Meinungen

Die Angst vor dem Deflationsgespenst

Aus Furcht vor Deflation wird eine expansive Politik der Notenbanken gefordert, derzeit besonders von der EZB. Doch sind diese Bedenken empirisch gerechtfertigt? Ein Kommentar von Peter Bernholz.

Peter Bernholz
«Eine falsche Wirtschaftspolitik lässt sich nicht durch eine immer expansivere Geldpolitik ausgleichen.»

Immer häufiger wird die Furcht vor dem Gespenst der Deflation beschworen. Schon der Rückgang der Inflation, gemessen durch die Lebenshaltungskostenindizes, auf Werte um 1% lässt den Ruf nach drastischen Gegenmassnahmen der Zentralbanken erschallen. In der jüngsten Vergangenheit gilt das besonders für die Europäische Zentralbank, wo durch verstärkte expansive Massnahmen die Inflation wieder auf die Zielgrösse von nahezu 2% hochgetrieben werden soll.

Dabei ist schon diese Zielgrösse, die sich auch andere Zentralbanken auf ihr Banner geschrieben haben, höchst bedenklich. Denn eine Jahresinflation von 2% führt innerhalb von zwanzig Jahren zu einer Geldentwertung von 23,2%. Sie ist daher nur dann nicht bedenklich, wenn eine entsprechende Erhöhung des Nominalzinses sie ausreichend kompensiert. Das wird aber nur dann der Fall sein, wenn die Entwertung gleichmässig verläuft. Auch trifft sie für den Besitz von Banknoten ohnehin nicht zu. Daher ist es nicht erstaunlich, dass sich jüngst ein Ökonom der Universität Harvard sogar für die Abschaffung der Banknoten ausgesprochen hat. Insgesamt ist zu erwarten, dass von der Geldentwertung besonders die ärmere Bevölkerung und die schlecht Informierten getroffen werden, da sie ihr Geld nicht entsprechend anzulegen vermögen.

Aber ist denn die Deflationsgefahr tatsächlich gegenwärtig so erheblich, und wäre eine Deflation wirklich so gefährlich? Als Erstes ist festzustellen, dass das Preisniveau zurzeit lediglich bei den Konsumentenpreisen nur noch sehr bescheiden steigt. Dagegen sind die Preissteigerungen für Aktien aufgrund der Nullzinspolitik der Zentralbanken ausserordentlich hoch, und auch die Immobilienpreise sind in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern erheblich gestiegen. Und wir sollten uns daran erinnern, dass gerade der Zusammenbruch des Höhenflugs der Immobilienpreise in den USA, Spanien und Irland wesentlich zur letzten Krise beigetragen hat. Auch damals wurde diese Entwicklung wesentlich mitveranlasst durch die Senkung der Zinsen auf 1% durch die Zentralbanken, angeführt vom Federal Reserve System (Fed).

Angst vor einer Abwärtsspirale

Die Hintergründe für die Deflationsängste der Zentralbanken sind die folgenden: Bei einem Sinken des Preisniveaus für Konsum- und Industriegüter würde der reale Wert des Geldes und von in Geld ausgedrückten Guthaben und Obligationen steigen. Gleichzeitig würde der reale Wert von Schulden ebenfalls zunehmen. Beides würde zu gefährlichen Reaktionen führen. So könnten die Verbraucher in Erwartung weiter sinkender Preise ihre Käufe zurückstellen, um auf niedrigere Preise zu warten, während die verschuldeten Unternehmen ihre Investitionen einschränken und zu Entlassungen schreiten würden, um ihre real gestiegenen Schulden bedienen oder gar noch rechtzeitig zurückzahlen zu können, da sie mit einem weiteren Anstieg des Realwerts derselben rechnen müssten.

Beides aber würde die gesamte Nachfrage vermindern und dadurch zu einem weiteren Preisrückgang führen. Ein darauf folgendes weiteres Ansteigen der Arbeitslosigkeit und Bankrotte von Unternehmen wären die Folge. Auf diese Weise würde sich ein sich beschleunigender negativer Zirkel ergeben, aus dem die Wirtschaft nur schwer herausfinden könnte, falls nicht der Staat zum Ausgleich seine Ausgaben entsprechend erhöhen würde. Das wäre aber angesichts der gegenwärtig schon hohen Staatsverschuldung und des zunehmenden Realwerts der staatlichen Schulden ebenfalls mit erheblichen Problemen verbunden.

Aufgrund dieser Befürchtungen wird eine expansive Politik der Zentralbanken, besonders gegenwärtig der Europäischen Zentralbank, empfohlen. Ja, es gibt bereits Ökonomen, die für negative Zinsen eintreten, aus diesem Grunde die Banknoten abschaffen möchten und daher für eine Erhöhung des Inflationsziels auf 4% plädieren.

Milde Deflation keine Katastrophe

Angesichts dieser Ängste stellt sich die Frage, ob sie empirisch gerechtfertigt sind. Erste Zweifel tauchen schon auf, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass in den vergangenen zwei Jahren der Schweizer Lebenshaltungskostenindex leicht gefallen ist, während die reale Wirtschaft stärker als die in der Europäischen Union mit noch positiven Inflationsraten gewachsen ist. Nun kann natürlich nicht bestritten werden, dass während der Grossen Depression der Dreissigerjahre die befürchteten und oben beschriebenen Deflationseffekte tatsächlich eingetreten sind. Aber seither, also seit nunmehr achtzig Jahren, konnte keine entsprechende Entwicklung beobachtet werden.

