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Die arbeitende Bevölkerung in China nimmt unumkehrbar ab

Es gibt immer weniger arbeitende Chinesen. Die Regierung kann auch mit Aufhebung der Einkindpolitik nicht gegensteuern. Reformen sollen die Wirtschaft nun auf die Arbeitskräfteknappheit vorbereiten.

Diese Frage wird die im März antretende neue Führung der Volksrepublik noch viele schlaflose Nächte bringen: Wie kann sich China von einem Wirtschaftssystem befreien, das auf billiger Arbeitskraft und immer grösserem Ressourcenverbrauch aufgebaut ist? Viele Reformen sollen das «qualitative Wachstum» ermöglichen – also ein Wirtschaften, das sozialer, umweltschonender und nicht mehr von billigen Löhnen abhängig ist. Mit Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft.

Wie im Zeitalter der industriellen Revolution im Westen spielt die wenig produktive Landbevölkerung die Rolle eines Puffers, der das Arbeitsreservoir flexibel und die Löhne stabil hält. Steigt die Produkti­vität der Industrie, werden mehr Arbeitskräfte vom Land in die Städte gelockt.

Arbeiter als Manövriermasse

Das Millionenheer der Wanderarbeiter ist die Manövriermasse, die die Löhne im Schach hält, obwohl der einzelne Arbeiter immer produktiver wurde. Dadurch konnten Unternehmen mehr Profite einstreichen und mehr investieren. Eine für die Industrie abrufbare Landbevölkerung ist einer der wichtigsten Wachstumstreiber.

Doch was geschieht, wenn diese Masse an flexiblen Arbeitern vom Land nicht mehr zur Verfügung steht? Ab diesem ­sogenannten Lewis-Wendepunkt, benannt nach dem Nobelpreisträger William Arthur Lewis, werden Arbeitskräfte knapp. Die Löhne steigen sehr schnell, die Unternehmensprofite sinken und die ­Investitionen müssen zurückgehen.

Der Lewis-Punkt kommt auf China ­unvermeidlich zu, warnen Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in einer neuen Studie. Schon jetzt überschreitet die Nachfrage das Angebot in den Städten. Die junge Arbeitsbevölkerung zwischen zwanzig und vierzig Jahren sinkt bereits. Der in der Landwirtschaft gehaltene Überschuss an Arbeitskräften fällt auch schon. Zwischen 2020 und 2025 wird die arbeitende Bevölkerung dann tatsächlich ­kleiner – dieser Rückgang wird sich ­danach gar beschleunigen.

Um das Angebot an Arbeitskräften hoch zu halten, könnte die Ende der Siebzigerjahren eingeführte Einkindpolitik aufgegeben werden. Momentan werden 1,6 Kinder je Frau geboren, doch die IWF-Ökonomen sehen keinen grossen Effekt durch eine höhere Fruchtbarkeit. Würde die Zahl der Kinder auf 2,1 erhöht, würde sich der Arbeitskräftemangel nur wenig entschärfen.

Keine Rückkehr möglich

Die angestrebte Urbanisierung (vgl. Artikel vom 31. Januar 2012) der Landbevölkerung ist wichtig im Kampf gegen die Knappheit an Arbeitern. Die Wanderarbeiter sollen leichter sich in der Stadt niederlassen können. Doch die damit einhergehende höhere ­Erwerbsquote – der Anteil der tatsächlich arbeitenden Menschen – kann die Verknappung nicht aufhalten.

Chinas Wirtschaftspolitik wird in den nächsten zwei Jahren zwei Reformprogramme verfolgen, um die Wirtschaft für diese neue Tatsache fit zu machen: eine Liberalisierung des Finanzsektors und eine wettbewerbsfähigere Industrie. Doch die IWF-Autoren stellen fest, dass beide Reformen die Lage am Arbeitsmarkt gar verschärfen werden.

Im Finanzsystem soll die staatlich ­festgesetzte Höhe der Zinsen aufgegeben werden. Höhere Einlagezinsen sollen private Investitionen in die Wirtschaft ankurbeln. Doch mit höheren Zinsen würden die Haushalte schneller ihre Sparziele erreichen – und damit weniger arbeiten. Gleichzeitig würde eine wettbewerbsfähigere Industrie die Nachfrage nach Arbeitskräften erhöhen – und damit das Überschussangebot sinken lassen.

Die Autoren kommen zum Schluss: «Markt- und Politikreaktionen werden nur eine Nebenrolle spielen.» Der demogra­fische Trend sei zu dominant. Die Politik kann ihn nur minimal verzögern.

Die Zeit drängt: In wenigen Jahren muss Chinas Wirtschaft so produktiv ­werden, dass sie mit schnell steigenden Löhnen und Arbeitskräftemangel zurechtkommen kann. Die Führung in Peking muss nun ein hohes Reformtempo angehen – sie hat keine Wahl.

Leser-Kommentare

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Helmut Reisen 04.02.2013 - 18:12
Der Lewis-Punkt, englisch Lewis Turning Point, stammt vom karibikstämmigen Nobelpreisträger Sir Arthur Lewis, also nicht von einem Britten namens William Lewis. Das Thema ist ohne Zweifel zentral, auch für die Weltwirtschaft. Der Arbeitsmarkt in China transformiert sich weg vom Ricardianischen hin zu einem neoklassischen Markt, die Löhne steigen nach Massgabe der Produktivität der Arbeit. Was dies für die Güterpreisbildung einfacher… Weiterlesen »