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Bitcoin-Bedrohung

Ein Bitcoin-Crash könnte ernsthafte Folgen haben. Wie stark Finanzinstitute bereits investiert sind, würde wahrscheinlich erst nach einer finanziellen Katastrophe klar. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James, London
«Bitcoin weckt schlimme Erinnerungen an die Jahre 2007 und 2008, als niemand wusste, wie hoch die Investitionen in unsichere Hypothekenpapiere wirklich waren.»

Die ausserordentliche Volatilität des Bitcoins und anderer Kryptowährungen bedroht in jüngster Zeit nicht nur das internationale Finanzsystem, sondern auch die politische Ordnung. Die Blockchain-Technologie, auf der diese Währungen beruhen, verspricht eine bessere und sicherere Zahlungsmethode als jemals zuvor, und manche glauben, Kryptowährungen könnten die traditionellen elektronischen Zahlungsmittel ersetzen – so wie elektronische Transaktionen das Bargeld ersetzt haben, das wiederum der Nachfolger von Gold und Silber ist.

Andere aber haben den begründeten Verdacht, diese neue Technologie könne manipuliert oder missbraucht werden. Geld ist Teil unserer sozialen Struktur. Über grosse Teile der Geschichte menschlicher Zivilisation hinweg hat es die Grundlage für Vertrauen geschaffen – zwischen den Bürgern und ihrer Regierung und für den Austausch zwischen den Menschen. Fast immer war es auch Ausdruck von staatlicher Hoheit; private Währungen gab es nur sehr selten.

Münzen aus Metall trugen normalerweise die Zeichen nationaler Identität. Eins der ersten Beispiele dafür war die Eule, das Symbol der Stadt Athen. Oft allerdings war nicht klar, ob die Embleme auf den Münzen staatliche Souveränität oder Göttlichkeit spiegelten. Wessen Kopf ist auf der Münze? Ist es Philipp von Mazedonien oder Alexander der Grosse? Oder ist es Herkules? Später nutzten die römischen Kaiser diese Zweideutigkeit aus, indem sie Münzen mit ihrem eigenen «göttlichen» Gesicht prägten. Sogar heute sind auf britischen Münzen noch Worte zu finden, die die Monarchie mit Gott in Verbindung bringen.

Schlechtes Geld wirkt zerstörerisch

Wie auch immer, jedenfalls zieht sich ein klares Muster durch die Geschichte: Schlechte Staaten geben schlechtes Geld heraus, und schlechtes Geld führt dazu, dass Staaten scheitern. Während Inflations- oder gar Hyperinflationsperioden wurde durch eine radikale Abwertung der Währung die Grundlage der politischen Ordnung zerstört. Der Dreissigjährige Krieg im Mitteleuropa des 17. Jahrhunderts beispielsweise wurde weitgehend dadurch verursacht, dass nach einer Zeit geldpolitischer Instabilität die soziale Ordnung zusammenbrach.

Auf ähnliche Weise wurde während der Französischen Revolution die Legitimität der Jakobiner durch Spekulation mit Papiergeld untergraben. Dieses Geld war an «nationales» Eigentum gekoppelt, das von den Aristokraten und der Kirche konfisziert worden war. Während und nach den zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert wiederum zerstörte die Inflation Europas politische Institutionen und fachte die Flammen der Radikalisierung an. Tatsächlich betrachtete Wladimir Lenin die Notenpresse als die «einfachste Methode, um den Geist des Kapitalismus» und der bürgerlichen Demokratie zu zerstören.

Schlechtes Geld war nicht nur einer der Hauptfaktoren hinter der Auflösung von Nationen, sondern auch entscheidend für zwischenstaatliche Konflikte. Immer schon war es für kriegslüsterne Länder eine billige Methode zur Zerstörung ihrer Gegner, geldpolitische Unruhe auszulösen oder auszunutzen. Sogar in Friedenszeiten reagierten einige Länder auf den Niedergang politischer Beziehungen, indem sie Falschgeld in Umlauf brachten, um jenseits ihrer Grenzen Misstrauen zu säen.