Und gelten die beschriebenen negativen Wirkungen auch bei milder Deflation? Um diese Frage zu beantworten, ist es naheliegend, sich die Jahrzehnte vorher, also während des Goldstandards, einmal bezüglich der Wirkungen einer leichten Deflation auf die reale Wirtschaft anzusehen. Denn während des Goldstandards blieb das Preisniveau langfristig stabil. Da es jedoch zwischenzeitlich immer wieder einmal stieg, musste diese Erhöhung des Preisniveaus gelegentlich durch Deflationsperioden kompensiert werden. Sehen wir uns daher einmal die Entwicklungen in der damals führenden Wirtschaftsmacht Grossbritannien an.

Wie man aus der Abbildung ersieht, sind die Grosshandelspreise in dieser Periode unter Schwankungen durchweg gefallen. Es gab also eine leicht deflationäre Entwicklung, die im jährlichen Durchschnitt dieser dreissig Jahre 1,06% betrug. Trotzdem blieb der Prozentsatz der Beschäftigten unter leichten Schwankungen durchweg konstant, während das Bruttonationalprodukt unter ebenfalls leichten Schwankungen ca.70% stieg.

Grundübel mangelnde Wettbewerbsfähigkeit

Es lässt sich also feststellen, dass die leichte Deflation dieser Jahre keineswegs die befürchteten katastrophalen Folgen für die reale Wirtschaft zeigte und dass der Prozentsatz der Beschäftigten ebenfalls auf Dauer nicht sank. Dies ganz im Einklang mit dem jüngst in der Schweiz Beobachteten. Damit soll natürlich nicht bestritten werden, dass die Deflation der vergangenen Jahre in den Peripheriestaaten der Europäischen Währungsunion zu erheblichen Wachstumsverlusten und einer starken Arbeitslosigkeit geführt hat.

Aber wie das Gegenbeispiel Deutschlands und anderer Länder der EU zeigt, war das nicht die Konsequenz einer zu restriktiven Währungspolitik, sondern einer mangelnden Wettbewerbsfähigkeit als Folge einer längerfristig falschen Wirtschaftspolitik in den entsprechenden Ländern. Eine solche lässt sich eben nicht durch eine immer expansivere Geldpolitik ausgleichen. Dies wäre allenfalls durch einen Austritt aus der Währungsunion und eine Abwertung zu erreichen, doch fragt sich, ob es in diesem Fall überhaupt zu den notwendigen Reformen kommen würde.

Leser-Kommentare

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Adecco AG 18.11.2014 - 06:44
Herr Bernholz hat absolut recht. Das mit der Deflations Angst ist Blödsinn. Es sei denn, es herrschen 30% Deflation pro Jahr, was nun wirklich höchst selten und nur während der grossen Depression geschah. Oder würdet ihr eine Zahnbürste heute nicht kaufen, weil sie in einem Jahr 1% weniger kostet? Eben. Oder würdet ihr ein Auto heute nicht kaufen, weil es… Weiterlesen »
Claudio Horni 18.11.2014 - 09:03

Meiner bescheidenen Meinung nach hat Tinu_anliker recht mit seinem Kommentar. Ich denke, Deflation ist für viele schlimm, weil sie so ihre Schulden nicht durch Inflation vermindern können. Ewiges Wachstum kann ja eh nicht funktionieren, denn das ist ja wie ein Krebsgeschwür, am Ende führt es zum Tod.

H. Rüst 18.11.2014 - 21:10

Eine Inflation von 2% pro Jahr ergibt in 20 Jahren eine Geldentwertung von 33.2% und nicht wie angegeben von 23.2%.

Adecco AG 19.11.2014 - 03:27

ja beim durchlesen kam mir die Zahl zu “klein” vor. Danke für’s Nachrechnen!

Christoph Schwarz 19.11.2014 - 11:21
Bravo Professor Bernholz! Sehr treffend formuliert – nur versteht das anscheinend kein Politiker und nicht mal die Mehrzahl der Nobelpreisträger – siehe Joseph Stiglitz, der heute noch das Heil im Gelddrucken und Schuldenmachen sieht. Ich würde sogar noch hinzufügen, dass je mehr Geld gedruckt wird, desto höher die Deflationsgefahren werden, auch wenn die gängigen volkswirtschaftlichen Modelle dies für ausgeschlossen halten… Weiterlesen »
Reto Capaul 19.11.2014 - 18:45
Vielen Dank Herr Bernholz für Ihre interessante und differenzierte Analyse zum Thema “Geldwert”! Auf dem von Ihnen verwendeten Schaubild ist der Preisrutsch (Grosshandelspreise) nach Ausbruch der Gründerkrise (1873) sehr gut zu erkennen. Gemäss meinen Berechnungen/Schätzungen ist die Inflation seit 1850 von 100 (Basis) auf zirka 1800 (2014) gestiegen. In einer nominalen Nennwertbetrachtung hat der starke Franken in dieser sehr langen… Weiterlesen »