Meinungen

Die Asienkrise als Keim der westlichen Finanzkrise

Asien hat sich von der 1997er Krise vor allem dank der Abwertung der Währungen erholt. Ein Kommentar von Ernst Herb.

« Dank den stark abgewerteten Währungen gewannen die asiatischen Exportwirtschaften auf den internationalen Weltmärkten schnell an Wettbewerbsfähigkeit.»

Am 2. Juli 1997 gab die Abwertung des thailändischen Bahts die Initialzündung zur asiatischen Finanzkrise. Dem Ereignis vorausgegangen waren in der gesamten Region jahrelang aufgetürmte Zahlungsbilanzdefizite. Dank fix an den Dollar gebundenen Wechselkursen verschuldeten sich Staaten, Unternehmen und Privathauhalte in diesen Jahren mit günstigen Fremdwährungskrediten. Nach der massiven Abwertung der Lokalwährungen konnten diese nicht mehr bedient werden. 2008, nur elf Jahre später, löste der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers die ­globale Finanzkrise aus, die später auf die Eurozone übergriff.

Obwohl die drei Krisen regionalspezifische Eigenheiten haben, gibt es doch gewisse Ähnlichkeiten. Die globale Überliquidität liess Regierungen, Unternehmen und Private gravierende strukturelle Probleme zu lange übersehen. Die Kombination fixer Wechselkurse, niedriger Zinsen und offener Kapitalmärkte verlieh wachsenden makroökonomischen Ungleich­gewichten den Anschein von Stabilität.

Schon 1997: Auslandbanken

Als langfristig am fatalsten kann der vor fünfzehn Jahren dank Milliardenkrediten des Internationalen Währungsfonds IWF abgewendete Staatsbankrott Thailands oder auch der Indonesiens betrachtet werden. Es lässt sich darüber streiten, ob diese Länder deswegen ihre jeweilige Krise besser oder schlechter überstanden haben, doch wie jetzt etwa im Fall der Rettung Griechenlands wird meist übersehen, dass durch Notkredite nicht nur die Länder selbst, sondern vor allem auch dort engagierte systemrelevante ausländische Grossbanken vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Genau wegen dieses klassischen Falls von Moral Hazard sind und werden auch in Zukunft die Risiken nicht in die Kosten des Kapitals eingebaut – und so die Grundlagen der nächsten Krise gelegt.

Der Weg, über den Asien nach 1997 aus der Krise fand, unterscheidet sich allerdings deutlich vom Pfad, den die USA nach 2008 und die Eurozone zwei Jahre später zur Überwindung ihrer Probleme wählten. Länder wie Thailand, Indonesien oder Südkorea auferlegten sich nicht zuletzt als Gegenleistung für die vom IWF gewährten Notkredite einen strengen Austeritätskurs. Nach nur wenigen Jahren der Deflation, erhöhter Arbeitslosenraten und innenpolitischen Konflikts fanden diese Volkswirtschaften zu neuer Stärke.

Die asiatischen Schwellenländer bewältigten ihre Probleme unter leichteren Rahmenbedingungen als die peripheren Eurostaaten und die USA. Dank den stark abgewerteten Währungen gewannen die asiatischen Exportwirtschaften auf den internationalen Weltmärkten schnell an Wettbewerbsfähigkeit. Daneben kennen sie mit ihrer vergleichsweise jungen und mobilen Bevölkerung günstigere demografische Verhältnisse als (besonders) Europa und (weniger) die USA.

Die sozialen Kosten der Krise wurden in Asien grossteils von den – in den reifen Industriestaaten nicht mehr bestehenden – Grossfamilien finanziert. Vor allem in Nordostasien ist der nationale Zusammenhalt grösser, als das heute in Griechenland oder auch in Italien der Fall ist. Als 1997/98 etwa Südkoreas Hartwährungsreserven sich dem Nullpunkt näherten, überliessen Bürger nach einem Appell der Regierung private Dollarersparnisse sowie Goldschmuck in Milliardenhöhe freiwillig dem Staat.

