Meinungen

Diät-Diktatur – nein danke

Initiativen wollen die vegetarische und vegane Ernährung fördern. Solche wohlmeinende paternalistische Eingriffe in die Privatsphäre sind nur auf den ersten Blick harmlos. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Dass modischer Paternalismus, der zu allem Elend auch noch ‹libertär› genannt wird, vornehmlich den Gesundheitsbereich erfasst, ist höchst anrüchig.»

Nudge: Das bedeutet so viel wie schubsen. «Schubser» heisst übersetzt ein Beststeller, der einen bedenklichen Ansatz der Verhaltensökonomik darstellt. Publiziert wurde er 2008, ­Autoren sind die Amerikaner Richard Thaler und Cass Sunstein («Nudge. Improving decisions about health, wealth and happiness.») Der Umschlag sagt alles: Ein grosser Elefant schubst einen kleinen, in die richtige Richtung. Der Staat schubst – Sie oder mich, wohlmeinend, väterlich.

Wir erleben gerade die ultimativen Schubser im Feldzug gegen den Nikotinkonsum. Neu ist jetzt die Verpflegung an der Reihe: In Bern und Basel sind für ­diesen Frühling Initiativen angekündigt, die verlangen, dass städtische Kantinen forciert vegane und vegetarische Gerichte anbieten müssen. Das ist nur scheinbar harmlos-schrullig.

Sanftes staatliches Lenken beruht nämlich auf schwer verdaulichen Vorstellungen vom Einzelnen und von der Gesellschaft: Es traut den Bürgern nichts und dem Staat alles zu; dieser konstatiert und korrigiert segensreich das Fehlverhalten der Menschen, vielmehr der Mündel.

Von sanft zu Zwang

Wohl wahr: Wir alle handeln bisweilen gegen unsere eigenen Interessen, sind emotional getrieben oder auch bloss träge. Der Homo oeconomicus ist in der Tat nur ein Pappkamerad. Manche von uns rauchen – wider jede Vernunft, trinken Alkohol, ja frönen gar der Polytoxikomanie. Mästen sich, gefrässiges Raubtier, vornehmlich mit Zuchtvieh, obwohl kaum jemand die Besichtigung eines Schlachthofs goutieren würde.

Mag wohl sein, dass die Umweltbilanz von Kraut und Karotten weit günstiger ist als diejenige von T-Bone-Steaks und Tilsiter. Dennoch muss sich eine Gesellschaft von im Prinzip frei, mündig und selbst­verantwortlich sein wollenden Menschen Indoktrination und Manipulation durch Sozialingenieure verbitten. Diät-Diktatur – nein danke. Wäre sie auch noch so sanft: Irgendwann wird sie zum Zwang. Kantinen, ob öffentliche oder private, sollen gerne Vegetarisches oder Veganes anbieten und -preisen, wenn sie das möchten (viele tun’s ohnehin, gut so), doch nicht auf hoheitliche Weisung.

Die Anmassung volkspädagogischer Anstupserei ist offenkundig. Sie führt den politischen Prozess auf einen rutschigen Abhang. Am Ende müssten die Lenker ­folgerichtig zum Ergebnis kommen, die Gelenkten seien auch nicht mündig genug, ihre Behörden frei zu wählen: Wer nicht weiss, was ihm schmecken darf, taugt schon gar nicht zum Demokraten.

Dass modischer Paternalismus, der zu allem Elend auch noch «libertär» genannt wird, vornehmlich den Gesundheitsbereich erfasst, ist höchst anrüchig. Schon die totalitären Systeme des vergangenen Jahrhunderts, braun wie rot, betrieben einen penetranten Körperkult. Wer’s in den Muskeln hat, hat’s halt nicht so im Kopf, wird über manche Sportler gelästert. Doch bezogen auf erleuchtete Paterna­listen wäre das doch widersinnig: Die müssen, zwangsläufig, etwas weniger irrational sein als der kommune Bürger und etwas konsistenter und auf längere Frist angelegt handeln. Just daher neigen Regierungen, Parlamente, Bürokratien, wie man weiss, nicht zu Geldverschwendung – Ausnahmen sind die Regel.

Der schulmeisterliche Hautgout macht auch die feinste Ernährungs- und andere Bevormundung nicht eben appetitlicher, die spiessige Lust- und Lasterfeindlichkeit schon gar nicht. Was Spass macht, ist ungesund, umweltschädigend, unmoralisch. Der Bürgermeister von New York etwa hatte versucht, den Ausschank gesüsster Getränke in übergrossen Bechern zu verbieten, denn zu viele New Yorker seien zu dick. Ein Gericht kippte diesen «Nudge».

Überhaupt ist gerade das Irrationale, potenziell Selbstzerstörerische ein Teil der individuellen Freiheit. Ein nur nutzgetrimmtes, Sinnenfreuden und Sünden abholdes Leben wäre den meisten mit Grund zu klösterlich. Es sind nicht die frugalen Freuden der Askese, sondern die leichtfertigen Exzesse, über die wir in Erinnerung dereinst selig lächeln werden. So ist und isst der Mensch, in seinem Widerspruch.

