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Meinungen

Die Automatisierung der Arbeit

«Nicht alle Schichten profitieren in gleichem Mass vom technologischen Fortschritt.»
Der Einsatz von Maschinen, Computern und Robotern hat nicht zu einem deutlichen Rückgang der Beschäftigung geführt. Ein Kommentar von David Dorn.

Wird die Entwicklung von intelligenten Maschinen zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren führen? Klar ist, dass die technologische Entwicklung die Leistungsfähigkeit von Robotern ständig verbessert und damit eine immer stärkere Konkurrenz zur menschlichen Arbeitskraft schafft. Klar ist aber auch, dass die Sorge um Automatisierung und Arbeitslosigkeit nicht neu ist. 1832 zerstörten Heimarbeiter und Kleinfabrikanten aus dem Zürcher Oberland eine Textilfabrik in Uster, da sie ihre Existenz durch den Einsatz von mechanischen Webstühlen bedroht sahen. Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» sagte bereits 1978 voraus, über die Hälfte aller Arbeitsstellen werde bis zur Jahrhundertwende der neuen Robotertechnologie zum Opfer fallen.

Umso mehr erstaunt deshalb, dass es auch heute noch sehr viele Arbeitsstellen gibt. Die Zahl der Erwerbstätigen und die Erwerbsquote haben im vergangenen Jahr in der Schweiz gar historische Höchst erreicht. Die dramatische technologische Entwicklung der vergangenen zwei Jahrhunderte hat die menschliche Arbeit also nicht überflüssig gemacht.

Automatisierung und Erwerbstätigkeit

Seit 1850 ist in der Schweiz die landwirtschaftliche Produktion deutlich gestiegen, während der Beschäftigungsanteil dieses Sektors von über 50% auf weniger als 5% eingebrochen ist. Diese Entwicklung wurde ermöglicht durch eine Vielzahl neuer Technologien wie die Nutzung leistungsfähiger Landmaschinen. Im Industriesektor ist Fliessbandarbeit zusehends durch Maschinen und Produktionsroboter abgelöst worden. Auch im Dienstleistungssektor ermöglicht der technologische Wandel das Einsparen von Arbeitsstellen. Im Bankgewerbe etwa wird die Buchhaltung elektronisch erledigt. Es steht also ausser Frage, dass neue Technologien in grossem Umfang menschliche Arbeit ersetzt haben.

Dem Arbeitsplatzverlust durch Automatisierung in manchen Berufen und Branchen steht jedoch eine steigende Beschäftigung in anderen Wirtschaftsbereichen gegenüber. Leicht ersichtlich ist die steigende Nachfrage nach Arbeitnehmern, die direkt zur Entwicklung und Verbreitung neuer Technologien beitragen: Die Einführung der maschinellen Textilfabrikation im 19. Jahrhundert ging in der Schweiz mit der Schaffung vieler Stellen im Maschinenbau einher; im Computerzeitalter gibt es heute in den USA mehr Softwareentwicklerinnen und Programmierer als Anwältinnen oder Automechaniker.

Die technologische Entwicklung hat ausserdem bedeutende Auswirkungen auf Güterpreise und Konsum, die zu einer veränderten Arbeitsnachfrage führen können. Das Ersetzen von Handarbeit durch maschinelle Fertigung ermöglicht es, viele Produkte deutlich billiger zu produzieren und anzubieten. Die Konsumenten können deshalb mit einem gegebenen Geldbetrag eine grössere Menge der günstigeren Güter erwerben – oder sie verwenden einen steigenden Anteil ihres Budgets zum Kauf von Erzeugnissen, die weniger stark von Automatisierung und fallenden Preisen betroffen sind.

Die veränderte Konsumstruktur zeigt sich besonders deutlich an Nahrungsmitteln und Getränken, deren Anteil am Gesamtkonsum der Schweizer Haushalte von knapp einem Drittel 1950 auf lediglich 7% in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Da die Deckung der Grundbedürfnisse von Wohnung, Nahrung und Kleidung nicht mehr den grössten Teil der Haushaltsausgaben in Anspruch nimmt, ist der Konsum von vielen anderen Gütern und vor allem von Dienstleistungen gestiegen.