Trotz dieser Unterschiede können die USA und die Länder der Eurozone einiges vom Beispiel der asiatischen Schwellenländer lernen, vor allem weil diese die richtigen Lehren aus der eigenen Krise ­gezogen und nicht zuletzt deshalb die 2008 einsetzende globale Finanzmarktschmelze weitgehend unbeschadet überstanden haben.

Im Westen wurde die asiatische Finanzkrise in erster Linie auf den Filz zwischen Politik und Wirtschaft und auf die Unerfahrenheit der Investoren zurückgeführt. Das habe eine effiziente Kapitalallokation verhindert und damit zur Bildung einer gewaltigen Blase geführt, die früher oder später platzen musste.

An korrupten Politikern und Beamten, unfähigen Bankern und an Investoren, die sich vom Herdentrieb leiten liessen, fehlte es in Asien vor 1997 tatsächlich nicht. Doch die riesigen makroökonomischen Ungleichgewichte hätten sich ohne die lockere Geldpolitik der westlichen Zentralbanken nicht bilden können.

Asiaten aus Erfahrung gewitzt

Konjunkturlenker der Region beobachteten in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts die in den reifen Industriestaaten entstehende Flut billigen Geldes mit grosser Sorge. Die noch frische Erinnerung an die eigene Finanzkrise sorgte daher dafür, dass sich asiatische Investoren in bloss geringem Umfang auf dem amerikanischen Häuser- und dem europäischen Anleihenmarkt engagierten. Vor allem aber erteilten lokale Banken auf dem einheimischen Immobilienmarkt nur noch sehr zurückhaltend Hypothekarkredite.

Zudem sorgten die Staaten der Region mit beachtlicher Haushaltsdisziplin und konservativer Bankenregulierung für stabile makroökonomische Verhältnisse. Mit dem nur schrittweisen Abbau von Kapitalverkehrskontrollen oder ihrer erneuten Einführung (Indonesien, Südkorea, Thailand) bekämpften sie den Zufluss spekulativer Gelder. Die Staaten wehrten sich damit gerade auch gegen eine zu rasche Aufwertung ihrer Währungen, durch die ihre stark exportabhängigen Volkswirtschaften auf den internationalen Märkten an Wettbewerbsfähigkeit verloren hätten.

Trotz dieser administrativen Massnahmen türmten sich ihre aus hohen Handelsbilanzüberschüssen erarbeiteten Hartwährungsreserven auf, die wiederum in ­liquide amerikanische Staatsanleihen investiert wurden. Während vor 1997 westliches Kapital Asien überflutete, schwappte nun exzessive Liquidität von Osten nach Westen. Es ist mehr als eine Ironie, dass gerade mit dem Rückfluss von Kapital aus aufstrebenden asiatischen Schwellenländern sowie aus Rohstoffexportstaaten wie Saudi-Arabien oder Brasilien auf westliche Finanzmärkte die Zinsen global niedrig blieben; das trug nach 2003 zum Entstehen der US-Immobilienblase und zur Schuldenkrise in der Eurozone bei.

Aus einiger zeitlicher Entfernung werden Wirtschaftshistoriker das einst vielleicht als späte Rache für die vom IWF 1997 zur Kur der kranken asiatischen Länder verabreichte äusserst bittere Medizin (hohe Zinsen, fallende Staatsausgaben) beschreiben. Eine Medizin, gegen deren Einnahme sich die heute krisengeplagten westlichen Staaten bisher nach Kräften sträuben. Asien hat sich nach 1997 schnell vom Schwächeanfall erholt. Doch weil die Welt die falschen Schlüsse aus der ­damaligen Finanzkrise gezogen hat, kehrt sie nur wenige Jahre später in viel grösserem Ausmass zurück.