Der Rhein ist die Schlagader Europas. Welches wirtschaftsgeografische Modell auch immer postuliert wird – er ist die Hauptachse. In einem breiten Band um den Strom ballen sich Bevölkerung, Infrastruktur, Industrie- und Dienstleistungszentren. Der französische Wissenschaftler Roger Brunet entwarf 1989 ein Modell, das er «la banane bleue» nannte, einen grossen Verdichtungsraum, der im Norden bei den alten englischen Industriezentren beginnt, über die niederländische Randstad und Flandern aufs Festland kommt, dann die Ballungen Ruhr-Köln und Rhein-Main umfasst, nach Stuttgart und München ausgreift, schliesslich über die Schweiz und Oberitalien zur Hafenstadt Genua reicht. Diese «Banane» entstand nicht auf Weisung von oben, sondern nach den Bedingungen von Topografie (Handelswege), Demografie und Marktwirtschaft. Mit diesem Bild wollte Brunet der französischen Regierung vor Augen führen, dass die seit alters politisch geförderte Zentralisierung auf Paris das Land erheblich von den wirtschaftlichen Nervenbahnen Europas abgekoppelt hat. Später schlug sein Landsmann Guy Baudelle das komplexere Modell des «pieuvre rouge» vor, das in alle Richtungen ausgreift, jedoch ausgehend vom Kern der «blauen Banane». Solche Abstraktionen mögen etwas willkürlich oder gar spielerisch wirken, doch sie zeigen schon, welche Räume aktiver bzw. passiver sind.