Märkte / Makro

«Die Anleger sind zu optimistisch»

Janet Mui, Ökonomin bei Schroders Wealth Management in London, setzt auf Aktien aus Schwellenländern und den USA. Von Investitionen in Anleihen rät sie ab.

Frau Mui, die Finanzmärkte reagieren auf jede noch so kleine Entwicklung im sino-amerikanischen Handelskrieg. Weshalb?
Die Handelsspannungen sind der entscheidende Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft. Die Verunsicherung an den Märkten ist gross, deshalb wird auf jede Nachricht reagiert, auch wenn sie substanziell nichts Neues enthält.

Kann man gar keine gesicherten Aussagen zum Konflikt machen?
Die Anfeindungen dürften abnehmen, da Trump für den Wahlkampf auf stabile Aktienmärkte angewiesen ist. Ein minimales Abkommen ist möglich. Damit wären weitere Zollerhöhungen verschoben. Aber wir gehen nicht davon aus, dass sich der Konflikt im nächsten Jahr ganz löst.

Und nach den US-Präsidentschaftswahlen?
Jeder andere Präsident wäre berechenbarer. Aber der zunehmende Populismus und die Angst vor China als neuer Weltmacht werden auch in Zukunft zu protektionistischen Massnahmen vonseiten der USA führen. Die Handelsspannungen werden anhalten, unabhängig davon, wer im Weissen Haus sitzt.

Wie geht Peking mit dieser Situation um?
China hat sich auf einen langfristigen Handelskonflikt eingestellt. Die Bevölkerung wird via Staatsmedien auf potenziell tiefere Wachstumsraten vorbereitet. Es könnte gar sein, dass China sein jährliches Wachstumsziel von 6% aufgibt.

Das käme einer Zäsur gleich.
China setzt auf qualitativ hochwertiges Wachstum. Der Lebensstandard hat sich markant verbessert, das Land besitzt die schnellsten Züge, die Bevölkerung hat Zugang zu hochwertigen technologischen Lösungen. Es stehen andere Ziele im Vordergrund als blosses Wachstum.

Wozu führt der Machtkampf zwischen den USA und China?
Neben veränderten globalen Handelsketten sehen wir eine wirtschaftliche Entkopplung von China und den USA. Das führt zu neuen Einflusssphären, sowohl politisch als auch technologisch.

Was sind die Folgen dieser Entwicklung?
Das globale Wachstum wird strukturell schwächer, was tiefe Inflation und niedrige Zinsen nach sich zieht.

In Europa ist der Brexit das zweite dominante Thema. Was sind die Auswirkungen der Unsicherheit, in der sich Grossbritannien seit dem Referendum befindet?
Selbst wenn ein Austrittsabkommen unterschrieben wird, gehen die Verhandlungen und somit die Unsicherheit weiter. Die Unternehmen werden weiterhin zurückhaltend investieren, und das führt auch in Grossbritannien zu strukturell tieferem Wachstum.

Gibt es Lichtblicke in Grossbritannien?
Wir schliessen einen No-Deal-Brexit weitestgehend aus. Keine der grossen Parteien steht dahinter. Zudem haben alle Stimulusmassnahmen zugesichert. So wird die zukünftige Regierung mehr Geld in die Hand nehmen, um die negativen Effekte des Brexit auszugleichen.

Welche weiteren geopolitischen Risiken gilt es im Auge zu behalten?
Populismus ist weltweit ein Problem. Allein in Europa gibt es mehrere Beispiele dafür. Die Situation in Chile zeigt zudem, dass auch in Regionen, die als wirtschaftlich stabil eingeschätzt werden, plötzlich Unruhen ausbrechen können. Wir müssen immer vorbereitet sein auf ein unvorhergesehenes Ereignis, das alle Erwartungsparameter sprengt.

Trotz den geopolitischen Spannungen erreichen die Aktienindizes Höchststände.
Die Investoren sind zu optimistisch. Die Aktienrally basiert auf Bewertungsanpassungen, nicht auf Gewinnkennzahlen.

Besteht das Risiko einer Korrektur?
Ja, aber es ist schwer einzuschätzen, wann der Rückschlag kommt. Die Avancen an den Aktienmärkten sind getrieben vom billigen Geld, das die Zentralbanken zur Verfügung stellen. Das Ertragswachstum der Unternehmen hingegen stagniert. Das ist langfristig nicht nachhaltig.

Wie können Anleger im momentanen Umfeld guten Ertrag erwirtschaften?
Trotz der genannten Risiken präferieren wir im gegenwärtigen Umfeld Aktien gegenüber Anleihen. Letztere sind zu hoch bewertet, während Valoren mit guter Dividendenausschüttung nach wie vor  eine attraktive Rendite bieten.

