartungen deutlich verfehlt. Das Volumen der Aufträge ging im Juni 1,7% zurück.

«Deutschland ist das einzige Land in der europäischen Währungsunion, das bis zum ersten Quartal sehr gute Wachstumszahlen auswies», erklärt Andreas Höfert, Chefökonom der UBS (UBSG 16.07 +0.85%). Im zweiten Quartal sei die deutsche Wirtschaft vermutlich in eine Stagnation gekommen. Das habe grosse Auswirkungen für die Schweiz. «Der Schweizer Konjunkturzyklus lässt sich gut prognostizieren anhand von Deutschlands Wachstum und des Franken-Euro-Wechselkurses. Diese beiden Faktoren definieren 80% des hiesigen Konjunkturverlaufs.»

Industrieproduktion schrumpft

Die Anzeichen einer realwirtschaftlichen Stagnation verdichten sich. Gemäss den heute publizierten Daten schrumpfte die deutsche Industrieproduktion im Juni 0,9%. Die von Bloomberg befragten Ökonomen erwarteten einen Rückgang um 0,8%. Im Mai nahm der Output der Industrie 1,7% zu. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Industrieproduktion 0,3% gefallen.

Anleihenemission mit höherer Rendite

In der heutigen Anleihenauktion verkaufte Deutschland langfristige Bunds im Umfang von 3,4 Mrd. €. Die durchschnittliche Rendite der zehnjährigen Anleihe mit einem Coupon von 1,75% betrug 1,42%. Vor einem Monat wurde eine vergleichbare Anleihe zu einer Rendite von 1,31% versteigert. Die Auktion war stärker überzeichnet als im Juli. Das Verhältnis von Bietungsvolumen und Zuteilungsbetrag (bid to cover ratio) betrug 1,8, nach 1,5 im Juli und 1,4 im Durchschnitt dieses Jahres.

Die Auswirkungen der Wachstumsschwäche auf die Renditen der deutschen Staatsanleihen sind zweischneidig. Weniger Wachstum und eine deflationäre Tendenz sind die fundamentalen Treiber für tiefere Zinsen. Zudem flüchten Anleger bei schlechten Nachrichten in sichere Häfen wie deutsche Anleihen, was die Renditen ebenfalls nach unten drückt. Eine akute Wachstumsschwäche Deutschlands könnte jedoch auch das Haushaltsdefizit erhöhen und Zweifel an der Nachhaltigkeit der Staatsverschuldung und der Zahlungsfähigkeit nähren.  In diesem Fall würden die Renditen nach dem gleichen Muster wie in Italien oder Spanien steigen. Die jüngere Geschichte zeigt jedoch, dass bei deutschen, amerikanischen und britischen Anleihen das Safe-Haven-Argument dominant ist.