Meinungen

Die 2020er Jahre können gut werden

Bevölkerungswachstum, aufstrebende Volkswirtschaften, ökologischer Umbau, günstige Finanzierung und Digitalisierung treiben die Wirtschaft. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Globale Basistrends sprechen für weiterhin gute ökonomische Aussichten.»

Zwei makroökonomische Phänomene haben das vergangene Jahrzehnt in besonderer Weise geprägt. Erstens überlebten Kapitalismus und Marktwirtschaft, Globalisierung und Welthandel alle Angriffe bravourös. Weder Euro- und Griechenlandkrise zu Beginn der Dekade noch anschwellende Staatsschulden und gewaltige Flüchtlingswellen zur Mitte und auch nicht die Rückkehr von Nationalismus und Protektionismus in der Ära eines Donald Trump zum Ende ändern etwas daran, dass die 2010er Jahre ökonomisch gute Jahre waren. Und zwar nicht nur für die Kapitalisten, die sich über einen Anstieg des SMI (SMI 12'175.77 -0.01%) von 60%, des Dax von 122% und des Dow Jones von 174% freuen konnten.

Entgegen allen Ängsten und Sorgen, Untergangsprognosen und Crashszenarien zeigt bereits ein kurzer Blick auf einschlägige Fakten ein unstrittiges Bild: Ende der 2010er Jahre lebten mehr Menschen länger, gesünder und besser als je zuvor. Das gilt nahezu flächendeckend für alle Weltregionen und Volkswirtschaften, und es trifft in besonderem Mass für Europa zu.

In der Schweiz hat die Lebenserwartung im Lauf der vergangenen Dekade weiter zugenommen, von 84,6 auf 85,4 Jahre für neugeborene Mädchen, von 80,2 auf 81,7 Jahre für neugeborene Knaben, von 26,6 auf 27,1 Jahre für sechzigjährige Frauen und von 23 auf 24,1 Jahre für sechzigjährige Männer. Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) lag am Ende des Jahrzehnts mehr als ein Sechstel höher als zu Beginn, das durchschnittliche Lohnniveau real 6%. Die Anzahl der Erwerbstätigen ist in derselben Periode mehr als ein Achtel gestiegen, die Arbeitslosenquote von 4,6 auf 4,2% gesunken. Ähnlich positive Verbesserungen zeigen sich für die gesamtwirtschaftlichen Indikatoren in Deutschland und – wenn auch etwas schwächer – selbst für die Europäische Union insgesamt.

Realzinsen sinken seit längerem

Zweitens sind im Lauf der vergangenen (beiden) Dekade(n) die Realzinsen in allen grossen Währungsräumen gesunken. Berechnet als Differenz aus den Zinsen für Obligationen der Eidgenossenschaft mit zehnjähriger Laufzeit und den Veränderungen des Konsumentenpreisindex lag der Realzins in der Schweiz zur Jahrhundertwende noch auf 2,3%, im Jahresdurchschnitt 2009 auf 2,7%, im Jahresdurchschnitt 2019 aber auf lediglich noch –0,8%. Mehr noch als der absolute Rückgang um mehr als drei Prozentpunkte ist – angesichts der davor schon niedrigen Realzinsen – der relative Rückgang enorm. Ähnlich markant rückläufig sind die Realzinsen in Deutschland: von rund 2% zu Beginn der Dekade auf –2% zum Ende.

Gerade ein noch längerer Blick zurück auf die Zinsentwicklungen lässt zudem erkennen, dass die Tendenz zu sinkenden Realzinsen schon eine Weile früher begonnen hatte, nach dem Ende des Kalten Kriegs und in Deutschland mit der Wiedervereinigung. Reale Negativzinsen gab es nicht erst in den vergangenen drei Jahren, sondern bereits vorher – wenn auch nur als Ausnahmen kurzfristig – in der Schweiz beispielsweise Mitte 1991 oder im Monat der Finanzmarktkrise im September 2008. Diese Beobachtung ist deshalb bedeutsam, weil sie die Behauptung relativiert, dass die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) bzw. ihres gegen Ende 2019 ausgeschiedenen Präsidenten Mario Draghi für die erst gegen null und nun ins Negative abgetauchten Realzinsen allein verantwortlich sei. Wirklich neu in den 2010er Jahren war lediglich, dass die Nominalzinsen und die Leitzinsen der Notenbanken – nicht jedoch die Realzinsen – negativ wurden.

