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Beziehung zwischen den USA und China ist zerrüttet

Die zwei mächtigsten Staaten überbieten sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Unter den Folgen dieses Zwists werden beide leiden. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
«Ist es wirklich zu spät für Donald Trump und Xi Jinping, zu begreifen, was auf dem Spiel steht?»

Es hätte nicht so enden müssen, doch nun sind die Würfel gefallen. Nach 48 Jahren mühsamen Fortschritts steht ein grosser Bruch in der amerikanisch-chinesischen Beziehung bevor. Das Ergebnis ist eine Tragödie für beide Seiten – und für die Welt. Zwei ergrimmte Länder sind in gegenseitigen Schuldzuweisungen gefangen, aus denen es so schnell keinen Ausweg gibt. Das kann in einen unnötigen Handelskrieg oder in einen zunehmend verzweifelten Coronakrieg münden.

Eine nationalistische amerikanische Bevölkerung hat genug von China. Gemäss einer neuen Meinungsumfrage des Pew Research Center sehen 66% der US-Bürger China inzwischen in einem ungünstigen Licht. Das sind sechs Prozentpunkte mehr als im letzten Sommer und der höchste Wert, seit das Pew diese Frage vor rund fünfzehn Jahren in seine Umfrage aufgenommen hat. Während diese Verschiebung bei Republikanern, über Fünfzigjährigen und Hochschulabsolventen besonders deutlich ausfällt, erreichte die negative Stimmung unter Demokraten, den jüngeren Altersgruppen und den weniger Gebildeten ebenfalls Rekordwerte.

Eine gleichermassen nationalistische chinesische Bevölkerung ist auch auf die USA wütend. Das liegt nicht nur daran, dass Präsident Donald Trump darauf beharrt hat, eine globale Pandemie als «chinesisches Virus» zu bezeichnen. Ein Grund ist auch, dass das Geflüster, das den Ausbruch von Covid-19 mit angeblichen verdächtigen Aktivitäten im Nationalen Labor für Biosicherheit in Wuhan in Verbindung brachte, sich inzwischen zu einem Gebrüll ausgewachsen hat.

Einschneidende Auswirkungen

Genau wie die meisten Kinder beigebracht bekommen, dass ein Unrecht das andere nicht aufhebt, sind wechselseitige Schuldzuweisungen keine Rechtfertigung für den Abbruch der wichtigsten bilateralen Beziehung der Welt. Doch die Zeit für leidenschaftslose Logik ist vorbei. Wir müssen stattdessen nun über die einschneidenden Folgen dieses Bruchs nachdenken.

Beide Volkswirtschaften sind stark voneinander abhängig und werden leiden. China dürfte seinen grössten ausländischen Kunden verlieren, und das zu einer Zeit, in der noch immer 20% seines BIP auf den Export entfallen. Es wird den Zugang zu US-Technologiebauteilen verlieren, die es braucht, um die heimische Innovation voranzutreiben, und der Verlust einer Ankerbeziehung zum US-Dollar könnte zu grösserer Finanzinstabilität führen.

Doch die Folgen für die USA werden ähnlich problematisch sein. Sie werden eine wichtige Quelle preiswerter Güter verlieren, auf die sich die einkommensschwachen Verbraucher seit langem stützen, um über die Runden zu kommen. Die wachstumshungrige US-Wirtschaft wird zudem einen wichtigen ausländischen Kunden verlieren, weil sich China inzwischen zu Amerikas drittgrösstem und am schnellsten wachsenden Exportmarkt entwickelt hat. Die USA werden zudem ihre grössten ausländischen Abnehmer von Staatsanleihen verlieren, was umso bedenklicher ist angesichts des sich abzeichnenden, durch die grössten staatlichen Haushaltsdefizite der Geschichte bedingten Finanzierungsbedarfs.

Globale Machtbalance verändert sich

Der Bruch zwischen beiden Ländern ist keine grosse Überraschung. Wie bei zwischenmenschlichen Beziehungen kann eine wechselseitige geopolitische Abhängigkeit zu Konflikten führen, besonders wenn ein Partner anfängt, eigene Wege zu gehen. Chinas Jahrzehnt der Neuausrichtung – von Exporten und Investitionen auf konsumgestütztes Wachstum, von der Fertigung auf Dienstleistungen, von Ersparnisüberschüssen auf die Absorption von Ersparnissen und von importierter auf heimische Innovation – hat das Land in der Tat auf einen deutlich anderen Kurs gebracht.