Fälscher am Werk

Das beste Beispiel für einen solchen Währungskrieg war das Programm der Nazis, während des Zweiten Weltkriegs Banknoten der Alliierten zu drucken. Falschgeld konnte natürlich auch dazu verwendet werden, knappe Ressourcen zu erwerben oder Spione zu bezahlen. Aber Deutschland plante auch, mit Langstreckenbombern gefälschte Geldscheine über Grossbritannien abzuwerfen. Die Demoralisierung und das Chaos, die dadurch verursacht worden wären, kann man sich kaum vorstellen. Jeder, der grössere Geldbeträge besass, wäre dadurch automatisch in Verdacht geraten, und das öffentliche Vertrauen hätte sich schnell aufgelöst. Es kann zerstörerischer sein, Geld abzuwerfen statt Bomben.

Noch leichter lässt sich Geld manipulieren, wenn es internationalisiert ist. In der Neuzeit haben Schurkenstaaten wie Nordkorea immer wieder Banknoten gefälscht, besonders diejenigen der USA. Auch grenzüberschreitende elektronische Überweisungen werden häufig für schädliche und kriminelle Zwecke benutzt. Bis jetzt gab es jedoch ausserhalb des Fantasiewelt des Kinos noch keine geldpolitischen Anschläge, die sich global zerstörerisch ausgewirkt hätten.

Natürlich gibt es seit langem politische Bemühungen, den Dollar zu untergraben oder als dominante Weltwährung zu ersetzen. Die verführerischste Alternative scheint dabei das Gold gewesen zu sein. Russische Theoretiker eines «Eurasiens» beziehen sich oft auf die Verwendung des Edelmetalls in der traditionellen russischen Ikonografie. 2001 versuchte der damalige malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamad, dem US-dominierten Währungssystem einen «Golddinar» entgegenzusetzen. 2005 schlug Al-Kaidas Sicherheitschef Saif al-Adl vor, mithilfe von Gold den Dollar zu vernichten.

Das «Gold des 21. Jahrhunderts»

Der Bitcoin erinnert dabei an eine Art Gold des 21. Jahrhunderts, und seine Erfinder haben diese Analogie sogar begrüsst. Ihn zu produzieren oder zu «schürfen», kostet Aufwand. Genau wie der Goldpreis einst die menschliche Anstrengung gespiegelt hat, das Metall in abgelegenen Orten aus dem Boden zu holen, kostet das Schürfen von Bitcoin ein enormes Mass an Rechenleistung, für die billige Energie an abgelegenen Orten von Asien oder Island genutzt wird.

Doch der Aufstieg des Bitcoins spiegelt einen Wandel dessen, wie die Gesellschaft grundlegende Werte wahrnimmt. Die vormodernen metallischen Währungen galten als Basis für die Theorie der Wertschöpfung durch Arbeit – bei der Güter und Dienstleistungen den Wert haben, der ihnen durch menschliche Arbeit gegeben wird. Die Blockchain-Technologie hingegen spricht einer Kombination von Rechenleistung und gespeicherter Energie Wert zu, die beide nicht menschlich sind.

Gleichzeitig machen es Kryptowährungen wie Bitcoin so gut wie unmöglich, zwischen staatlicher und privater Kriminalität zu unterscheiden. So wird Nordkorea verdächtigt, weiterhin zu versuchen, die Geldpolitik durch das Schürfen von Bitcoin zu manipulieren, was China und Südkorea veranlasst hat, Bitcoin-Tauschbörsen zu schliessen. Auch grosse Kryptowährungsplattformen wie Coincheck in Japan haben den Handel gestoppt.

Finanzielle Massenvernichtungswaffe?

Trotzdem haben wir bereits den Punkt erreicht, an dem ein Bitcoin-Crash ernsthafte globale Folgen haben könnte. Wie stark die Finanzinstitute bereits in Bitcoin investiert sind, wissen wir nicht, und klar würde dies wahrscheinlich erst nach einer finanziellen Katastrophe. Die neue Währung weckt schlimme Erinnerungen an die Jahre 2007 und 2008, als niemand wusste, wie hoch die Investitionen in unsichere Hypothekenpapiere wirklich waren. Welche Geldinstitute pleitegehen würden, konnte man vor dem Crash lediglich vermuten.

Genau wie man nicht sofort beurteilen kann, ob eine Nachricht «Fake News» ist, kann man auch nicht unmittelbar sagen, wie werthaltig neue Formen von Geld sind. Bevor eine Währung durch eine Regierung garantiert wird, geniesst sie selten völliges Vertrauen. Dies bedeutet aber nicht, dass sie nicht zum Spielball der Naiven und Leichtgläubigen werden kann – oder zur finanziellen Massenvernichtungswaffe für die politischen Kriegstreiber aus aller Welt.

Copyright: Project Syndicate.

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