Im Ausblick auf die 2020er Jahre wird ersichtlich, dass die positiven realwirtschaftlichen Ursachen eher stärker als schwächer weiterhin Bestand haben. Bei allen zweifelsfrei hoch explosiven politischen Risiken sprechen die ungebrochen gültigen globalen Basistrends in Summe für weiterhin gute ökonomische Aussichten.

Erstens wird die Weltbevölkerung auch im neuen Jahrzehnt beträchtlich wachsen, rund 10% von heute 7,7 Mrd. auf 8,5 Mrd., so die neueste Uno-Schätzung für 2030. Allein dadurch wird die globale Güternachfrage nicht ab-, sondern massiv weiter zunehmen. Zweitens lebt die Masse der Weltbevölkerung unverändert in Armut, Milliarden Menschen sind immer noch sehr arm.

Drittens erfordert der Klimawandel die ökologische Transformation einer Vielzahl von Produktionsprozessen. Askese mag im hoch entwickelten Europa als neuer Lifestyle Forderung der Klimaschützer sein und breite Akzeptanz finden – für die bevölkerungsstarken, weit weniger wohlhabenden Gesellschaften in Südostasien, Lateinamerika oder Afrika ist Verzicht jedoch schlicht ein «No Go». Wer ohnehin kaum etwas hat, kann und will nicht noch weniger haben.

Der Ausweg aus dem Dilemma des Einsparenmüssens, aber nicht -könnens findet sich einzig in neuen Technologien. Know-how und Wissen dürften vor allem in und aus Deutschland und der Schweiz nachgefragt werden, die weltweit in der ökologischen Transformation zu den Spitzenreitern gehören.

Viertens liefert gerade die Digitalisierung die Basistechnologien, mit deren Hilfe in den 2020er Jahren nahezu alles klima- und ressourcenschonend(er) und ganz anders als bisher erledigt werden kann. Algorithmen und künstliche Intelligenz werden Verhaltensweisen und Verwendung optimieren, Fehler und Verschwendung verringern sowie unnötige und ungewollte Misswirtschaft verhindern. Erforderlich hierfür sind jedoch völlig neue Herstellungsverfahren, Logistikketten, Transportkanäle, Abrechnungs-, Finanzierungs- und Versicherungssysteme. Sie zu entwickeln, zu nutzen und zu verbessern, wird enorme Investitionen voraussetzen – auch in Deutschland und der Schweiz.

An der Stelle werden, fünftens, nun die auf einen historischen Tiefststand gesunkenen Realzinsen wichtig. Auch in den 2020er Jahren dürfte das reale Zinsniveau (zumindest auf bereits heute absehbare Zeit) niedrig bleiben, was die notwendig werdenden Investitionen in neue klimaschonende Innovationen, leistungsfähigere Infrastruktur und smarte Technologien billig zu finanzieren erlaubt.

Insgesamt gute Voraussetzungen

Für die Prognose geringer Kapitalkosten spricht, dass der zinssenkende Angebotsüberschuss auf den Kapitalmärkten nur zum Teil der Geldschwemme der Notenbanken geschuldet ist. Genauso ist dafür eine Sparschwemme verantwortlich, die sich dadurch ergibt, dass in demografisch alternden Gesellschaften – wie Deutschland und der Schweiz – zu viel gespart und zu wenig investiert wird. Zudem dürfte im Wandel von einer kapitalintensiven Industriegesellschaft zu einer digitalen Wissensgesellschaft der Bedarf an Krediten geringer werden.

Da schliesslich gerade auch «Digitalisierung Inflation frisst», also Optimierung Kosten und damit Preise sinken lässt, sind momentan – trotz des vielen billigen Geldes – auch keine klassische Nachfrage-Preis-Kosten-Spirale und kein dadurch verstärkter Inflationsdruck erkennbar.

Die wachsende Weltbevölkerung, die Aufholprozesse in den aufstrebenden Volkswirtschaften, die ökologische Transformation zur Verlangsamung und Verhinderung des Klimawandels, die dank niedriger Realzinsen billig zu finanzieren sein wird, sowie das Optimierungspotenzial der Digitalisierung bilden den Humus, auf dem ein Wirtschaftsboom erst spriessen und danach gedeihen kann.

Das wird wohl – im Schumpeter’schen Geist der schöpferischen Zerstörung – nicht ohne Auf und Ab, Abschwung und Umbruch geschehen. Aber alles in allem bleiben die Voraussetzungen mehr als gut, dass auch die 2020er Jahre zu einem guten Jahrzehnt werden.