Vorsicht – Gouvernanten

Die Schweiz, ein Trost, dürfte gegen die Pest der Paternalitis etwas immuner sein als Länder mit obrigkeitlicherem Staats­verständnis. Das Parlament zu Bern hat beispielsweise das Präventionsgesetz versenkt. Die dummdreiste Verordnung zur ausserfamiliären Kinderbetreuung – ein maternalistischer Schub aus dem Hause Widmer-Schlumpf – wurde nach kerngesundem Publikumsaufschrei entsorgt.

Übrigens, à propos frevelhafter fleischlicher Genüsse: Mehrere EU-Staaten, unter ihnen ausgerechnet la douce France, wollen das älteste Gewerbe teilweise oder ganz verbieten. Da wirken Gouvernanten statt Gouvernements. Aus Bern dagegen verlautet, die Schweiz werde die Ware Liebe weiterhin zulassen.

Regierungen tun gut daran, sich auf ihre nicht zu knappen Kernaufgaben zu beschränken. Vormundschaftliche Stupserei ist Ersatzpolitik, Schmierenkomödie, die bloss vom Versagen in weit wichtigeren Gebieten ablenkt. Geschubse weitet die Staatstätigkeit aus, zulasten der Privatsphäre, somit der individuellen Freiheit und Selbstverantwortung. Dieser Preis ist viel zu hoch für bestenfalls marginales Verringern bestimmter Risiken oder vernachlässigbare Fortschritte in irgendwelchen Wohlfahrtsstatistiken.

Wider Fürsorgefeudalismus

Es ist somit höchst rational und im langfristigen Interesse jeder Bürgerin, jedes Bürgers, hellhörig zu sein und unverschämte Benimmreglemente an der Abstimmungsurne zu guillotinieren. In aller Regel ist Hänschen Müller nicht einfältiger als «die da oben» – und selbst wenn: Fürsorglicher Feudalismus, empathische Expertokratie darf niemals die Antwort sein auf unser aller menschlich-allzu-menschliche Unzulänglichkeiten.

Lassen wir uns hingegen infantilisieren, verirren wir uns letztlich auf den Weg zur Knechtschaft, erniedrigen wir uns in selbst verschuldete Unmündigkeit. Wer sich gerne schubsen lässt, beweist «Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen», wie der Aufklärer Kant sagte. So gesehen hat «Nudge»-Politik etwas Reaktionäres.

Hinter den beiden verschrobenen Grünzeug-Initiativen steht ein Grüppchen namens Sentience Politics. Es erfreut sich u. a. des Supports durch den grünen Zürcher Nationalrat Bastien Girod, der da wahrhaftig schreibt: «Der einzige Grund, warum ich nicht so oft pflanzlich esse, wie ich möchte, ist der, dass ich nicht genug ‹genudgt› werde.» Unterstützend wirkt auch Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger, ein Bekehrter – in jüngeren Jahren war er noch Testesser für Gault Millau.

Leser-Kommentare

Roberto Binswanger 28.03.2014 - 18:06

Superkommentar, ich habe ihn soeben auf Facebook gepostet.

Beat Gerber 29.03.2014 - 09:10
“Vorsicht – Gouvernanten,” “Pest der Paternalitis,” etc.? Der Text kommt mir ein wenig gar populistisch mit Schlagwoertern daher. Milliardenschwere Konzerne buttern enorme Mittel in die Werbung, und nicht immer zum Wohle der Allgemeinheit. Warum soll da der Staat nicht etwas Gegenbewegung geben duerfen, wenn das Volkswohl darunter leidet? Beim Rauchen, etc. find ich das z.B. eine gute Sache, wenn mit… Weiterlesen »
Harry Bruggmann 29.03.2014 - 14:16

Sehr guter Kommentar. Zeigt die verschlungenen Wege zum Einheitsnicker und dagegen muss die Erkenntnis und der Widerstand organisiert werden. Gut so.

Markus Saurer 31.03.2014 - 21:42

Ah… welche Wohltat, dieser Kommentar. Ich habe mich auf Facebook schon mit Sentience Politics angelegt. Jegliche Argumentation sinnlos! Die muss man einfach in Bausch und Bogen verwerfen!

Tobias Häberli 03.04.2014 - 20:19
“Dennoch muss sich eine Gesellschaft von im Prinzip frei, mündig und selbst­verantwortlich sein wollenden Menschen Indoktrination und Manipulation durch Sozialingenieure verbitten.” Lieber Herr Rösch, Sie sprechen von `im Prinzip` freien Menschen, weil Sie wohl selber der Meinung sind, dass jede Freiheit dort aufhört, wo sie die Freiheit eines anderen einschränkt. Ist dieses bisschen kulinarischer Genuss nicht einschränkenswert, im Angesicht von… Weiterlesen »