Auf welche Regionen setzen Sie?
Die USA und die Schwellenländer.

Welche Sektoren sind attraktiv?
In den USA ist es der Technologiesektor, da er ein höheres Ertragswachstum aufweist als alle anderen Sektoren. Zudem ist Technologie ein Thema, dessen Relevanz in Zukunft nur noch zunehmen wird.

Sie setzen auf strukturelle Veränderungen?
Genau. Vor diesem Hintergrund empfehlen wir auch asiatische Konsumtitel. Mit gestiegenem Einkommen und mehr Auswahlmöglichkeiten sehen wir dort langfristiges Wachstumspotenzial. Ein ähnliches Argument gilt für den chinesischen Bildungssektor. Chinesische Eltern investieren immer mehr in ihre Kinder.

Wovon sollten Anleger die Finger lassen?
Japan kann nicht mit den restlichen asiatischen Ländern mithalten. Es ist kaum strukturelles Wachstum vorhanden. Auch wenn sich unsere Beurteilung der Lage in Grossbritannien ein bisschen aufgehellt hat, sollten Anleger bei Sektoren, die stark von den politischen Entwicklungen abhängen, vorsichtig bleiben.

Und wie beurteilen Sie die Aktien des europäischen Kontinents?
Wir empfehlen, europäische Aktien zu halten, aber nicht mehr davon zu kaufen. Europa ist ein sogenannter Value Trade  und ist im momentanen Tiefzinsumfeld nicht besonders attraktiv.

Wie sichert man das Portfolio ab?
Ein klassisches, kosteneffizientes Instrument sind mit Gold (Gold 1617.05 0.31%) hinterlegte Exchange Traded Funds. Wir setzen zudem auf marktneutrale Hedge Funds. Das sind Hedge Funds, die in der Vergangenheit bei Marktabschwächungen eine gute Performance erzielt haben. Ebenfalls interessant sind Infrastrukturfonds, sofern man die Risiken kennt.

Sie setzen auf Gold, obwohl der Aufwärtstrend gebrochen scheint?
Bei positiven Nachrichten reduzieren Spekulanten ihre Goldpositionen, dann fallen die Preise. Umgekehrt könnte der Goldpreis auch bald wieder steigen. Denn im momentanen Tiefzinsumfeld beobachten wir ein ungebrochenes Interesse der Anleger an Gold.

Wie schätzen Sie das Risiko einer Rezession im nächsten Jahr ein?
Global gesehen ist das Risiko gering, da das Wirtschaftswachstum sowohl in China als auch in den USA intakt bleibt. Die Konsumnachfrage in den USA ist robust, die Arbeitslosigkeit tief, und die Zinssenkungen der Notenbank dürften zusätzliches positives Momentum bringen.

Und in der Eurozone?
Das Rezessionsrisiko in Europa ist definitiv höher als in den USA und China, aber wir denken, dass die Talsohle nun durchschritten ist. Wenn Europa in eine Rezession geschlittert wäre, dann dieses Quartal. Nun drehen auch die Makroindikatoren in positiveres Territorium.

Wie beurteilen Sie die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank EZB?
Sie hat die Chance verpasst, die Geldpolitik im Fahrwasser des Fed zu normalisieren. 2017 war das Wachstum in der Eurozone stark und der Zeitpunkt perfekt, die Zinsen anzuheben. Nun hat sie praktisch keinen Handlungsspielraum mehr.

Somit steht Christine Lagarde vor einer grossen Herausforderung.
Der EZB-Rat war bei der letzten Sitzung gespalten, ob weitere Stimulusmassnahmen ergriffen werden sollen. Zudem können die Zinsen nicht weiter gesenkt werden, ohne die Banken noch mehr zu belasten. Aber wenigstens ist die Gefahr einer technischen Rezession in Deutschland vorerst gebannt. Das macht die Situation ein bisschen weniger verfahren.

Und wo steht die US-Notenbank?
In einer besseren Position als die EZB. Der geldpolitische Spielraum in den USA ist noch nicht komplett ausgeschöpft. Es ist geschickt, dass das Fed weitere Zinssenkungen vorerst ausgeschlossen hat.

Unterstützen Sie die Forderung, wie zum Beispiel von Mario Draghi, nach mehr Fiskalmassnahmen?
Fiskalische Stimuli sind sicherlich sinnvoll. Deutschland kann mit tieferen Zinsen nichts anfangen. Aber gleichzeitig gehe ich nicht davon aus, dass die deutsche Regierung auf die EZB hört. Ihre Priorität ist ein ausgeglichener Haushalt.

Welches Thema wird die Anleger 2020 am meisten beschäftigen?
Neben dem Handelskrieg wird nächstes Jahr die Präsidentschaftswahl in den USA am meisten zu reden geben.