Unternehmen / Gesundheit

Die Bilanz von Gesundheits-IPO an der SIX lässt sich sehen

Einige Pharmaauftragsfertiger und Medtech-Unternehmen, die seit der Jahrtausendwende an die Schweizer Börse gegangen sind, sind zu Börsenstars geworden.

Aktien von Medtech-Unternehmen und besonders von Pharmazulieferern sind insgesamt eine Erfolgsgeschichte an der Schweizer Börse SIX. Der Hörgerätehersteller Sonova (SOON 309.60 +1.84%), der 1994 sein Initial Public Offering (IPO) gemacht hat, oder Straumann (STMN 115.30 +0.57%), die Zahnimplantate herstellt und den Schritt vier Jahre später gewagt hat, bringen nach Kursavancen von knapp 6000 und 7000% einen Börsenwert von 20 Mrd. Fr. und mehr auf die Waage.

Einen weniger steilen, aber dennoch beachtlichen Aufstieg hatte der Pharmaauftragsfertiger Lonza (LONN 519.20 +2.00%), der an der Börse heute doppelt so viel wert ist wie Straumann und 2017 in den Leitindex SMI (SMI 10'770.40 +0.27%) aufgenommen wurde. Dort hatte er das Biotech-Unternehmen Actelion ersetzt, das von Johnson & Johnson (JNJ 179.52 +1.13%) übernommen worden war. Biotech- und Pharmagesellschaften sind in dieser Auswertung der FuW nicht einbezogen (vgl. Tabelle).

Ein neuer Rückschlag

Die Entwicklung verlief nicht immer linear. Die Pharmaauftragsfertiger mussten zwei Rückschläge hinnehmen, die mehrere Jahre andauerten: nach dem Platzen der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende und nach der Finanzkrise von 2008. Die vergangenen Wochen haben einen erneuten Ausverkauf in hoch bewerteten Aktien gebracht, darunter vielen der hier genannten. Sonova sind 8% günstiger als noch vor einem Monat, Lonza 17% und Straumann mehr als 20%.

Diese drei sowie Dottikon ES (DESN 204.00 -0.49%) und Bachem (BANB 67.45 +1.66%) sind dennoch klare Erfolgsgeschichten. Gemeinsam ist den Unternehmen, dass sie über eine starke Marktstellung verfügen, über längere Zeit ein hohes Umsatz- und Gewinnwachstum vorweisen, eine solide Bilanz haben und als professionell geführt gelten.

Auch die Zwischenbilanz des Auftragsfertigers PolyPeptide (PPGN 68.50 +5.06%) (seit April 2021 an der SIX) sowie der Implantathersteller Medacta (MOVE 91.40 +0.33%) (April 2019) und Medartis (MED 81.90 -6.83%) (März 2018) liess sich nach wenigen Monaten oder Jahren sehen. PolyPeptide und Medacta hatten ihren Kurs nach dem Börsengang verdoppelt. Inzwischen ist der Gewinn jedoch auf 24 und 6% zusammengeschmolzen.

Nur eine Aktie seit Anfang 2021 im Minus

Trotz der Korrektur weisen viele Gesellschaften seit Anfang 2021 ansehnliche Kursgewinne auf. Nur IVF Hartmann (VBSN 111.50 +5.19%), ein Hersteller und Händler von Verbandsstoffen, hat ein Drittel des Kurses eingebüsst. Alle andern notieren im Plus, der Laborausrüster Tecan (TECN 285.80 +3.10%) allerdings knapp. Seit dem IPO weisen nur SHL Telemedicine (SHLTN 17.90 +3.77%) ein Minus auf. Das kleine Unternehmen aus Israel, das medizinische Fernüberwachung anbietet, hat turbulente Zeiten erlebt.

Lorenzo Biasio, Healthcare-Analyst der Credit Suisse (CSGN 5.42 +0.07%), beobachtet ein überdurchschnittliches Interesse an Werten aus dem Gesundheitssektor: «Viele Leute haben in den vergangenen Jahrzehnten mit den Aktien von Roche und Novartis (NOVN 80.33 -0.64%) gutes Geld verdient und sind offen für weitere Engagements im Gesundheitsbereich.»

Prämie für Prognosesicherheit

In den vergangenen Monaten, als viele Unternehmen an der Börse immer höhere Bewertungen erreichten, seien vor allem Gesellschaften mit hohem Wachstum und guter langfristiger Prognosesicherheit gefragt gewesen. So sei es nicht verwunderlich, dass der Börsengang von PolyPeptide mehrfach überzeichnet gewesen sei. «Pharmaauftragsfertiger verfügen in der Regel über langfristige Lieferverträge, die Visibilität ist gross», erklärt Biasio.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Lonza liegt für dieses Jahr auch nach der jüngsten Korrektur bei rund 40, was etwa dem Doppelten der historischen Bewertung entspricht. «Es gibt gute Gründe für die höhere Bewertung», sagt Biasio. Der Trend zur Auslagerung der Produktion sei stark, ein Ende nicht absehbar.

Ausserdem habe Lonza viel in die Innovation investiert und sei breit aufgestellt. «Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Durchhänger im einen Bereich durch einen anderen Bereich aufgefangen wird.» Lonza sei auch deshalb zurzeit der einzige Schweizer Pharmauaftragsfertiger, den Credit Suisse auf der Empfehlungsliste führe. Von den Schweizer Medtech-Werten empfiehlt die Bank Straumann und Sonova. Vor allem Straumann sind aber nach wie vor teuer.

Biasio hört auch Zweifel, ob im aktuellen Umfeld von Zinsangst und geopolitischen Spannungen rund um die Ukraine etwa für Lonza eine im historischen Vergleich doppelt so hohe Bewertung gerechtfertigt sei. Die Börsen sind zurzeit im Bann solcher Makrothemen. «Lösen sich die Sorgen bald auf, könnte die Korrektur eine Kaufgelegenheit sein», sagt er. Spitzt sich die Lage hingegen zu, könnten die Kurse weiter fallen, bevor sie Boden finden.