Meinungen

Die Beschäftigung schrumpft

Der Arbeitsmarkt ist in den Industrieländern unter Druck. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Somit drohen in der ganzen Wirtschaft erhebliche Strukturschäden. »

Die gute Nachricht vorweg: Der Arbeitsmarkt hat sich in der OECD gemäss den neuesten Zahlen im dritten Quartal des vergangenen Jahres wieder leicht erholt. Das spiegelt sich in der Erwerbsquote (Erwerbstätige gemessen am Total (TTE 39.76 +0.79%) der Bevölkerung im Erwerbsalter zwischen 15 und 64 Jahren). Die Quote ist im OECD-Durchschnitt im Vergleich zum Vorquartal auf 66,7% gewachsen (+1,9 Prozentpunkte). Allerdings liegt die Quote damit immer noch deutlich unter dem Vor-Corona-Niveau im ersten Quartal von 69,2% – das ist die schlechte Nachricht. Im dritten Quartal 2019 hatte die Quote 69,5% erreicht.

Eine analoge Entwicklung zeigt sich grundsätzlich auch in der Schweiz. Allerdings mit zwei erfreulichen Abweichungen: Das Niveau der Erwerbsquote der Schweiz liegt deutlich über dem OECD-Schnitt. Zudem sind die Schwankungen kleiner. Die Erwerbsquote der Schweiz betrug im dritten Quartal 79,8%.

In der OECD erreichte nur Island mit 81,7% einen höheren Wert. Der vergleichsweise (noch) liberale Arbeitsmarkt der Schweiz zahlt sich einmal mehr aus – auch wenn das Gewerkschaften, Linken und Grünen in der Regel nicht in den Kram passt. Eine ähnlich hohe Quote wie die Schweiz erreichten auch die Niederlande mit 77,5%. Am Ende der Liste stehen Griechenland und Kolumbien mit einer Erwerbsquote von je 56,2%, Chile mit 52,5% sowie die Türkei mit 47,8%.

Allerdings dürften die verbesserten Werte des dritten Quartals keinen Trend signalisieren. Die Situation dürfte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schon im vierten Quartal wieder verschlechtert haben – und zu Jahresbeginn 2021 wegen der flächendeckend ergriffenen Lockdown-Massnahmen sowieso.

In der Schweiz leiden unter dem staatlich verordneten Lockdown, der mindestens bis Ende Februar gültig ist, nicht nur die persönliche Freiheit der Individuen, sondern auch Branchen wie der Fremdenverkehr, die Gastronomie, die Kultur- und Eventbereiche oder der Detailhandel. In diesen Branchen wird die Beschäftigung spürbar sinken und umgekehrt die Arbeitslosigkeit steigen.

Vor dem Hintergrund des auch in der Schweiz gültigen Lockdown ist die Arbeitsmarktprognose des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco (es erwartet für 2021 eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 3,3%) sehr optimistisch; sie wurde Anfang Januar erstellt, vor dem neuerlichen Lockdown. In den genannten Branchen wird es voraussichtlich zu vielen Konkursen kommen. Viele Unternehmen haben den ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr zwar überstanden, doch ihre Reserven sind aufgebraucht.

Sind die Arbeitsplätze aufgrund von Konkursen aber erst einmal zerstört, werden nicht so rasch wieder neue geschaffen. Somit drohen in der ganzen Wirtschaft erhebliche Strukturschäden. Diese zu kompensieren, dürfte wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als heute gedacht – das kostet die Wirtschaft Wachstum und die Gesellschaft Wohlstand. Da ist es bloss ein schwacher Trost, dass die Schweiz etwas besser dasteht als andere Industrieländer.