Dies erwies sich als zunehmend unbequeme Entwicklung für die von China abhängigen USA. Das zurückgelassene Amerika fühlte sich verschmäht, und dieses Gefühl führte zunächst zu Schuldzuweisungen und jetzt zum offenen Konflikt.

Die Folgen des Bruchs zwischen beiden Ländern reichen weit über das Wirtschaftliche hinaus. Es könnte durchaus eine deutliche, einen neuen kalten Krieg einläutende Verlagerung des globalen Machtgleichgewichts bevorstehen. Unter Trumps «America First»-Regierung orientieren sich die USA nach innen, machen einst loyale Verbündete verächtlich, entziehen wichtigen multilateralen Institutionen (einschliesslich der Welthandelsorganisation und, mitten in einer Pandemie, der Weltgesundheitsorganisation) ihre Unterstützung und haben sich dem Handelsprotektionismus zugewandt. Derweil füllt China die Lücke – teils mit Absicht (durch seine Seidenstrasseninitiative, die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank und Lufttransporte medizinischer Versorgungsgüter in von der Pandemie heimgesuchte Länder in Europa und anderswo), aber auch, angesichts des Rückzugs der USA, mangels Alternative.

Sobald die Zinsen steigen…

Obwohl diese tektonischen Verschiebungen dazu führen werden, dass es den meisten Amerikanern schlechter geht, scheinen die USA quasi kollektiv mit den Schultern zu zucken. Die weit verbreitete Skepsis in Bezug auf die Globalisierung (die nun durch Sorgen über die Anfälligkeit der Lieferketten verstärkt wird) hat in «America First» ihren Widerhall gefunden. Viele Amerikaner sind wütend über angeblich unfaire Handelsabkommen und -praktiken, ungehalten über die scheinbar überproportionalen US-Zahlungen an Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank und misstrauisch, dass der US-Sicherheitsschirm in Europa, Asien und anderswo Trittbrettfahrer und andere ermutigt, die nicht ihren fairen Anteil bezahlen.

Paradoxerweise kommt diese Wendung nach innen genau zu einem Moment, an dem Amerikas ohnehin schon niedrige nationale Ersparnisse durch den pandemiebedingten explosionsartigen Anstieg der staatlichen Haushaltsdefizite unter enormen Druck geraten dürften. Dies impliziert nicht nur eine Vertiefung der Leistungsbilanz- und der Handelsdefizite (die Nemesis der «America First»-Agenda), sondern stellt auch eine grosse Herausforderung für das längerfristige Wirtschaftswachstum dar.

Amerikas Staatsschuldenquote, die 2019 auf 79% lag, wird nun fast mit Sicherheit den bisherigen Rekordwert von 106% vom Ende des Zweiten Weltkriegs deutlich übersteigen. Angesichts der bei null liegenden Zinsen scheint das niemanden zu kümmern. Doch genau hier liegt das Problem: Die Zinsen werden nicht dauerhaft bei null verharren. Beim geringsten Anstieg der Kreditkosten wird das Wirtschaftswachstum in den überschuldeten USA verkümmern.

Für Ehrlichkeit auf beiden Seiten

Lässt sich die kaputte Beziehung zwischen den USA und China noch retten? Ironischerweise bietet gerade Covid-19 eine kleine Chance dafür. Die Staatschefs beider Länder müssten dazu die gegenseitigen Schuldzuweisungen beenden und anfangen, wieder Vertrauen aufzubauen. Dazu müssten sie eingestehen, was in den frühen Tagen der Pandemie – im Dezember, was China angeht, und im Januar und Februar, was die USA betrifft – wirklich passiert ist.

Dies ist nicht der Zeitpunkt für falschen Stolz oder nationalistisches Schwadronieren. Wahre Staatsmänner treten häufig in den dunkelsten Momenten der Geschichte auf den Plan (oder zeigen sich dann). Ist es wirklich zu spät für Trump und den chinesischen Präsidenten Xi Jinping, zu begreifen, was auf dem Spiel steht, und diese Gelegenheit beim Schopf zu packen?

Copyright: Project Syndicate.

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