Ferienreisen etwa sind nicht mehr das Privileg einer begüterten Elite, sondern werden von breiten Bevölkerungsschichten nachgefragt. Auch für viele andere Freizeitaktivitäten steht ein grösseres Budget zur Verfügung. Dies wiederum hat Folgen für die Beschäftigung. Die Zahl der Arbeitsplätze im Wirtschaftszweig Kunst, Unterhaltung und Erholung ist in der Schweiz in den vergangenen 25 Jahren um zwei Drittel und somit deutlich schneller als die Gesamtbeschäftigung gestiegen. Die technologische Entwicklung kann also über fallende Preise für maschinell gefertigte Produkte und eine Verschiebung der Konsumstruktur der Haushalte zur Schaffung von Arbeitsplätzen führen – in Branchen, die nicht direkt von der Automatisierung betroffen sind.

Die empirische Evidenz zeigt deutlich, dass die Maschinen-, Computer- und Robotertechnologie nicht zu einem deutlichen Rückgang der Beschäftigung geführt hat. Die Zusammensetzung der Erwerbstätigkeit hat sich jedoch deutlich verändert. In den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich die Mechanisierung von Arbeit v. a. auf den Agrar- und den Industriesektor. Maschinen ersetzten dort viele Tätigkeiten, die physisch anstrengend und kognitiv eintönig waren. Mit dem Einsatz von Robotern in der industriellen Fertigung seit den Siebzigerjahren hat sich diese Entwicklung fortgesetzt. Diese Maschinen sind besonders gut dafür geeignet, repetitive Fertigungsschritte mit hoher Präzision und ohne Ermüdung durchzuführen.

Seit der Einführung des PC von IBM zu Beginn der Achtzigerjahre hat sich die Automatisierung aber zusehends auch auf die Bürotätigkeiten des Dienstleistungssektors ausgeweitet. Computer sind den Menschen im Hinblick auf ihre Rechenleistung weit überlegen. Sie eignen sich ausserdem zum Speichern, Abrufen, Verarbeiten und Übermitteln von Informationen. Deshalb können zum Beispiel manche Tätigkeiten in der Buchhaltung durch Computer ersetzt werden.

Die von der Automatisierung betroffenen Büro- und Fertigungsberufe sind häufig keine Niedriglohnberufe, sondern sind im mittleren Bereich der Lohnverteilung angesiedelt. Ihr abnehmender Anteil an der Gesamtbeschäftigung führt deshalb zu einer Polarisierung des Arbeitsmarktes, bei der sich Beschäftigung zunehmend in Niedriglohn- und Hochlohnberufen konzentriert. Diese Polarisierung zeigt sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen westeuropäischen Ländern, in den USA und in reichen Ländern Ostasiens.

Polarisierung der Arbeitsmärkte

Was sind die Tätigkeiten, die bislang der Automatisierung standhalten? Hervorzuheben ist zuerst eine breite Palette an gut bezahlten Berufen wie Manager, Ingenieurinnen, Anwälte, oder Unternehmensberaterinnen. Diese Tätigkeiten folgen nicht einem klar im Voraus definierten Arbeitsablauf, den man in ein Computerprogramm einspeisen könnte. Stattdessen erfordern sie immer wieder Kreativität, Problemlösung und Entscheidungsfähigkeit im Umgang mit neuen Projekten und Personen. Computer können diese Tätigkeiten nicht leicht ausführen, aber sie können sie z. B. durch den erleichterten Zugang zu Informationen unterstützen.

In meiner Forschung habe ich gezeigt, dass neben den Hochlohnberufen auch niedrig bezahlte Dienstleistungsberufe ihren Beschäftigungsanteil steigern konnten. Diese Berufsgruppe umfasst z. B. Kellner, Kinderbetreuerinnen, Hauswarte und Coiffeusen. Viele dieser Tätigkeiten erfordern den Umgang mit Menschen und eine Kombination von räumlicher und visueller Erkennung mit feinmotorischer Bewegung. Während diese Tätigkeiten auf grundlegende menschliche Fähigkeiten abstützen, stellen sie Roboter weiterhin vor grosse Probleme.

Die vielfach geäusserte Befürchtung, dass Computer und Roboter die Arbeitskraft besonders von niedrig ausgebildeten Erwerbstätigen obsolet machen, lässt sich durch die empirische Evidenz nicht stützen. Die Polarisierung des Arbeitsmarktes in gut und schlecht bezahlte Berufe trägt jedoch dazu bei, dass in vielen westlichen Ländern die Einkommensungleichheit steigt, womit nicht alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Masse vom technologischen Fortschritt und von der damit verbundenen Effizienzsteigerung profitieren.